illoyal - Journal für Antimilitarismus
"Ich sehe meinen Pritschennachbarn zur Früh am Latrinenbalken
hängen, ein Schild um den Hals: ICH WAR EIN KRIEGSVERBRECHER."
1)
1. Siegfried war ein schlechter Held:Er hütete es schlecht, das Geheimnis seiner Kraft und das Wissen um seine Verwundbarkeit. Hagen, der bessere, weil geschicktere Krieger, tötete ihn hinterrücks an der Quelle. Doch bester Held war König Gunther, der solchen Helden zum Lehnsmann hatte. Schade nur, daß Siegfried sich mit der Heldin Kriemhild verbunden hatte, die ihn mit Strömen von heldischem Blut und unter Zerstörung Tausender Rüstungen zu rächen wußte.2)Gute Helden, wenn sie schon sterben müssen, haben die Wunden vorn. Die Heroen der großen Epen des Hochmittelalters kämpften für die Ehre, einen damals gar nicht metaphysischen, sondern materiell durch Herrschaft bestimmten Wert. Wer Lehnsmann des Mächtigsten war, hatte selbst Macht und konnte über materiellen Reichtum in Gestalt von Land verfügen, das von abhängigen Leuten bewohnt war. Dies verband sich aufs beste mit der Geschichte vom jeweils eigenen unbesiegbaren Geschlecht, dessen tote Helden Macht und Ehre eines Adligen überhöhten: Die Macht der toten, durch Heldentum unsterblichen Vorfahren setzte sich physisch in die Wucht der eigenen Schwerthand um. Ein adliges Geschlecht: eine aus den mythischen Brunnen der Vergangenheit schöpfende Folge von Schlagetots. Die Neuzeit hat an die Stelle der vergleichsweise unmittelbaren Interessen mittelalterlicher Herrschaftskonflikte und christlicher Kreuzzüge den modernen Krieg gesetzt. Schon die Landsknechte, erst recht aber die massenhaft ausgehobenen Soldaten neuzeitlicher Armeen verbindet wenig mit ihren Kriegsherren. Eigener Anteil an Herrschaft wird durch den relativ unsicheren Sold ersetzt; die Ziele neuzeitlicher Herrscher und bürgerlicher Regierungen sind von den Interessen der wirklichen Kombattanten weit entfernt. Warum also sich in Todesgefahr begeben? Wer keine unmittelbaren Vorteile erkämpfen kann, braucht eine höhere Idee (und ein Feindbild). So - in äußerster Kürze zusammengefaßt - entstand das Konstrukt des Heldentods für das Vaterland. Statt unmittelbarer Teilhabe an der Macht wird unsterblicher Ruhm verheißen. Wer fürs Vaterland stirbt, wird für einen vorgeblich höheren, quasi religiösen Zweck geopfert. Beweis genug sind die wohlgepflegten Kriegerdenkmäler überall im Land, bedeckt mit Allegorien der Tapferkeit und des Sieges. Der Tod im Krieg, wird suggeriert, ist heroischer, besser und nicht zuletzt ästhetischer als der "gewöhnliche", zivile Tod der BürgerInnen. Im Krieg stirbt mann nicht, sondern "fällt" oder "wird gefällt" (wie eine Eiche). So wurden im nationalsozialistischen Deutschland die Toten des Bombenkrieges in den Todesanzeigen durch einen fetten schwarzen Balken von jenen getrennt, die den Heldentod auf dem Schlachtfeld gestorben waren. Die dritte und niedrigste Kategorie stellten die ohne besonderes Heldentum gestorbenen Personen dar - in einem eigenen Kasten waren sie in den Zeitungen vom Kasten der Kriegstoten abgeteilt.3) Tote wurden post mortem zu Helden gemacht, indem den trauernden Eltern das nachträglich verliehene Eiserne Kreuz übergeben wurde. "Gefallene" konnten als ganz besondere Männer sogar noch aus "Fräulein" Frauen - freilich Witwen - machen, denn auch nachträgliche Eheschließungen waren im Dritten Reich möglich und wurden durch Zeitungsanzeige bekannt gegeben. 4) Den Krieg und das Heldentum verherrlichende Filme und Bücher finden sich nicht nur in der Trivialkultur, sondern auch in der "guten" Literatur. Und wo, wie in Ernst Jüngers "Stahlgewittern", auch von Tod, Zerfleischung und Gaskrieg die Rede ist, wird doch alles überstrahlt von märtyrerhaftem Glanz, der den Kriegern verliehen wird: Ihr Antreten am Morgen wird zu einem "furchtbare(n) schweigende(n) Zeremoniell, durch welches sich das Blutopfer ankündigt", das Schlachtfeld zur "Walstatt". Von diesem Ort aus wird der Krieger direkt in die Unsterblichkeit erhoben. Krieger erinnern Jünger "lebhaft an die Männer im feurigen Ofen", also an heilige Märtyrer, welche zum Lobe ihres Gottes starben. 5) Wer's glaubt, wird selig? Religiöse Überhöhung von Kriegsverbrechen hat genau diesen Zweck: glauben und mitmachen. Schlimm genug, es funktioniert noch immer. Nicht nur, daß penetrant in der Öffentlichkeit (nicht in seriöser historischer Forschung) behauptet wird, Wehrmachtssoldaten hätten keine Morde begangen: Der faschistische Staat stilisierte sie zu Märtyrern für den "Lebensraum im Osten" und im Kampf gegen den "jüdischen Bolschewismus". Heute werden sie vom bürgerlichen deutschen Nachfolgestaat ersatzweise zu Opferlämmern des faschistischen Staates stilisiert. Man muß nur die umgestaltete Neue Wache in Berlin besuchen, in der unterschiedslos Täter und Opfer geehrt werden. Bloß keinem verraten, daß der zweite Weltkrieg ein Verbrechen war. Sonst könnte einer auf die Idee kommen, daß neue Kriege aus Soldaten erneut Verbrecher machen werden.
2. Meist wird der Tod verdrängt,wenn in der Öffentlichkeit die Rede über Bundeswehr-Einsätze in Kriegen und Kriegsgebieten geht: 1993 wurden Bundeswehr-Soldaten nach Somalia geschickt, um dort als "Blauhelme" einen vorgeblich humanitären Dienst zu leisten. Damals wurde erstmals öffentlich darüber philosophiert, was eigentlich geschähe, kämen bundesdeutsche Soldaten im Auslandseinsatz ums Leben. Ein namentlich nicht genannter Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums erklärte auf die Frage, wie mit der Nachricht vom ersten Gefallenen in einem Bundeswehr-Einsatz verfahren werde: "Wir werden das händeln wie einen ganz normalen Unfall."6) Wenige Wochen darauf fragte eine der potentiellen Witwen im "Stern": "Warum bist du eigentlich in Mogadischu, wo es bei uns doch immer heißt, ihr seid in Belet Huen, wo nichts passieren kann?"7) Nichts passieren? Tod als Unfall?Der damalige BW-Generalinspekteur Naumann erklärte, der Tod gehöre "zur neuen Dimension unseres Auftrages, und ich habe schwer an dieser Verantwortung zu tragen."8) Im gleichen Jahr kam ein BW-Soldat im Einsatz in Kambodscha ums Leben. Doch noch wird die Öffentlichkeit in der Illusion gewiegt, Einsätze von Bewaffneten könnten nicht zum Tode führen, sondern zum größeren Ruhm der Bundeswehr und zum Heil der von ihr "Beschützten" - obwohl es inzwischen Verletzte und Tote in Auslandseinsätzen gegeben hat. Als im Juni 1996 erstmals ein deutscher Soldat der IFOR-Truppe in Bosnien angeschossen wurde, wurde die Meldung dieses "Zwischenfalls" in ihrem Gewicht durch die Vermutung offizieller Bundeswehr-Stellen abgeschwächt, es sei "unklar, ob es sich überhaupt um einen gezielten Schuß gehandelt hat."9) Als könne es in Bosnien niemanden geben, der einen Bundeswehr-Soldaten als militärischen Feind betrachtet und deshalb einen gezielten Schuß auf ihn abgibt. Ein freiwillig Längerdienender, der wenig später in der FAZ über seinen Einsatz in Bosnien berichten durfte, erwähnt den Tod nur indirekt, indem er einen Taxifahrers zitiert, der ihm schilderte, "wie seine Kameraden umgekommen sind." "Als Soldat nimmt man solche Geschichten anders auf." Doch das eigene mögliche Sterben wird verdrängt: Man hatte in Bosnien nur mit Aufräumarbeiten zu tun. Die Unannehmlichkeiten des Krieges beschränkten sich darauf, daß man nicht zum Ausschlafen kam und immer nur zwei Minuten zum Duschen hatte "eine Minute zum Einseifen, eine zum Abseifen." 10) Und, als hätte es frühere "Zwischenfälle" nicht gegeben, meldete dpa am 30.04.1997, deutsche Soldaten wären "erstmals von einem Bosnier mit der Waffe bedroht worden und mußten Warnschüsse abfeuern." 11) Der Tod von Bundeswehr-Soldaten bei Auslandseinsätzen - fünf Tote bisher, nicht gerechnet die Toten des Flugzeugabsturzes mit noch ungeklärter Ursache im letzten Jahr vor der namibischen Küste - sieht noch immer wie ein Unfall aus. Zuletzt traf es Ende Mai 1997 zwei Soldaten, die in Bosnien versehentlich von den eigenen Leuten by friendly fire erschossen wurden. Am gleichen Tag fand in Zittau ein öffentliches Rekrutengelöbnis statt, so daß man - peinlich - eine Schweigeminute in den Ablauf einfügen mußte. Schweigeminute für Unfalltote? Die Bevölkerung soll sich daran gewöhnen, daß Brüder, Söhne und Geliebte in den Einsätzen sterben können. Anläßlich der Bundeswehr-Aktion, bei der 1997 etwa 100 deutsche StaatsbürgerInnen in einer Nacht- und Nebelaktion aus Albanien ausgeflogen wurden, kommentierte die FAZ, Soldaten der Bundeswehr wären nicht mehr "Kämpfer für Nationen, Ideologien und Lebensstile", sondern "kühle Profis organisierter und legitimierter Gewalt (...) gegen die wilde Gewalt der Ethnien, der Clans und Bande", "junge Turnschuh-Männer mit Maschinenpistole und Handy, (...) sie haben nichts mehr zu tun mit dem großen Geschichtstheater dieses Jahrhunderts."12) Cool sollen sie sein, heroisch und ausdrücklich ohne Geschichte. Ein Feindbild ist auch bereit. Weniger heroisch liest sich noch die Formulierung der Wehrbeauftragten des deutschen Bundestags, Claire Marienfeld, die in ihrem Bericht für das Jahr 1996 betont, daß mit dem möglichen Kampf-Auftrag "neue Anforderungen" auf die Soldaten zukommen: "Ihre Gefährdung erhöht sich. Angst, Gefangenschaft, Verwundung und Tod liegen im Bereich des Möglichen. Aber auch der Einsatz eigener Waffen wird konkreter." Gemeint ist: töten und getötet werden. Marienfeld weist darauf hin, daß Soldaten in Auslandseinsätzen in Situationen kommen werden, die nicht "im Rahmen der Kriegsvölkerrechts 'geordnet' sind."13) Und warum sollte ein Mann im Ausland und in fremden Kriegen sterben wollen? Helden werden langsam aufgebaut. Die "Schlacht an der Oder" von 1997 wird bis heute als Schlacht fürs Vaterland vermarktet. An der nationalen Front der Naturgewalten schufen Soldaten angeblich ein "Wunder", der Dank des Vaterlandes, aus dem Munde begeisterter BürgerInnen aus dem Odergebiet, wurde via Fernsehen in alle Stuben übertragen. Wer könnte da noch Soldaten Mörder nennen! Zuerst werden Soldaten zu Helden gemacht. Der Tod kommt später. Ulrike Gramann
1) Franz Fühmann, Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg
Trakls Gedicht. Rostock 1984, S. 46
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