illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 3 Lenz 98

Worte zum Quartal

Karikatur

Worte zum Quartal

Liebe Leserinnen und Leser,

einmal die Augen aufgemacht in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit des Wahljahres 1998 - schon sehen wir überall: Rekruten-Gelöbnisse in der Tradition öffentlicher Aufmärsche und Schwüre aufs Vaterland; Traditionszimmer mit Landkarten von Großdeutschland, die man eben hat in der Bundeswehr und über die auch Rühe nicht gern redet. Wie auch der Traditionserlaß des Verteidigungsministeriums von 1982 festhält, ist Tradition - im Falle der BRD die braune - das Schmiermittel organisierter Gewaltapparate. Militaristische Traditionen blühen nicht allein im verborgenen. Nicht daß wir heimlichen Militarismus besser fänden, aber an wie vielen Ecken und Enden Militärtraditionen öffentlich präsentiert werden - da kann es nicht verwundern, daß wir über den Militarismus in der Bundesrepublik nichts Abschließendes sagen, sondern wieder einmal "nur" einige seiner feldgrauen und olivgescheckten Seiten zeigen.

Und was ist nun Antimilitarismus? Wo ist die "Generallinie"? Eine feste theoretische Grundlage für die antimilitaristische Arbeit der illoyal-Redaktion gibt es nicht, wir wollen schließlich kein Zentralorgan auf tönernen Füßen. Aber streitbereit und neugierig sind wir! Antimilitarismus hat viele Seiten, und emanzipatorische Bewegungen haben oft auch eine antimilitaristische Seite. Deshalb werden wir ab diesem Heft ohne feste Chronologie und ohne Vollständigkeitsgarantie über antimilitaristische Theorien und Kämpfe berichten.

Augen auf! heißt es übrigens auch für Schülerinnen und Schüler. Wie wir aus Berliner Schulen erfahren, wird die Bundeswehr immer dreister und wirbt in diesen Zeiten knapper Schulkassen und finanzklammer Elternhäuser mit quasi kostenlosen "Klassenfahrten", bei denen SchülerInnen eine Woche in der Kaserne leben und dabei das POLIS-Spiel spielen, mit dem sie lernen sollen, daß man Konflikte - natürlich im Ausland - am besten militärisch löst. Sogar in Berufsberatungszentren der Arbeitsämter macht die Bundeswehr sich breit. Was man dagegen tun kann, zeigt ein Bericht der Kampagne Potsdam: Beratung fürs Leben.

Außerdem in diesem Heft: ein Interview mit einem Deserteur aus Österreich, Skandale in US-Kasernen, Biowaffen und vieles mehr.

Im nächsten Heft werden wir die Wehrpflichtfrage noch einmal stellen. Redaktionsschluß ist der 10. Juni - richtig, da war noch was: Am 10. Juni sollen vor dem Roten Rathaus in Berlin wie schon vor zwei Jahren aus Rekruten per Gelöbnis treue Untertanen gemacht werden. Phantasievolle und gewaltfreie Gegenmaßnahmen sind gefragt, findet

die Redaktion illoyal

illoyal@Kampagne.DE