illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 4 Sommer 98

Worte zum Quartal

Karikatur

Wissen Sie, liebe Leserinnen und Leser,

wer der Vater der Wehrpflicht ist? Schließlich soll sie das legitime Kind der Demokratie sein. Kam sie dazu wie die Heilige Jungfrau zum Heiland? Vielleicht muß man sich zur Beantwortung der Frage das männliche Personal ansehen, mit dem die BRD in ihrer Gründungszeit zu tun hatte. Der Standesbeamte hat da wohl nicht so genau hingeguckt.
Wir beleuchten das Thema Wehrpflicht diesmal auf unserer Titelstrecke. Einspruch gegen das Aufgebot hat in den 50er Jahren die Mehrheit der (westdeutschen) Bevölkerung eingelegt, wenn auch aus recht fragwürdigen Gründen. Die Ehre der Nation wurde bemüht. Darüber mehr in der Serie über die Geschichte des Antimilitarismus.
Der Großvater der Wehrpflicht hieß Landsknecht und war von garstiger Gestalt. Die Franzosen verstießen ihn nach der Großen Revolution und schufen das erste Heer, das zumindest Ähnlichkeiten mit einer Wehrpflichtarmee hatte. Dienstbar machten es sich allerdings auch Napoleon und später die Preußen, wobei spätestens die Wehrpflicht ihre Unschuld verloren hat. Mittlerweile ist sie alt und verbraucht und will so gar nicht zu dem passen, was sich die Potentaten (post)moderner Staaten vorstellen. Die setzen eher auf kleine, schlagkräftige Elitetruppen, weswegen die Wehrpflicht in den letzten Zügen liegt, auch in der BRD.
Die Idee, das Staatsvolk als Manövriermasse zu benutzen, die je nach Bedarf für diese oder jene Zwecke eingesetzt wird, lebt dagegen fort. Die Demokratie ist eben auch nur eine Herrschaftsform und läßt sich mit vielen ein; geboren hat sie auch Zwangsdienste für Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger. Die müssen nun ihren Dienst am Vaterland beim Spargelstechen oder Grünflächenreinigen versehen, andernfalls verlieren sie den Anspruch auf Unterstützung. So verkehren sich Rechte in Pflichten.
Am 10. Juni hielt es die Bundeswehr nicht mehr in der Kaserne. Sie wollte unbedingt vors Rote Rathaus und der Öffentlichkeit ihre Rekruten vorstellen. Die können schon nach 6 Wochen eine Gelöbnisformel nachsprechen. Eigentlich sollten die BerlinerInnen zeigen, wie sehr sie das Kind der Demokratie liebhaben. Daraus wurde nichts, "Gelöbnix!" war angesagt. Das Kind kam in den Laufstall, und nur ausgewählte Gäste durften es ansehen. Außenstehende riefen permanent "Mörder" und machten eine Menge Lärm. Kommentar von Erzieher Schönbohm: "Das ist der Sonderfall Berlin." Stimmt, in Bremen, Hamburg und Frankfurt (Oder) gaben die Städte der Bundeswehr Platzverbot.
Wo der Vater der Wehrpflicht die Aufsicht verweigert oder sich gar querstellt, greift der Übervater ein: Heutzutage braucht es keine Staaten mehr, um Kriege zu führen, Multis stellen selbst Truppen auf oder leihen sich welche. Wie es die Marktsituation erfordert: Söldnerfirmen bieten ihre Dienstleistungen an, um die Interessen von Rohstoff-Förderern oder bedrohten Diktatoren zu sichern.
Wir berichten weiter. Ihnen wünschen wir einen schönen Sommer! Unser nächster Redaktionsschluß ist der 8. September.

die Redaktion illoyal

Glücklichere Familiengeschichten: Karl, dem legitimen Kind von Anke und Micha, seien hiermit unsere herzlichsten Glückwünsche anläßlich seiner Geburt übermittelt!

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