illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 4 Sommer 98

Volk, volker, am volksamsten

"Der öffentliche Straßenraum ist, so lange - wie hier - die Öffentlichkeit nicht aufgehoben ist, das Forum aller, die ihn befugterweise benutzen. Die Bundeswehr kann nicht beanspruchen, das Gelöbnis auf einem öffentlichen Platz vor einem ihr wohlgesonnenen oder wenigstens meinungsindifferenten Publikum durchzuführen. Vielmehr muß sie, da sie sich bewußt nicht auf die ihr ohne weiteres zur Verfügung stehenden Kasernengelände beschränkt, sondern in die Öffentlichkeit und den dort geführten politischen Meinungskampf hineinbegeben hat, kritische Äußerungen der Zuschauer so lange ertragen, als hierdurch nicht der Ablauf der Veranstaltung konkret beeinträchtigt wird, mag auch die von ihr angestrebte Würde und Feierlichkeit der Veranstaltung unter gewissen Beeinträchtigungen leiden und ein ihren Vorstellungen entsprechender Ablauf nicht mehr gewährleistet sein."

9. Juni 1998, Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin

Berlin. Mittwoch, 10. Juni 1998Berlin. Mittwoch, 10. Juni 1998

Sie wollen wieder marschieren, die deutschen Recken. Doch was sich am 10. Juni vor dem Roten Rathaus in Berlin zeigte, war vor allem Stillstand.

332 Soldaten waren angetreten, öffentlich zu geloben, der Bundesrepublik treu zu dienen und diese Republik tapfer zu verteidigen. Die Öffentlichkeit wurde allerdings auf Prominenz und Angehörige der Rekruten beschränkt.

Auf die Frage, warum überhaupt öffentliche Gelöbnisse durchgeführt werden, antwortete Minister Rühe, daß es die Pflege einer guten Traditon sei. Soldaten gelobten indes öffentlich nur während der NS-Zeit (siehe illoyal 3).

Zunächst sollte das Gelöbnis am 13. August stattfinden. Aufgrund des Widerstands aus vielen Richtungen wurde das Spektakel vom Tag des Mauerbaus auf den 10. Juni verlegt, einen nur vermeintlich "geschichtsfreien" Tag.

Vor 56 Jahren wurde an diesem Tag die Bevölkerung Lidices, eines tschechischen Dorfs, von SS-Männern als Vergeltung für das Attentat auf den Reichsprotektor Heydrich massakriert.

Um den Ablauf des Gelöbnisses zu garantieren, marschierten 2.200 PolizistInnen in Berlin auf und sperrten den Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor ab. Ein Verkehrsknotenpunkt - leere Asphaltwüste. Abfalleimer wurden am Abend vorher abgehängt. Ein Transparent, das auf dem Balkon einer Privatwohnung gegenüber dem Gelöbnis-Platz angebracht wurde, entfernte die Polizei, bevor die Aufschrift überhaupt von unten lesbar war. Überall standen Polizisten in Kampfmontur, einige auch in Zivil wartend herum. Stillstand.


Ganz anders hingegen die Veranstaltung "GelöbniX '98", die etwa 200 Meter vom Rekrutengelöbnis entfernt stattfand. Dort war Bewegung, dort war Leben. Ein überspitzter Kommentar eines Sprechers: "Wir haben die bessere Musik. Wir haben die besseren Klamotten. Wir haben die besseren Menschen."

GelöbniX 98 Demo

Die ursprüngliche Planung des GelöbniX '98-Festes sah vor, daß um 11.30 eine Demonstration von der Humboldt-Universität zur Marienkirche gehen sollte. Anschließend sollte ein Friedensfest auf dem Marx-Engels-Forum stattfinden, in Sichtweite vom Roten Rathaus. Dieser Veranstaltungsort wurde jedoch verboten und statt dessen das "Angebot" gemacht, das Fest jenseits des Palastes der Republik, unsichtbar für die Gelobenden und die ZuschauerInnen durchzuführen. Das Verwaltungsgericht jedoch entschied, das Fest auf die Spandauer Straße zu verlegen. Die Demo traf sich an der Humboldt-Universität und zog in weitem Bogen in Richtung Fest. Dort war die Stimmung locker, entspannt, friedfertig. Die Band "Transylvanians" spielte Folk-Rock, es wurde getanzt und gelacht. Gemeinsam mit den DemonstrantInnen haben etwa 2.000 Personen an der Veranstaltung teilgenommen.

Ab 14 Uhr war die Bühne freigegeben für die Vertreter verschiedener Gruppen. Es sprach auch ein Überlebender des Massakers in Lidice.

Krach15 Uhr begann das Rekrutengelöbnis und damit der wichtige Teil der Veranstaltung: Trillerpfeifen und Stadiontröten wurden herausgeholt, Luftballons wurden aufgeblasen. Watte vorsorglich in die Ohren gepropft. Die Musikboxen auf der Bühne wurden in Richtung Gelöbnis gedreht. Selbst die Götter machten mit und drehten den Wind in die günstigste Richtung, so daß der Schall direkt vors Rote Rathaus getragen wurde.

Die Musikanlage war der Polizei wohl zu laut, denn sie versuchte, den Stromgenerator abzustellen. Eine Zeit lang gelang es den Fest-TeilnehmerInnen, sie daran zu hindern, schlußendlich zerstörte die Polizei jedoch den Generator. Angesichts dieser polizeilichen Provokation drohte die Stimmung zu kippen. Trotzdem blieben die FestbesucherInnen friedlich - und laut - weithin hörbar. Es wurde gepfiffen, getrötet, getrommelt, es wurde geschrien und gebuht, jemand spielte auf einer Trompete.

Als es um 15.20 zu regnen anfing, gab es lange Gesichter bei den Rekruten, aber auch beim GelöbniX-Fest. Der Lärm dauerte über eine Stunde und war vor dem Roten Rathaus gut zu hören.

Ein feierliches öffentliches Gelöbnis an einem "geschichtsfreien" Tag, das wollten die Planer des Gelöbnisses inszenieren. Das Ergebnis sah anders aus: Der Tag war nicht "geschichtsfrei"; das Gelöbnis war nicht feierlich. Es fand "in einem mobilen Kasernenhof unter Polizeischutz" (Jürgen Trittin) statt. Es war nicht öffentlich, sondern von einer Minderheit für eine Minderheit inszeniert. Aber: Man "darf sich den Blick für die Realitäten nicht durch Minderheiten verstellen lassen." (Volker Rühe)

Alf Dobbert, Fotos Hans Peter Stiebing, Wir stören gern: Fotos Günther Martin

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