illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 1 Herbst 97

Kommando Spezialkräfte: neue Eliteeinheit

Urlauber und Wirtschaftsflüchtlinge mit deutschem Paß können sich gelassen in allen Krisenregionen dieser Welt aufhalten. Die neue Eliteeinheit der Bundeswehr, das Kommando Spezialkräfte (KSK), soll deutsche Staatsbürger aus bedrohlichen Situationen im Ausland herausschießen. Diese exklusive Schutzoption besteht seit dem 1. April. Ein Blick hinter die Fassade des "Rettens und Helfens" verdeutlicht, wofür die bis zur Jahrtausendwende ausgebildeten Elitekämpfer zu gebrauchen sind.

Die Aufstellung des KSK wurde im März 1995 angekündigt: "Das Brigadekommando 25 in Calw wird in ein Kommando Spezialkräfte umgewandelt. Mit der Aufstellung dieses Kommandos schafft das Heer einen Verbund für rasch notwendige Einsätze, beispielsweise zur Evakuierung deutscher Staatsbürger." 1) Am 20.9.96 offiziell in Dienst gestellt, sind die ersten Soldaten für "Evakuierungsoperationen unter nationalem Kommando" seit April 1997 einsatzbereit.2)

Am 11. September übte das KSK öffentlich. Vor dem stolzen Minister Rühe und unter den Blicken von Politikern und Medienvertretern haben 40 vermummte und schwarz uniformierte Soldaten "deutsche Staatsbürger im Ausland aus den Fängen von Terroristen" befreit.3) Erneut wurde die Aufgabe, Deutsche im Ausland zu retten, in den Vordergrund gerückt. Die Geburtsstunde für das KSK soll die Befreiung von eingeschlossenen Deutschen im April 1994 durch belgische Soldaten aus Ruanda gewesen sein.4) Die Bundeswehr hätte dies damals nicht leisten können. "Was in Ruanda passiert ist, möchte ich nicht wiedererleben", so der damalige oberste General des Heeres Bagger.5)

Tarnen und Täuschen gehören zum militärischen Handwerk. Auch in diesem Fall: Bereits 1990 wurde mit der Aufstellung von "Kommandokompanien" bei den Luftlandeverbänden der Bundeswehr begonnen.6) Dieser jahrelange Aufbau war "von verständlicher Vorsicht ... bestimmt".7) Wollte doch die Bundeswehr den Eindruck vermeiden, sie schaffe sich ein neues und offensives Instrument für weltweite Kampfeinsätze.

Klassische Ziele von Kommandounternehmen sind das "Ausschalten von Kommandozentralen und wichtigen Fernmeldeeinrichtungen in der Tiefe des gegnerischen Raumes sowie das Gewinnen strategisch und operativ wichtiger Nachrichten".8) "Denken Sie an die Brücke am Kwai - das war KSK", erläuterte der Heereschef Willmann 1996.9) Die "Abwehr terroristischer Bedrohung", "Kampf gegen subversive Kräfte", "verdeckte Operationen" und "Kampfeinsätze" werden als offizielle Aufgaben genannt.10) Evakuierungs- und Rettungseinsätze sind lediglich kleine vorzeigbare Nebenaufgaben.

Fünf Einsatzkompanien werden im Jahr 2001 voll einsatzbereit sein. 41,1 Millionen DM stehen zum Kauf geheimgehaltener Ausrüstung in den Jahren 1997 bis 1999 bereit. Die insgesamt etwa 850 Elitesoldaten haben eine dreijährige Kommandoausbildung zu absolvieren, fast ein Drittel davon Kampf- und Einzelkämpferausbildung.11) Die Zeit- und Berufssoldaten werden durch 150 Wehrpflichtige ergänzt, die als billige Hilfskräfte Küchen- und Schreibdienste verrichten.12) Neben der militärischen Standardausrüstung verfügt das KSK über Präzisionsgewehre, Blendgranaten, Laptops, Gleitschirme, Nachtsichtgeräte, Sauerstoffmasken und Helme mit integrierter Funkausstattung. Ausgebildet sind sie im instinktiven Schießen, zum lautlosen Töten, Anlegen von Sprengfallen, zum Eindringen zu Land, zu Wasser und aus der Luft.

Als Vorbilder für das KSK dienen der britische "Special Air Service" (SAS) und die US-amerikanischen "Green Berets", die auch Ausbildungshilfe leisten.13) Die SAS hat 1988 unbewaffnete Mitglieder der IRA auf Gibraltar erschossen und war in Nordirland zur Aufstandsbekämpfung eingesetzt. Kommandosoldaten der USA waren in Nikaragua, in Grenada und Afghanistan aktiv.14) Rund 3.800 US-Kommandosoldaten befanden sich 1994 in 241 Einsätzen, obwohl sich offiziell die USA nicht in kriegerischen Konflikten befand.15) Geheime Einsätze außerhalb jeder öffentlichen oder parlamentarischen Kontrolle. Wie schwärmt doch die Bundeswehr in ihren eigenen Medien: "Keiner sieht sie kommen. Keiner weiß, daß sie da sind. Und wenn ihre Mission beendet ist, gibt es keinen Beweis dafür, daß sie jemals da waren." 16)

 

Ralf Siemens

1) Ressortkonzept zur Anpassung der Streitkräftestrukturen, der Territorialen Wehrverwaltung und der Stationierung.

2) FAZ, 2.4.97; Europäische Sicherheit 8/97, S. 52.







3) Der Tagesspiegel, 12.9.97; Die tageszeitung (taz), 13./14.9.97.

4) Europäische Sicherheit 8/97, S. 50.

5) Rheinischer Merkur, 29.12.95.







6) Loyal 6/95, S. 18; "HEER" 9/95, S. 3.

7) Generalmajor a.D. Bernhardt in: Europäische Sicherheit 8/96, S. 22.






8) Truppenpraxis /Wehrausbildung 11/1996, S. 742

9) Die Bundeswehr 10/96, S. 80.

10) Antwort der Bundesregierung vom 4.2.1997 auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.





11) dito

12) Truppenpraxis/Wehrausbildung 11/1996, S. 742.










13) Antwort der Bundesregierung vom 4.2.1997 auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

14) Die Tageszeitung (taz), 25.4.97; Berliner Zeitung, 15.4.95.

15) Die Bundeswehr 10/96, S. 80.

16) Die Bundeswehr 8/97, S. 66.

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