illoyal - Journal für Antimilitarismus
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Frauen, die in der Bundeswehr bewaffnet dienen wollen, haben das Gleichstellungsargument klar auf ihrer Seite: Keiner Person darf aufgrund ihres Geschlechts etwas verboten werden. Frauen, die in der Bundeswehr in Kampfeinheiten dienen wollen, versuchen damit, sich eine bisher Männern vorbehaltene Tätigkeit anzueignen. In Artikel 12 a Absatz 4 Grundgesetz heißt es: "Sie dürfen auf keinen Fall Dienst mit der Waffe leisten." Kampfeinsätze sind Frauen durch diesen Artikel des Grundgesetzes verboten, doch dieses Verbot könnte den ebenfalls grundgesetzlichen Prinzipien der Gleichberechtigung (Art. 3 GG), der freien Berufswahl (Art 12 GG) und des gleichen Zugangs zu öffentlichen Ämtern (Art. 33 GG) zuwiderlaufen. Als Begründung für das grundgesetzliche Verbot wird häufig angedeutet, daß die VerfasserInnen des Grundgesetzes damit der "Geschichte" Rechnung getragen hätten. Verteidigungsminister Rühe äußerte sich in einem Interview so: "Jeder hat seine eigene Geschichte. (...) Und daß wir behutsam umgehen mit diesem Thema, das hat schon seine Gründe. Die Väter und Mütter, es waren ja auch Frauen beteiligt, die die deutsche Verfassung geschaffen haben, die wollten nach meiner Einschätzung verhindern (so!) eine zu große Verfügbarkeit der Frauen für einen militärischen Einsatz." 3) In dieser eher verschwommenen Weise wird des öfteren in diesem Zusammenhang auf eine mögliche Täterinnenschaft von Frauen angespielt. Tatsächlich hat die Geschichte des NS-Staates gezeigt, daß Frauen nicht nur Opfer von Männern sind, sondern zu Mittäterinnen und Täterinnen werden können. Sie sind voll verantwortlich für ihre Entscheidungen, beispielsweise als Funktionsträgerinnen eines totalitären Staates.4) Ob Frauen deshalb von Kampfeinheiten ausgeschlossen sind, weil sie Täterinnen werden könnten, ist jedoch bezweifelbar. In Wahrheit ist das sexistische Frauenbild, das im Patriarchat vorherrscht, die Ursache für dieses Verbot: Das Kampfverbot für Frauen entspricht einem über Jahrhunderte gewachsenen Tabu, das auch heute noch stärker wirkt als das Gebot ziviler Waffenlosigkeit für beide Geschlechter. Frauen sind angeblich friedfertiger als Männer, das sei die Natur von Frauen. Bewaffnete Frauen werden dementsprechend als unnatürlich, menschlich und sexuell verkommen dargestellt und zu Feindbildern, die mann "Flintenweiber" nennt, stilisiert.5) Der patriarchale Staat behält sich vor, zu bestimmen, inwieweit Frauen sich an den Gewalt-Taten von Männern beteiligen dürfen, und in welcher Form. Derzeit ist es Frauen erlaubt, in der Bundeswehr Sanitätsdienst zu leisten und im Musikkorps zu dienen. Frauen werden also auf vorgeblich klassisch-weibliche Tätigkeiten beschränkt: Sie dürfen helfen, pflegen und schmücken. Wenn sie nicht selbst töten dürfen, so dürfen sie doch dazu den Marsch blasen und kaputte Soldaten reparieren helfen. Helfen, pflegen, schmückenWaffengebrauch ist weiblichen Soldaten erlaubt, so weit er dem unmittelbaren eigenen Schutz dient. Schon Wachdienst geht darüber hinaus: Daß Frauen Männer beschützen, wird für diese anscheinend als ehrverletzend angesehen, denn damit würden Frauen die ihnen zugewiesene Rolle des potentiellen Opfers überschreiten - der Schutz von Frauen (und Kindern) liegt im wahrsten Sinne des Wortes in der Gewalt von Männern. Sollte Frauen in Zukunft Wachdienst oder gar Dienst in Kampfeinheiten erlaubt werden, wird es interessant sein, zu beobachten, welche Widerstände aus den Reihen männlicher Soldaten und Vorgesetzter sich dagegen erheben wird und mit welchen Argumenten - Unfähigkeit? Schwäche? Größere Angreifbarkeit? Einstweilen führt die Wehrbeauftragte des deutschen Bundestages wirtschaftliche Gründe gegen den Einsatz von Frauen in der Armee an. Wachdienst mag sie noch gelten lassen, aber mehr nicht. In den USA seien weibliche Stellen in der Armee "zu einem Drittel überbesetzt, um Ausgleich zu schaffen für schwangere Soldatinnen". Überdies wären bei mehr Frauen in der Bundeswehr auch Kindergärten notwendig, die Frauen könnten auf die Idee kommen, Teilzeit arbeiten zu wollen und so weiter.6) Mit einem Wort, Frauen wären weniger flexibel, würden aber höhere Kosten verursachen. Dieses aus der Privatwirtschaft gut bekannte Argument gegen die Beschäftigung von Frauen dient hier wie dort dazu, Frauen von bestimmten Tätigkeiten auszuschließen. Im Umkehrschluß hat es den Zweck, den Mythos von den gesunden, flexiblen und effizienten jungen Männern - Soldaten - aufrecht zu erhalten. Diese Eigenschaften, die angeblich für den Kampfeinsatz nötig sind, werden Frauen schlicht abgesprochen. Sie und ErSoldaten sollen den Befehlen ihrer Vorgesetzten bedingungslos gehorchen - auch in für sie selbst lebensbedrohlichen Situationen. Die normalerweise vorhandene Hemmung, Lebewesen der gleichen Art - Menschen - zu töten, soll bei Soldaten ausgeschaltet werden. Eigene Gedanken und eine eigene Identität sind dabei hinderlich. Angehörigen einer Armee wird eine gemeinsame Identität anerzogen: In ihnen wird die Illusion geweckt, sie wären alle gleich und Angehörige einer verschworenen Gemeinschaft. Diese Illusion würde aufgebrochen, wenn offensichtlich andersartige - weibliche - Personen in der geschlossenen Männergesellschaft erscheinen würden. Selbstverständlich entspricht die Gleichheit aller Armeeangehörigen ohnehin nicht den Tatsachen: In den gefährlichen Situationen agieren junge Männer auf Befehl alter Männer, die sich in der Regel selbst in Sicherheit befinden. Potentielle Gegner, beispielsweise Angehörige einer anderen Armee oder Zivilpersonen in einem gegnerischen Land, müssen fremd gemacht werden, damit mann sie töten kann. Armee und Staat definieren daher letztlich, was bekannt und was fremd ist, wer dazugehört und wer ausgeschlossen wird. Das Soldatische schließt Frauen aus: Militärische Erziehung von Männern bedeutet Erziehung zu einem definierten Bild von Männlichkeit. Männer zu werden, heißt Gewalt ausüben zu dürfen. Für Frauen ist Gewaltausübung nicht vorgesehen, sie sollen die Rolle von Opfern ausfüllen. Soldaten dagegen dürfen nicht als potentielle Opfer erkennbar werden. "Männer können durch ihr Verhalten dem Opfer-Status entfliehen, Frauen nicht. (...) Männer entfliehen dem Stigma "Weiblichkeit", indem sie lernen, Terror auszuüben. Die Loyalität von Männern zu Gewalt ist zentraler Bestandteil ihrer Identität, und Gewalt ist institutionalisiert in Sport und Militär, in der Geschichte und dem Heldenmythos." 7) Der eigene, im Krieg sogar sehr wahrscheinliche Tod wird entweder als extremer Ausnahmefall dargestellt oder zu einem Heldentod stilisiert. Das staatliche Gedenken für die beiden kürzlich in Bosnien durch Feuer aus den eigenen Reihen versehentlich getöteten Soldaten beweist es. Dem militärischen Mythos entspricht, daß Frauen und Kinder beschützt werden. In Wahrheit jedoch wird im Krieg massenhaft Gewalt gegen Frauen und Kinder ausgeübt. Damit soldatische Gewalt gerechtfertigt werden kann, werden Frauen in böse und gute geteilt. Gut sind die eigenen Frauen, sofern sie sich den Zielen des Krieges nicht entgegenstellen, sondern unterordnen. Die potentiellen Opfer werden angeblich geschützt. Soldatische Gewalt gegen diese Frauen wird verheimlicht. Böse sind dagegen die Frauen des Gegners. Sie dürfen vergewaltigt und getötet werden.8) Das gilt als übliche Waffe im Krieg. Mann kann damit gleichzeitig die männlichen Qualitäten des Gegners angreifen und ihn demoralisieren. Gewalt gegen Frauen wird überdies benutzt, um zum Krieg aufzuhetzen. Beispielsweise im ehemaligen Jugoslawien wurden Vergewaltigungen als Kampfmittel eingesetzt. Schon im Vorfeld der bewaffneten Auseinandersetzungen wurden sie in den jugoslawischen Medien instrumentalisiert, um den Konflikt zu schüren. Später wurde damit auch in internationalen Medien die Fortführung des Krieges legitimiert. Der Einsatz deutscher Truppen in Bosnien wurde in den bundesdeutschen Öffentlichkeit häufig damit begründet. Vergewaltigung und Mord an Frauen gehörten zur normalen Kriegführung beispielsweise der US-Armee in Vietnam.9) Frauen kann mann in Bundeswehr-Kampftruppen nicht gebrauchen, weil die Rolle der gewalttätigen Männlichkeit für sie nicht vorgesehen ist. In Armeen, in denen Frauen in Kampfeinheiten ausgebildet werden, gibt es aus den Reihen der Soldaten und Vorgesetzten massive Widerstände gegen ihre Anwesenheit; sie werden, wie aus der US-Armee bekannt, schikaniert und gemobbt.10) Frauen können im Prinzip alles, was Männer können, auch töten auf Befehl. Frauen können Täterinnen sein. Das läßt sich durch nichts entkräften. Gerade weil Frauen im Prinzip alles können, was Männer können, sollten sie nach dem emanzipatorischen Gehalt und den Folgen dieser männlichen Betätigung fragen. Entscheidend ist nicht, ob Frauen auf Befehl töten können, sondern ob sie das wollen. Entscheidend ist, ob Frauen wollen, daß Armeen auf Befehl und im Interesse des patriarchalen Staats vergewaltigen und morden. Frauen, die in einer Armee Befehlsempfängerin werden wollen, haben damit eine unter Umständen autonome Entscheidung gefällt. Diese besteht darin, daß sie sich in eine patriarchale Gewalt- und Zwangsinstitution hineinbegeben, deren Aufgabe in der Stabilisierung und dem Erhalt des patriarchalen und frauenfeindlichen Staats besteht. Ulrike Gramann |
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