Potsdamer Verein beruft sich auf antimilitaristische Traditionen
Der Mensch hat kein Recht, seinen Mitmenschen zu töten, und er ist nicht entschuldigt, wenn er es in Uniform tut. Damit fügt er lediglich dem Verbrechen des Mordes die Schande der Knechtschaft zu.
Percy Bysshe Shelley (1792 - 1822)
Es ist nicht erst seit heute bekannt und hat sich rumgesprochen, daß Soldaten auch Mörder sind. Diejenigen, die davongelaufen sind, die Gejagten, die Beschimpften, die Geschlagenen, die Ermordeten, die bis heute Verleumdeten - die Deserteure wußten, wovor sie fliehen. An die, die sich "dem Allerabscheulichsten" (Voltaire) entzogen, erinnert das "Denkmal für die unbekannten Deserteure" des türkischen Bildhauers Mehmet Aksoy. Der "Stein des Anstoßes", wie es auch genannt wird, steht auf dem Platz der Einheit in Potsdam. Aus weißem Marmor bricht der Umriß eines Menschen, eines Fliehenden. Sein Körper fehlt im Block.
Die Ungehorsamen und Verweigerer wurden von den Mächtigen dieses Landes noch nie geliebt oder auch nur geduldet. Dem Stein ihnen zu Ehren erging es ähnlich. Nach einer unwürdigen Reise durch einige deutsche Städte, wo das Denkmal zum Teil nur stundenweise den öffentlichen Raum "besudeln" durfte, fand es 1991 einen festen Platz in Potsdam. Nicht ohne Widerstand insbesondere einiger "Aufrechter", die ihre Jugend für Führer und Vaterland im Schützengraben zubrachten, wie sich denken läßt.
Dennoch: Es steht hier und braucht einen Förderverein. Weil Antimilitarismus nicht mit der Aufstellung und Betreuung von Denkmalen aufhört, widmet sich der Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V. noch verschiedenen anderen Projekten. Denn außer langen Namen machen wir noch mehr.
So forschen gegenwärtig einige Mitglieder dem Leben und Wirken Moritz von Egidys in Potsdam und Umgebung nach. Moritz von Egidy, der einer eingefleischten Militaristenfamilie entstammte und selber Offizier beim preußischen Militär war, machte sich inmitten seiner militärischen Laufbahn "Ernste Gedanken" (so der Titel seiner ersten Veröffentlichung): Die "Ernsten Gedanken" zeigen, daß er begriff, worum es beim Strammstehen und Marschieren ging. Die Folge war seine Entlassung und eine von nun an währende Bespitzelung durch das preußische Innenministerium. Von Egidy avancierte zu einem der bedeutendsten Vertreter des deutschen Pazifismus vor der Jahrhundertwende. Seine Grabstelle befindet sich in Potsdam, sein Tod jährt sich im kommenden Jahr zum 100. Mal.
In Zusammenarbeit mit einem Projekttutorium der Uni Potsdam soll dem Phänomen der Desertion in der Potsdamer Garnison im 18. Jahrhundert nachgegangen werden. Das Projekt zielt auf eine sozialkritische Betrachtung, die sich nicht an Monarchen und dergleichen festbeißt, es forscht nach "Geschichte von unten". Das Projekttutorium findet im kommenden Wintersemester 97/98 statt.
Potsdam und (Anti-)Militarismus wird auch das Thema eines anspruchsvollen Videoprojektes sein, das im kommenden Jahr in Zusammenarbeit mit Gymnasiasten der Stadt verwirklicht werden soll. Eine schon bestehende SchülerInnen-AG will sich dem Thema auf ungewöhnliche Weise nähern. Auf das Ergebnis darf jedeR gespannt sein.
Kurz und gut: Es gibt uns, und hoffentlich lädt nicht nur der Name zum Stolpern ein. Wir suchen noch MitstreiterInnen, Ideen und natürlich Geld. Ihr wißt ja, wie schnell derzeit die Fördertöpfe versiegen. Wenn ihr eines der drei oder gar alles habt, schreibt uns oder ruft an: (0331) 2702426.
Jörg Kwapis
Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen
Lindenstr. 5
14467 Potsdam
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