illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 4 Sommer 98

Der militärische Wanderzirkus, Station Berlin

ILA 1 Das Motto der diesjährigen Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin war "ILA means business". Um auch weiterhin geschäftstüchtig sein zu können, waren die Veranstalter bemüht, die Erfolge von 1996 zu übertreffen. Etwa 220.000 Besucher (1996: 216.000) bestaunten 278 ausgestellte Fluggeräte (1996: 266) von 825 Unternehmen (1996: 634) aus 32 Staaten (1996: 30). In diesem Jahr konnte man sich auf der ILA ein Bild über die Folgen des Zweckbündnisses zwischen Rüstungswirtschaft, Militär und Politik - unter Zustimmung der Bevölkerung - machen. Dem militärisch-industriellen Komplex gelang es, sich als "Standortfaktor für Deutschland" auch in der Öffentlichkeit durchzusetzen. Mit Roman Herzog durfte sogar erstmals ein Staatsoberhaupt die ILA eröffnen.

Die Messe-Veranstalter wollen die ILA zum Synonym für Geschäftigkeit machen und endlich eine größere Rolle im internationalen Messezirkus spielen. Eindeutig haben sie deshalb in diesem Jahr den Schwerpunkt auf die Rüstungswirtschaft gesetzt. Die militärische Flugzeugtechnik ist die Wachstumsbranche schlechthin. Aber bislang liegt die ILA noch weit hinter den großen europäischen Rüstungsmessen Le Bourget bei Paris und Farnborough bei London. 1998 kamen nach Farnborough 1.164 Aussteller, und 1.850 Firmen kamen 1997 nach Le Bourget. Selbst bei der asiatischen Rüstungsmesse in Singapur waren 1998 immerhin 950 Firmen präsent. 1)

Um dies zu ändern, wurde zum einen das Rahmenprogramm erweitert und zum anderen versucht, möglichst viele amerikanische, russische und europäische Rüstungsproduzenten zur Teilnahme zu bewegen. 57 Fachtagungen, Konferenzen und Symposien wurden veranstaltet, entweder direkt von der Messe Berlin oder in Abstimmung mit ihr. Von diesen Konferenzen hatten 5 einen zivil-militärischen Charakter und 25 einen rein militärischen Themenschwerpunkt (Kriegsflugzeuge, Raketen, Taktik des Luftkriegs und ihrer Fortentwicklung). Zudem sollten die Militärkreise auch ungestört vom gemeinen Menschen ihren Geschäften nachgehen können. Die Mehrzahl der Tagungen fand in Kasernen oder entlegenen Hotels statt (20) und nur neun waren im weitesten Sinne öffentlich. Häufig übte die Messe Berlin nur die Schirmherrschaft aus. Die eigentlichen Veranstalter waren die Bundeswehr, die West European Armaments Group (WEAG) 2) oder NATO-Lenkungsausschüsse für einige multinationale Vorhaben wie NH-90 Hubschrauber, TIGER-Hubschrauber, Eurofighter 2000 oder Future Large Aircraft (FLA/FTA).

Der zweite Schwerpunkt der ILA, dem East/West Aerospace Center, war vor allem der Austausch über Rüstungsproduktion mit einzelnen GUS-Staaten, aber auch mit China gewidmet. Einerseits wolle man die Staaten über Besonderheiten der "demokratischen" Beschaffungsstruktur informieren, um zu verhindern, daß sie von internationalen Anbietern über den Tisch gezogen werden. Andererseits aber soll auch der Markt für deutsche Firmen geöffnet werden. 3)

Mit dieser doppelten Strategie scheinen die Veranstalter erfolgreich gewesen zu sein. Bereits im Januar hatten von den zehn größten Unternehmen sechs zugesagt, darunter auch erstmals Boeing-Mc Donnell Douglas. Auch die russische Luftfahrtindustrie präsentierte sich mit allen Leitfirmen, z.B. MAPO/MiG mit dem neuen Kampfflugzeug MiG-29SMT. Erstmals beteiligten sich auch alle Staaten Mittel- und Osteuropas mit einem eigenen Stand bzw. Militärgerät an der ILA

Brot und Spiele für das Volk

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Messe-Sprecher Holger Rogall zeigte sich über den Besucherzuspruch erfreut: "Jetzt gibt es keine Berührungsängste mehr." 4)

Im Gegenteil, Kinder jubeln den fliegenden Militärmaschinen zu, posieren für ihre Väter vor den ROLAND-Flugabwehrwaffen, klettern eifrig in jedes Kampfgerät hinein, wobei das Bundeswehrpersonal anscheinend seine fotokopierten Anschläge ignorierte, daß Kindern unter 14 dies verboten ist.

Ausgewachsene Männer stehen vor den Flugzeugen und kriegen glänzende Augen beim Rekapitulieren der technischen Details, wie früher beim Auto-Quartett-Kartenspiel. Leider fehlt noch die Kategorie Opfer: "Mein Phantom kann mit seiner Rakete maximal 3.000 Menschen töten". Wenn RüstungsgegnerInnen wider der Verherrlichung der Kriegstechnik reden 5), streicheln die BesucherInnen sich nur genüßlich über ihr neu erworbenes "Desert-Storm"-T-Shirt. Auch die "Flugvorführungen" sind ein wahrer Massen-Magnet. Obwohl nach dem Unglück in Rammstein 1988 der damalige Verteidigungsminister Stoltenberg versprochen hatten, daß es keine öffentlichen Flugvorführungen von Militärs mehr geben werde, kann ein solches "Volksfest" nicht ohne diesen Kerosin-Kitzel auskommen.

ILAEigentlich gibt es zwei ILAs: eine für Vater und Sohn und eine für das Fachpublikum. Letzteres war von dem Getümmel eher genervt. Schließlich sollen seine Waffen Menschen vom Schlag der Besucher nur umbringen. Reden will man mit ihnen nicht. Das Fachpublikum will vor allem alte Kontakte pflegen, neue Kunden gewinnen: "Das normale Publikum stört". 6) Bei den anderen Messen würde es professioneller zu gehen. Dort gäbe es reine "Geschäftstage". Außerdem vermißt man in Berlin die kauffreudigen Militärs aus dem Mittleren Osten und Afrika.

Trotz ihrer Bemühungen konnten die Veranstalter keinen aufsehenerregenden wirtschaftlichen Erfolg verbuchen. 7) Zwar waren sich in Berlin Politiker und Militärs einig, die Rüstungsindustrie in Europa müsse dringend umgebaut werden, doch konnten keine weiteren Schritte vereinbart werden. Auch die erhoffte Beschaffungs-Entscheidung für ein Bundeswehr-Transportflugzeug blieb aus, obwohl alle Konkurrenten präsent waren, Antonov mit An-70, Boeing mit C-17 Globemaster und Daimler Benz Aerospace (Dasa) mit FLA-Konzept.

Bundeswehr Out-of-Area

Die Bundeswehr ist der eigentliche Gewinner der ILA. Obwohl sie weder Hersteller noch regulärer Anbieter von Waffensystemen sein sollte, zeigten Bundeswehr und Bundesverteidigungsministerium durch massive Präsenz, daß auch sie "business" meinten.

Auf dem Freigelände war die Bundeswehr als einer der größten Aussteller mit allen Varianten des militärischen Fluggerätes präsent, dazu noch mit Luftabwehrraketensystemen, und zwar direkt an den beiden Eingängen zur ILA. Jeder Besucher konnte sich also zuerst an diversen Tötungsmaschinen aller drei Teilstreitkräfte ergötzen, flankiert von hilfreichen Soldaten. Geworben wurde mit dem "friedlichen" Einsatz dieser Waffensysteme, also z.B. die Möglichkeiten der Luftaufklärung im Bereich Ökologie, Katastrophenhilfe und Abwehr von "Flüchtlingsströmen". Hubschrauber demonstrierten die "schnelle Hilfeleistung in besonderen Lagen" - wie in Tirana 1997. 8)

Natürlich war auch der Eurofighter zu bestaunen. Zweimal als Modell zum Begehen für alle Altersgruppen, einmal während der Flugvorführung in der Luft. Ausgestellt wurde auch die nächste technische Generation der Waffen, die Drohnen (unbemannte Flugkörper). Mitsamt ihrer Trägersysteme sollten sie den Besuchern schon jetzt zeigen, wie schön der Krieg von morgen sein kann: Ohne Gefährdung deutscher Piloten, weil unbemannt, und billiger als Tornado-Flugzeuge.

Außerdem hatte die Bundeswehr noch eine halbe Ausstellungshalle für die Anwerbung junger Männer zur Verfügung. Militärs mit schwarzen Brillen und Overalls laden ein zum Testflug im Jet-Simulator: "Wer es lieber rasanter mag, darf sich als Pilot im interaktiven Cockpit eines Tornados versuchen." 9) Überhaupt wurde in dieser Halle versucht, die Jugend mittels Technik für sich einzunehmen. Geduldig klärten uniformierte Mitarbeiter jeden Interessierten über das Prüfverfahren einzelner Bestandteile des Tornados auf. "Interaktive Computer", gesponsort vom Fraunhofer Institut, zeigen detaillierte Aufnahmen der Umgebung, aufgenommen via Satellit oder durch Infrarot-Kameras. Nicht erzählt wird, was mit diesen Informationen im Fall einer "humanitären Hilfe" gemacht wird.

Vor der Eingangstür zum Bundeswehr-Werbezentrum durfte auch der Bundeswehrreservistenverband Berlin einen großen Stand aufbauen. Hier verteilten ältere Herren ungehemmt diverse Militaria an jugendliche Besucher und erzählten von den tollen Sachen, die man in der Bundeswehr erleben kann. Kaum einer hat es geschafft, den Stand ohne einen der verschiedenen Klebewimpel oder Brigadeabzeichen zu verlassen.

Christopher Steinmetz, Fotos: Thorsten Schröder



1) taz 15.5.98
2) Die WEAG soll zukünftig größere Rüstungsbeschaffungsvorhaben der EU-Staaten planen und koordinieren.
3) taz 15.5.98
4)taz 19.5.98
5) Berl.Z. 18/19.5.98
6) taz 23/24.5.98
7) Die eigenen Kosten von 12,5 Mio. DM (geschätzt) sollen zum einen durch Zuschüsse der Länder Berlin und Brandenburg (4,5 Mio.DM) und vom Bund durch 1 Mio.DM in Form von zweckgebundener Unterstützung wie z.B. die Kostenübernahme für die Bundeswehrausstellungsflächen gedeckt werden. (Berl.Z.16/17.5.98) Zum anderen durch Eintrittsgelder und Standgebühren für die Firmen. Die Veranstalter werben mit der Bilanz von 1996, wonach auf der Messen Aufträge im Wert von mehr als 800 Mio.DM abgeschlossen wurden.
8) TSP 17.5.98
9) ILA-Presseerklärung ILA/11/d/-6.5.98

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