illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 1 Herbst 97

Schöne alte Reichswehr -
Pardon wird nicht gegeben

Traditionslinie entdeckt. Friedenschaffende Einsätze gab es schon anno 1900 und 1904

Daß deutsche Soldaten ins Ausland geschickt werden, um dort auf ihre Weise für "Frieden" zu sorgen, ist für die Bundeswehr zwar etwas Neues. Es kann aber, entsprechende Geisteshaltung vorausgesetzt, durchaus eine Traditionslinie ausgemacht werden. Klaus Naumann, mittlerweile Vorsitzender des NATO-Militärausschusses, gab im Oktober 1995 als Generalinspekteur der Bundeswehr zum besten: Der Bundeswehrangehörige sei "ein Soldat, der auch fern der Heimat versucht, Krisen von seinem Land fernzuhalten, das während seines Einsatzes weiter in Frieden lebt. Eine neue Dimension für deutsche Soldaten, die ähnliches in diesem Jahrhundert bislang nur zweimal vor 1945 ... erlebten." 1)

Da die Wiederanknüpfung an alte Traditionen deutschen Soldaten leider zuzutrauen ist, lohnt ein Blick in die Geschichte. "Friedenschaffende" Einsätze hat es sowohl 1900 in China als auch 1904-1907 in Deutsch-Südwestafrika gegeben. Beide Male ging es in erster Linie um den Schutz deutscher Interessen, darunter die Sicherstellung des Zugangs zu Rohstoffen - und dies gehört ja mittlerweile wieder zu den Aufgaben der Bundeswehr.2)

"Wer Euch in die Hände fällt, sei in Eurer Hand"

Im Sommer 1900 tobte in China der "Boxeraufstand". Jahrelange Demütigungen durch die Großmächte, unzählige Eingriffe in die chinesische Souveränität und ungesühnte Gewaltakte an Einheimischen ließen zehntausende Chinesen Sturm gegen Kolonialisten und christliche Missionare laufen. Aufständisch war dies nur in den Augen der imperialistischen Mächte, denn zur chinesischen Dynastie verhielt sich der Geheimbund der Boxer 3) weitgehend loyal: "Unterstützt die Ch`ing(-Dynastie), vernichtet die Fremden!", war dessen populärstes Motto.

Das nahmen seine Anhänger zunehmend wörtlich und begannen damit, Christen und Ausländer anzugreifen.

Da die chinesische Verwaltung deren Schutz weder garantieren konnte noch wollte und die Großmächte nicht vorhatten, auf ihre "Ansprüche" - wie z. B. die Kontrolle über 13 der 18 chinesischen Provinzen - zu verzichten, gab es Gelegenheit zu einem humanitären Einsatz. Eine erste internationale Truppe marschierte am 10. Juni 1900 auf Peking zu, wurde aber zur Umkehr gezwungen. Die chinesische Regierung begriff diesen Vorstoß als Kriegserklärung. Der deutsche Botschafter Klemens von Ketteler wurde erschossen, das Botschaftsviertel in Peking belagert.

Das Militärbündnis, dem Rußland, Frankreich, Italien, Großbritannien, die USA, Japan, Deutschland und Österreich angehörten, ließ daraufhin seine Muskeln spielen. Kaiser Wilhelm II., durch die Ermordung seines Botschafters aufs Blut gereizt, setzte durch, daß die Leitung des Einsatzes dem deutschen Generalfeldmarschall Alfred Graf von Waldersee unterstand. Das über 10.000 Mann starke deutsche Korps, das am 27. Juli eingeschifft wurde, stachelte er auf: "Kommt Ihr vor den Feind, so wird er geschlagen, Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht. Wer Euch in die Hände fällt, sei in Eurer Hand (...) möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bekannt werden, daß niemals ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen." 4)

Die deutschen Retter kamen indes zu spät: Erst am 13. September landeten sie in China, rund einen Monat, nachdem andere Truppen Peking eingenommen hatten. Der (von den Alliierten so titulierte) deutsche "Weltmarschall" von Waldersee kam gar noch später.

Die Deutschen, gekommen, um wie die Hunnen zu wüten, mußen nun verzweifelt Feinde suchen und mischten in den Rachefeldzügen der Großmächte ordentlich mit. Peking und andere Städte wurden verwüstet, geplündert, Frauen vergewaltigt, vorgebliche Boxer ermordet. Wie es der Kaiser befohlen hatte: "Peking muß ... dem Erdboden gleichgemacht werden ... Peking muß rasiert werden." 5)

Wo deutsche Soldaten im Anmarsch waren, ergriff die einheimische Bevölkerung, wenn möglich, die Flucht. Mehrfach wurden "Boxerdörfer" niedergebrannt und "alle Einwohner mit Bajonetten niedergestochen". Dabei wurden schon mal "unglücklicherweise" die "verkehrten" Dörfer heimgesucht...

Der Soldat Heinrich Haslinde beschrieb seinen Eltern ungeniert, wie er Chinesen, die ihm die geforderten Lebensmittel nicht aushändigen wollten, "mit der Lanze über den Schädel (schlug), um meinen Worten mehr Nachdruck zu geben." Als seine Opfer sich wehrten, "durchbohrte (ich) mit der Lanze den einen Chinesen und stach einen anderen nieder." Dafür mußte das Dorf (!) 30.000 Mark "Strafe" bezahlen.6)

Doch selbst das Plündern wollte nicht immer gelingen: Beim Vormarsch auf Peking fand Oberstleutnant Gündell die Landschaft von Boxern und Russen "ausgesaugt" vor, "an Kontributionen nicht mehr viel zu holen", rapportierte er enttäuscht seinem Chef.7)

Der hieß Emil von Lessel, war Generalleutnant und Kommandeur des deutschen Korps'. In seinen Erinnerungen schildert auch er so manchen Übergriff. Den Chinesen wurde geklaut, was man gerade brauchen konnte. Chinesen, die nach Behauptungen von Missionaren zu den Boxern gehörten, wurden hingerichtet.

Am 19.12.1900 kam es zu einem "heißen Gefecht", in dessen Verlauf zwar 200 Chinesen auf der Strecke blieben, aber wundersamerweise nur drei deutsche Soldaten verwundet wurden. Ein britischer General, Zeuge des angeblichen "Gefechts", sprach von einem gnadenlosen Abschlachten unbewaffneter Einwohner.

Der 1901 abgeschlossene Friedensvertrag verpflichtete die chinesische Regierung zu einer Entschädigungszahlung von 450 Millionen Silberdollar, zahlbar in 39 Jahresraten, von denen jede 20 % des Budgets ausmachte. Für die Sicherstellung ihrer weiteren Ausbeutung wurden die Ausgebeuteten zur Kasse gebeten. Die Deutschen machten sich dadurch wichtig, daß sie auf den Bau eines Denkmals für den erschossenen Botschafter bestanden, außerdem hatte ein kaiserlicher Prinz nach Berlin zu reisen und dortselbst um Entschuldigung zu bitten.

Frieden durch Terror

Den zweiten friedenschaffenden Einsatz führte die Reichswehr 1904-1907 in Südwestafrika (SWA) durch, diesmal auf eigene Faust. Mit der Kolonie hatte man Großes vor: Diverse Land-, Konzessions- und Minengesellschaften verlangten nach größeren Gebieten, die Reichsregierung plante eine großflächige Besiedlung.

Dazu mußte freilich den Ansässigen das Land weggenommen werden.

Motto des Gouverneurs Leutwein war dabei stets: "Auch bei rücksichtslosester Kolonialpolitik muß man wenigstens den Schein 8) des Rechts zu wahren verstehen."

Land und Vieh wurden den Eingeborenen nach und nach abgenommen, mal mit nackter Gewalt, mal mit falschen Versprechungen, geschicktem Gegeneinander-Ausspielen der Stämme, mal durch schlichte Übertölpelung.

Afrikaner waren weitgehend rechtlos und wurden zu Hunderten mißhandelt, beraubt und umgebracht, in der Regel ohne Folgen für die Täter. Die Zeugen mußten schon vorsichtiger sein: Ein deutscher Händler, der die Ermordung eines Afrikaners durch einen Soldaten an die Öffentlichkeit brachte, handelte sich einen Boykottaufruf des Distriktchefs ein.

Als die Hereros im Januar 1904 endlich zurückschlugen, war ihr Aufstand schon ein Verzweiflungskampf: "Die Grausamkeit und Ungerechtigkeit der Deutschen hat uns zur Verzweiflung getrieben und unsere Führer und das Volk wußten, daß der Tod seinen Schrecken verlor gegenüber den Bedingungen, unter denen wir lebten." 9)

Die nur 250 Mann schwache Schutztruppe mußte von den aufständischen Hereros in zahlreichen Guerilla-Aktionen herbe Schläge einstecken und schließlich auf Verstärkung warten. Die zweite Gelegenheit für einen humanitären Einsatz out of area war da:

Kaiser Wilhelm, höchst echauffiert, schickte insgesamt 14.000 Soldaten in die Kolonie und gab den Oberbefehl an Generalleutnant von Trotha. Der bekannte sich dazu, den Frieden mit "krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit" wiederherzustellen. "Ich vernichte die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut und Strömen von Geld." 10) Darin kannte er sich aus, war er doch 1900 auch in China dabeigewesen.

Die Streitmacht der Hereros wurde am 11. August geschlagen. Eine nun mögliche Verhandlungslösung lehnte von Trotha ab: Sein Ziel war die restlose Vernichtung, allenfalls die Vertreibung sämtlicher 80.000 Hereros.

Er trieb die Flüchtenden gezielt in die Omaheke-Wüste, wo Tausende verdursteten. "Die wasserlose Omaheke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen haben: die Vernichtung des Hererovolkes", verlautbarte dazu der Generalstab 11).

Weil aber noch immer Hereros in ihrem Land herumliefen, proklamierte von Trotha am 2. Oktober 1904: "Das Volk der Herero muß jeder das Land verlassen (so!) ... Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero, mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen." 12)

Mittlerweile hatten auch die Namas revoltiert; ihre Gefangenen erlebten die Kriegsgefangenschaft wie die Hereros als Instrument der Vernichtung: Aus einer Statistik über die Sterblichkeit in Kriegsgefangenenlagern, welche die Deutschen als gute Buchhalter führten, geht hervor, daß von 17.000 Gefangenen in der Zeit von Oktober 1904 bis März 1907 45,2 Prozent starben. Besonders übel erging es gefangenen Namas auf der Haifischinsel: In deren feuchtem und kaltem Klima starben zwischen September 1906 und April 1907 mit 1.032 Gefangenen von insgesamt 1.795 mehr als die Hälfte, 123 galten als todkrank.

Die Friedensaktivisten des deutschen Imperialismus hatten ganze Arbeit geleistet: Von rund 80.000 Hereros zu Beginn des Aufstandes hatten sie ungefähr 15.000 übriggelassen. Bei den Namas waren sie etwas großzügiger: Hier überlebten knapp die Hälfte von zuvor 20.000.

Vorwärts in die Vergangenheit

Beide Hilfseinsätze hatten übrigens ein parlamentarisches Nachspiel: Beim China-Einsatz handelte es sich um einen "klipp und klaren" Verfassungsbruch, donnerte der SPD-Führer August Bebel im Reichstag. Grund: Er war vom Kaiser eigenmächtig ohne Hinzuziehung des Parlaments durchgezogen worden. Das sah aber schon damals niemand so eng, das katholische Zentrum vor allem hielt tapfer zur Regierung: Schließlich hatte es schon 1898 mit ihr gedealt, als es der Flottenvorlage im Reichstag zur Mehrheit verhalf und dafür den Schutz katholischer Missionare versprochen bekam.

1906 waren dem Reichstag die von Trotha geschaffenen "Ströme von Geld" zu breit und er verweigerte die Zustimmung zum Etat. Eine bemerkenswerte Haltung, bedenkt man die volkskammerartigen Zustimmungsquoten, mit denen der Bundestag den Jugoslawien-Einsatz guthieß. Schließlich kann ihm nicht so einfach das gleiche passieren wie seinerzeit dem Reichstag: Der wurde kurzerhand aufgelöst. Die sogenannten "Hottentottenwahlen" im Januar 1907 geben Zeugnis vom nationalistischen Klima, das schon damals in Deutschland herrschte: Der "Bülow-Block" um den amtierenden Reichskanzler errang 49 Prozent der Mandate, die SPD mußte erstmals seit 1890 Verluste hinnehmen.

Kamerad Naumann, darf man vermuten, wußte das alles schon. Statt eines "Weltmarschalls" will man heute einen Sitz im Sicherheitsrat, deutsche SFOR-Soldaten schießen in Albanien auf revoltierende Einwohner (Boxer sind außer Mode). Folter und Vergewaltigungen für künftige Einsätze werden im Lager Hammelburg fleißig trainiert, und um das Grundgesetz muß man sich dabei nicht sorgen - die Wiederanknüpfung an alte Traditionen ist in vollem Gang.

Frank Brendle

 

1) Vgl. Arthur Heinrich: Der Normalisierer geht. Generalinspekteur Naumann - Eine Bilanz. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 3/96, S. 347-359.

2) Diese Aufgaben sind unter anderem in den Verteidigungspolitischen Richtlinien definiert, vgl. dazu weitere Beiträge in dieser Ausgabe.

3) Die Boxer entsprangen einer jahrhundertalten Tradition von Geheimbünden und religiösen Bewegungen. Sie praktizierten religiös-meditative Rituale, in deren Verlauf sie in Trance fielen und sich "besessen" fühlten. Durch das Ritual meinten die Boxer, unverwundbar zu werden - ein Irrtum, den Tausende von ihnen zu spät bemerkten. Die bisweilen ekstatischen Bewegungen der "Besessenen" assoziierten die verwunderten Europäer mit Boxen.

4) Hans Woll: Wilhelm II. Eine Biographie. Graz/Wien/Köln 1995, S. 200f. Von dieser Hunnenrede existieren mehrere Versionen, die sich inhaltlich aber nicht wesentlich unterscheiden. Ausnahme: Die - auf Betreiben des Reichskanzlers nachträglich entschärfte - offizielle Version.

5) Praxis Geschichte, S. 15.

6) Praxis Geschichte, S. 16.

7) Lessel, S. 230.

8) Zit. nach Drechsler, S. 86.

9) Aussage des Sohnes des Häuptlings Zacharias, zit. nach Drechsler, S. 144.

10) Zit. nach Drechsler, S. 156.

11) Zit. nach Bley, S. 204.

12) Zit. nach Drechsler, S. 158f.

 

Auswahlliteratur:

Helmut Bley: Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwestafrika 1894-1907. Hamburg 1968.

Horst Drechsler: Südwestafrika unter deutscher Kolonialherrschaft. Der Kampf der Herero und Nama gegen den deutschen Imperialismus (1884-1915). Zweite Auflage, Berlin/DDR 1984.

Joseph W. Esherick: The Origins of the Boxer Uprising. Berkeley/Los Angeles/London 1987.

Emil von Lessel: Böhmen, Frankreich, China 1866-1901. Erinnerungen eines preußischen Offiziers. Hg. von Walter Hubatsch, Grote 1981.

Praxis Geschichte,

 

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