Wissen Sie, liebe Leserinnen und Leser,
wer der Vater der Wehrpflicht ist? Schließlich soll sie das legitime
Kind der Demokratie sein. Kam sie dazu wie die Heilige Jungfrau zum Heiland?
Vielleicht muß man sich zur Beantwortung der Frage das männliche
Personal ansehen, mit dem die BRD in ihrer Gründungszeit zu tun hatte.
Der Standesbeamte hat da wohl nicht so genau hingeguckt.
Wir beleuchten das Thema Wehrpflicht diesmal auf unserer Titelstrecke. Einspruch
gegen das Aufgebot hat in den 50er Jahren die Mehrheit der (westdeutschen)
Bevölkerung eingelegt, wenn auch aus recht fragwürdigen Gründen.
Die Ehre der Nation wurde bemüht. Darüber mehr in der Serie über
die Geschichte des Antimilitarismus.
Der Großvater der Wehrpflicht hieß Landsknecht und war von garstiger
Gestalt. Die Franzosen verstießen ihn nach der Großen Revolution
und schufen das erste Heer, das zumindest Ähnlichkeiten mit einer
Wehrpflichtarmee hatte. Dienstbar machten es sich allerdings auch Napoleon
und später die Preußen, wobei spätestens die Wehrpflicht
ihre Unschuld verloren hat. Mittlerweile ist sie alt und verbraucht und will
so gar nicht zu dem passen, was sich die Potentaten (post)moderner Staaten
vorstellen. Die setzen eher auf kleine, schlagkräftige Elitetruppen,
weswegen die Wehrpflicht in den letzten Zügen liegt, auch in der BRD.
Die Idee, das Staatsvolk als Manövriermasse zu benutzen, die je nach
Bedarf für diese oder jene Zwecke eingesetzt wird, lebt dagegen fort.
Die Demokratie ist eben auch nur eine Herrschaftsform und läßt
sich mit vielen ein; geboren hat sie auch Zwangsdienste für Arbeitslose
und Sozialhilfeempfänger. Die müssen nun ihren Dienst am Vaterland
beim Spargelstechen oder Grünflächenreinigen versehen, andernfalls
verlieren sie den Anspruch auf Unterstützung. So verkehren sich Rechte
in Pflichten.
Am 10. Juni hielt es die Bundeswehr nicht mehr in der Kaserne. Sie wollte
unbedingt vors Rote Rathaus und der Öffentlichkeit ihre Rekruten vorstellen.
Die können schon nach 6 Wochen eine Gelöbnisformel nachsprechen.
Eigentlich sollten die BerlinerInnen zeigen, wie sehr sie das Kind der Demokratie
liebhaben. Daraus wurde nichts, "Gelöbnix!" war angesagt. Das Kind kam
in den Laufstall, und nur ausgewählte Gäste durften es ansehen.
Außenstehende riefen permanent "Mörder" und machten eine Menge
Lärm. Kommentar von Erzieher Schönbohm: "Das ist der Sonderfall
Berlin." Stimmt, in Bremen, Hamburg und Frankfurt (Oder) gaben die Städte
der Bundeswehr Platzverbot.
Wo der Vater der Wehrpflicht die Aufsicht verweigert oder sich gar querstellt,
greift der Übervater ein: Heutzutage braucht es keine Staaten mehr,
um Kriege zu führen, Multis stellen selbst Truppen auf oder leihen sich
welche. Wie es die Marktsituation erfordert: Söldnerfirmen bieten ihre
Dienstleistungen an, um die Interessen von Rohstoff-Förderern oder bedrohten
Diktatoren zu sichern.
Wir berichten weiter. Ihnen wünschen wir einen schönen Sommer!
Unser nächster Redaktionsschluß ist der 8. September.
die Redaktion illoyal
Glücklichere Familiengeschichten: Karl, dem legitimen Kind von Anke
und Micha, seien hiermit unsere herzlichsten Glückwünsche
anläßlich seiner Geburt übermittelt!
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