Geschichte
Die Langen Kerls wurden zu einem großen Teil von sogenannten Werbern
gewaltsam entführt und in die Leibgarde Friedrich Wilhelms I. gepreßt.
Dieser war dem bizarren Hobby verfallen, große Männer in seiner
Leibgarde zu sammeln. Als Preußen für diese Marotte zu klein wurde
und die Häscher auch im Ausland aktiv wurden, führte dies zu
diplomatischen Verwicklungen bis hin zu Kriegsdrohungen. Die Langen Kerls
wurden geradezu ein Symbol des preußischen Militärs. Und für
diese Tradition stehen sie auch heute noch.
Auch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung ist das so eine Sache. Die Gemeinden
mußten große finanzielle Lasten für das Militär tragen.
Dringend benötigte Arbeits- und Fachkräfte wanderten aus Angst
vor gewaltsamer Rekrutierung ins Ausland ab. Die Gardegrenadiere verschlangen
Unsummen des Staatshaushaltes, die gesamte Armee 2/3 der
Staatsausgaben.
Das farbenfrohe Bild von fröhlichen bunten Recken beim Exerzieren
täuscht über den Alltag der zusammengeraubten Gardegrenadiere hinweg,
der durch den unmenschlichen militärischen Drill und drakonische Strafen,
wie das berüchtigte Spießrutenlaufen, geprägt war. Einmal
wöchentlich wurden die Langen Kerls dann in die Garnisonkirche getrieben,
wo sie deutschen Gottesdiensten beiwohnen mußten. Da viele kein Wort
deutsch verstanden und immer wieder einschliefen, wurden die Lehnen von den
Sitzen entfernt.
Die Bedingungen führten dazu, daß sich Soldaten absichtlich verletzten
und massenhaft desertierten.
"Es geht hier doch nur um Tourismus", sagte Herr Krentz. Und so kam es, wie
es kommen mußte: Gruppen aus dem linken Spektrum bildeten ein
Aktionsbündnis gegen die Aufmärsche der Langen Kerls.
Gegenwart
Am 09.05.98 hatten sich die Langen Kerls 1) gerade zum
abschließenden Salutschießen aufgebaut, als eine Menschenmenge
erschien. Hinter der schwarz-rot-goldenen Fahne, auf der die Jahreszahl 1848
prangte, hatte sich eine bunte Mischung aus Bauernschaft und Bürgertum
zusammengerottet, die "Nieder mit der Monarchie" rief und die Langen Kerls
mit Schaumstoffsteinen bewarf. Irgendwie flogen auch 2 Eier, was uns immerhin
eine Erwähnung in der BZ einbrachte. Die Wachtparade wurde aufgelöst,
und die Hinweise aus dem Publikum, was mit uns zu tun sei ("Alle vergasen!",
"Arbeitslager oder mit Chemikalien abspritzen!") wurden noch eine Weile
kontrovers diskutiert. Nachdem wir geklärt hatten, daß das "Geht
lieber arbeiten!" am Samstag von Touris nicht so passend sei, mußte
noch die Frage offenbleiben, wohin wir "nach drüben auswandern"
könnten.
Die Reaktionen waren zu erwarten. In der Presse wurde dem touristischen Anliegen
geschadet. Das Amtsgericht erließ eine einstweilige Verfügung,
nach der einigen Mitgliedern des Aktionsbündnisses bei Androhung von
Ordnungshaft und Zwangsgeld weitere Störungen untersagt werden.
Natürlich war beim nächsten Auftritt der Langen Kerls die Polizei
zur Stelle und griff auch schon mal durch. Schließlich wollte sie nicht
umsonst gekommen sein. Dabei gab es diesmal keinen Widerspruch zur Wachtparade.
Im Gegenteil: Es ertönten Rufe "Schießen, Schießen!",
"Ausziehn!" und "Danke, danke". Begeisterte Verehrerinnen der Boygroup kreischten
verzückt und warfen in Ekstase BHs und Plüschtiere auf die
vermeintliche Bühne. Kurzhaarige junge Männer verteilten Flugis
"An das deutsche Volk", in denen die traditionellen Werte beschworen werden,
für die die Langen Kerls heute noch stehen. Derartige "Sympathiebekundungen
vor Ort" hatte eigentlich die Junge Union angekündigt. Von soviel Zuspruch
verblüfft, verteidigte sie nur tapfer und vergeblich ihren Infostand
gegen allzu wißbegierige Materialsammler. Lediglich ein Ei trübte
die allseits gute Laune. Aber selbst die PTM-Leute mußten über
das Ungeschick der Polizei bei der Verfolgung des Attentäters schmunzeln.
Verblüffenderweise war so viel Harmonie und Jubel der PTM und den Langen
Kerls auch nicht recht. "Es hat ja keinen Sinn, wenn zum Schluß einfach
keine Touristen mehr da sind", meinte Herr Krentz.
Daher rufen wir noch mal ausdrücklich auf, die Potsdamer Innenstadt
zu beleben. Die nächsten Aufmärsche gibt es am 18.07., 15.08. und
05.09. zu feiern. Solange der Vorrat reicht.
Lutz Boede
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1) Die "Potsdamer Riesengarde Lange
Kerls" hat ihre Anfänge bereits in den letzten Jahren der DDR. Nach
1989 gründete sich ein e.V. gleichen Namens, der 1993 beim
Stadtjubiläum Öffentlichkeit für sich beanspruchte. Inzwischen
tritt der e.V. vor allem in anderen Bundesländern und auch im Ausland
auf, da er in Potsdam immer wieder in die Kritik von AntimilitaristInnen
geriet.
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