illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 4 Sommer 98

Die berühmten Langen Kerls von Potsdam

Lange Kerls von Potsdam ... stehen für Tradition, Toleranz und wirtschaftlichen Aufschwung Preußens". So steht es jedenfalls in der Werbung der Potsdam Touristik und Marketing GmbH (PTM), die durch die "Potsdamer Wachtparade" Touristen und Touristinnen aus aller Welt locken will. "So ein Japaner gibt pro Tag hier 400 Mark aus", versicherte Herr Krentz von der PTM uns daher ausdrücklich, als wir von der Potsdamer Kampagne frühzeitig darauf hingewiesen hatte, daß wir diese Veranstaltung nicht so einfach hinnehmen würden. Wir versuchten es dann noch einmal mit ...

Geschichte

Die Langen Kerls wurden zu einem großen Teil von sogenannten Werbern gewaltsam entführt und in die Leibgarde Friedrich Wilhelms I. gepreßt. Dieser war dem bizarren Hobby verfallen, große Männer in seiner Leibgarde zu sammeln. Als Preußen für diese Marotte zu klein wurde und die Häscher auch im Ausland aktiv wurden, führte dies zu diplomatischen Verwicklungen bis hin zu Kriegsdrohungen. Die Langen Kerls wurden geradezu ein Symbol des preußischen Militärs. Und für diese Tradition stehen sie auch heute noch.

Auch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung ist das so eine Sache. Die Gemeinden mußten große finanzielle Lasten für das Militär tragen. Dringend benötigte Arbeits- und Fachkräfte wanderten aus Angst vor gewaltsamer Rekrutierung ins Ausland ab. Die Gardegrenadiere verschlangen Unsummen des Staatshaushaltes, die gesamte Armee 2/3 der Staatsausgaben.

Das farbenfrohe Bild von fröhlichen bunten Recken beim Exerzieren täuscht über den Alltag der zusammengeraubten Gardegrenadiere hinweg, der durch den unmenschlichen militärischen Drill und drakonische Strafen, wie das berüchtigte Spießrutenlaufen, geprägt war. Einmal wöchentlich wurden die Langen Kerls dann in die Garnisonkirche getrieben, wo sie deutschen Gottesdiensten beiwohnen mußten. Da viele kein Wort deutsch verstanden und immer wieder einschliefen, wurden die Lehnen von den Sitzen entfernt.

Die Bedingungen führten dazu, daß sich Soldaten absichtlich verletzten und massenhaft desertierten.

"Es geht hier doch nur um Tourismus", sagte Herr Krentz. Und so kam es, wie es kommen mußte: Gruppen aus dem linken Spektrum bildeten ein Aktionsbündnis gegen die Aufmärsche der Langen Kerls.

Gegenwart

Am 09.05.98 hatten sich die Langen Kerls 1) gerade zum abschließenden Salutschießen aufgebaut, als eine Menschenmenge erschien. Hinter der schwarz-rot-goldenen Fahne, auf der die Jahreszahl 1848 prangte, hatte sich eine bunte Mischung aus Bauernschaft und Bürgertum zusammengerottet, die "Nieder mit der Monarchie" rief und die Langen Kerls mit Schaumstoffsteinen bewarf. Irgendwie flogen auch 2 Eier, was uns immerhin eine Erwähnung in der BZ einbrachte. Die Wachtparade wurde aufgelöst, und die Hinweise aus dem Publikum, was mit uns zu tun sei ("Alle vergasen!", "Arbeitslager oder mit Chemikalien abspritzen!") wurden noch eine Weile kontrovers diskutiert. Nachdem wir geklärt hatten, daß das "Geht lieber arbeiten!" am Samstag von Touris nicht so passend sei, mußte noch die Frage offenbleiben, wohin wir "nach drüben auswandern" könnten.

Die Reaktionen waren zu erwarten. In der Presse wurde dem touristischen Anliegen geschadet. Das Amtsgericht erließ eine einstweilige Verfügung, nach der einigen Mitgliedern des Aktionsbündnisses bei Androhung von Ordnungshaft und Zwangsgeld weitere Störungen untersagt werden. Natürlich war beim nächsten Auftritt der Langen Kerls die Polizei zur Stelle und griff auch schon mal durch. Schließlich wollte sie nicht umsonst gekommen sein. Dabei gab es diesmal keinen Widerspruch zur Wachtparade. Im Gegenteil: Es ertönten Rufe "Schießen, Schießen!", "Ausziehn!" und "Danke, danke". Begeisterte Verehrerinnen der Boygroup kreischten verzückt und warfen in Ekstase BHs und Plüschtiere auf die vermeintliche Bühne. Kurzhaarige junge Männer verteilten Flugis "An das deutsche Volk", in denen die traditionellen Werte beschworen werden, für die die Langen Kerls heute noch stehen. Derartige "Sympathiebekundungen vor Ort" hatte eigentlich die Junge Union angekündigt. Von soviel Zuspruch verblüfft, verteidigte sie nur tapfer und vergeblich ihren Infostand gegen allzu wißbegierige Materialsammler. Lediglich ein Ei trübte die allseits gute Laune. Aber selbst die PTM-Leute mußten über das Ungeschick der Polizei bei der Verfolgung des Attentäters schmunzeln. Verblüffenderweise war so viel Harmonie und Jubel der PTM und den Langen Kerls auch nicht recht. "Es hat ja keinen Sinn, wenn zum Schluß einfach keine Touristen mehr da sind", meinte Herr Krentz.

Daher rufen wir noch mal ausdrücklich auf, die Potsdamer Innenstadt zu beleben. Die nächsten Aufmärsche gibt es am 18.07., 15.08. und 05.09. zu feiern. Solange der Vorrat reicht.

Lutz Boede

1) Die "Potsdamer Riesengarde Lange Kerls" hat ihre Anfänge bereits in den letzten Jahren der DDR. Nach 1989 gründete sich ein e.V. gleichen Namens, der 1993 beim Stadtjubiläum Öffentlichkeit für sich beanspruchte. Inzwischen tritt der e.V. vor allem in anderen Bundesländern und auch im Ausland auf, da er in Potsdam immer wieder in die Kritik von AntimilitaristInnen geriet.



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