Die Messe-Veranstalter wollen die ILA zum Synonym für Geschäftigkeit
machen und endlich eine größere Rolle im internationalen Messezirkus
spielen. Eindeutig haben sie deshalb in diesem Jahr den Schwerpunkt auf die
Rüstungswirtschaft gesetzt. Die militärische Flugzeugtechnik ist
die Wachstumsbranche schlechthin. Aber bislang liegt die ILA noch weit hinter
den großen europäischen Rüstungsmessen Le Bourget bei Paris
und Farnborough bei London. 1998 kamen nach Farnborough 1.164 Aussteller,
und 1.850 Firmen kamen 1997 nach Le Bourget. Selbst bei der asiatischen
Rüstungsmesse in Singapur waren 1998 immerhin 950 Firmen präsent.
1)
Um dies zu ändern, wurde zum einen das Rahmenprogramm erweitert und
zum anderen versucht, möglichst viele amerikanische, russische und
europäische Rüstungsproduzenten zur Teilnahme zu bewegen. 57
Fachtagungen, Konferenzen und Symposien wurden veranstaltet, entweder direkt
von der Messe Berlin oder in Abstimmung mit ihr. Von diesen Konferenzen hatten
5 einen zivil-militärischen Charakter und 25 einen rein militärischen
Themenschwerpunkt (Kriegsflugzeuge, Raketen, Taktik des Luftkriegs und ihrer
Fortentwicklung). Zudem sollten die Militärkreise auch ungestört
vom gemeinen Menschen ihren Geschäften nachgehen können. Die Mehrzahl
der Tagungen fand in Kasernen oder entlegenen Hotels statt (20) und nur neun
waren im weitesten Sinne öffentlich. Häufig übte die Messe
Berlin nur die Schirmherrschaft aus. Die eigentlichen Veranstalter waren
die Bundeswehr, die West European Armaments Group (WEAG) 2) oder
NATO-Lenkungsausschüsse für einige multinationale Vorhaben wie
NH-90 Hubschrauber, TIGER-Hubschrauber, Eurofighter 2000 oder Future Large
Aircraft (FLA/FTA).
Der zweite Schwerpunkt der ILA, dem East/West Aerospace Center, war vor allem
der Austausch über Rüstungsproduktion mit einzelnen GUS-Staaten,
aber auch mit China gewidmet. Einerseits wolle man die Staaten über
Besonderheiten der "demokratischen" Beschaffungsstruktur informieren, um
zu verhindern, daß sie von internationalen Anbietern über den
Tisch gezogen werden. Andererseits aber soll auch der Markt für deutsche
Firmen geöffnet werden. 3)
Mit dieser doppelten Strategie scheinen die Veranstalter erfolgreich gewesen
zu sein. Bereits im Januar hatten von den zehn größten Unternehmen
sechs zugesagt, darunter auch erstmals Boeing-Mc Donnell Douglas. Auch die
russische Luftfahrtindustrie präsentierte sich mit allen Leitfirmen,
z.B. MAPO/MiG mit dem neuen Kampfflugzeug MiG-29SMT. Erstmals beteiligten
sich auch alle Staaten Mittel- und Osteuropas mit einem eigenen Stand bzw.
Militärgerät an der ILA
Brot und Spiele für das Volk
Messe-Sprecher Holger Rogall zeigte sich über den Besucherzuspruch erfreut:
"Jetzt gibt es keine Berührungsängste mehr." 4)
Im Gegenteil, Kinder jubeln den fliegenden Militärmaschinen zu,
posieren für ihre Väter vor den ROLAND-Flugabwehrwaffen, klettern
eifrig in jedes Kampfgerät hinein, wobei das Bundeswehrpersonal anscheinend
seine fotokopierten Anschläge ignorierte, daß Kindern unter 14
dies verboten ist.
Ausgewachsene Männer stehen vor den Flugzeugen und kriegen glänzende
Augen beim Rekapitulieren der technischen Details, wie früher beim
Auto-Quartett-Kartenspiel. Leider fehlt noch die Kategorie Opfer: "Mein Phantom
kann mit seiner Rakete maximal 3.000 Menschen töten". Wenn
RüstungsgegnerInnen wider der Verherrlichung der Kriegstechnik reden
5), streicheln die BesucherInnen sich nur genüßlich
über ihr neu erworbenes "Desert-Storm"-T-Shirt. Auch die
"Flugvorführungen" sind ein wahrer Massen-Magnet. Obwohl nach dem
Unglück in Rammstein 1988 der damalige Verteidigungsminister Stoltenberg
versprochen hatten, daß es keine öffentlichen Flugvorführungen
von Militärs mehr geben werde, kann ein solches "Volksfest" nicht ohne
diesen Kerosin-Kitzel auskommen.
Eigentlich
gibt es zwei ILAs: eine für Vater und Sohn und eine für das
Fachpublikum. Letzteres war von dem Getümmel eher genervt. Schließlich
sollen seine Waffen Menschen vom Schlag der Besucher nur umbringen. Reden
will man mit ihnen nicht. Das Fachpublikum will vor allem alte Kontakte pflegen,
neue Kunden gewinnen: "Das normale Publikum stört". 6) Bei
den anderen Messen würde es professioneller zu gehen. Dort gäbe
es reine "Geschäftstage". Außerdem vermißt man in Berlin
die kauffreudigen Militärs aus dem Mittleren Osten und Afrika.
Trotz ihrer Bemühungen konnten die Veranstalter keinen aufsehenerregenden
wirtschaftlichen Erfolg verbuchen. 7) Zwar waren sich in Berlin
Politiker und Militärs einig, die Rüstungsindustrie in Europa
müsse dringend umgebaut werden, doch konnten keine weiteren Schritte
vereinbart werden. Auch die erhoffte Beschaffungs-Entscheidung für ein
Bundeswehr-Transportflugzeug blieb aus, obwohl alle Konkurrenten präsent
waren, Antonov mit An-70, Boeing mit C-17 Globemaster und Daimler Benz Aerospace
(Dasa) mit FLA-Konzept.
Bundeswehr Out-of-Area
Die Bundeswehr ist der eigentliche Gewinner der ILA. Obwohl sie weder Hersteller
noch regulärer Anbieter von Waffensystemen sein sollte, zeigten Bundeswehr
und Bundesverteidigungsministerium durch massive Präsenz, daß
auch sie "business" meinten.
Auf dem Freigelände war die Bundeswehr als einer der größten
Aussteller mit allen Varianten des militärischen Fluggerätes
präsent, dazu noch mit Luftabwehrraketensystemen, und zwar direkt an
den beiden Eingängen zur ILA. Jeder Besucher konnte sich also zuerst
an diversen Tötungsmaschinen aller drei Teilstreitkräfte
ergötzen, flankiert von hilfreichen Soldaten. Geworben wurde mit dem
"friedlichen" Einsatz dieser Waffensysteme, also z.B. die Möglichkeiten
der Luftaufklärung im Bereich Ökologie, Katastrophenhilfe und Abwehr
von "Flüchtlingsströmen". Hubschrauber demonstrierten die "schnelle
Hilfeleistung in besonderen Lagen" - wie in Tirana 1997. 8)
Natürlich war auch der Eurofighter zu bestaunen. Zweimal als Modell
zum Begehen für alle Altersgruppen, einmal während der
Flugvorführung in der Luft. Ausgestellt wurde auch die nächste
technische Generation der Waffen, die Drohnen (unbemannte Flugkörper).
Mitsamt ihrer Trägersysteme sollten sie den Besuchern schon jetzt zeigen,
wie schön der Krieg von morgen sein kann: Ohne Gefährdung deutscher
Piloten, weil unbemannt, und billiger als Tornado-Flugzeuge.
Außerdem hatte die Bundeswehr noch eine halbe Ausstellungshalle für
die Anwerbung junger Männer zur Verfügung. Militärs mit schwarzen
Brillen und Overalls laden ein zum Testflug im Jet-Simulator: "Wer es lieber
rasanter mag, darf sich als Pilot im interaktiven Cockpit eines Tornados
versuchen." 9) Überhaupt wurde in dieser Halle versucht,
die Jugend mittels Technik für sich einzunehmen. Geduldig klärten
uniformierte Mitarbeiter jeden Interessierten über das Prüfverfahren
einzelner Bestandteile des Tornados auf. "Interaktive Computer", gesponsort
vom Fraunhofer Institut, zeigen detaillierte Aufnahmen der Umgebung, aufgenommen
via Satellit oder durch Infrarot-Kameras. Nicht erzählt wird, was mit
diesen Informationen im Fall einer "humanitären Hilfe" gemacht wird.
Vor der Eingangstür zum Bundeswehr-Werbezentrum durfte auch der
Bundeswehrreservistenverband Berlin einen großen Stand aufbauen. Hier
verteilten ältere Herren ungehemmt diverse Militaria an jugendliche
Besucher und erzählten von den tollen Sachen, die man in der Bundeswehr
erleben kann. Kaum einer hat es geschafft, den Stand ohne einen der verschiedenen
Klebewimpel oder Brigadeabzeichen zu verlassen.
Christopher Steinmetz, Fotos: Thorsten Schröder
1) taz 15.5.98
2) Die WEAG soll zukünftig größere
Rüstungsbeschaffungsvorhaben der EU-Staaten planen und koordinieren.
3) taz 15.5.98
4)taz 19.5.98
5) Berl.Z. 18/19.5.98
6) taz 23/24.5.98
7) Die eigenen Kosten von 12,5 Mio. DM (geschätzt) sollen zum einen
durch Zuschüsse der Länder Berlin und Brandenburg (4,5 Mio.DM)
und vom Bund durch 1 Mio.DM in Form von zweckgebundener Unterstützung
wie z.B. die Kostenübernahme für die
Bundeswehrausstellungsflächen gedeckt werden. (Berl.Z.16/17.5.98) Zum
anderen durch Eintrittsgelder und Standgebühren für die Firmen.
Die Veranstalter werben mit der Bilanz von 1996, wonach auf der Messen
Aufträge im Wert von mehr als 800 Mio.DM abgeschlossen wurden.
8) TSP 17.5.98
9) ILA-Presseerklärung ILA/11/d/-6.5.98 |
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