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Der Anteil der Wehrpflichtigen (Bundeswehr
insgesamt: etwa 40 Prozent) liegt bei den KRK deutlich unter 30 Prozent,
Tendenz sinkend. Denn Spezialisten benötigen eine längere Ausbildung,
und zugleich wäre es zu teuer, wenn der Profi die Bundeswehr nach 10
Monaten wieder verließe. Entsprechend finden sich in den KRK nur
"Freiwillig Längerdienende Wehrpflichtige (FWDL)" (12-23 Monate).
1) Das Gros der etwa 140.000 Wehrpflichtigen wird in den
Hauptverteidigungskräften zusammengefaßt. Die HVK-Ausrüstung
ist so zweitklassig wie der HVK-Auftrag als Hilfstruppe zur Landesverteidigung.
Hier liegt das Einsparungspotential, wenn die Bundeswehr sich endgültig
zur Berufarmee erklärt, wie es fast alle Verbündeten bereits vorgemacht
haben.Die Positionen der Parteien zum künftigen Bundeswehrumfang reichen von vollständiger Abrüstung (PDS) über 75.000 Soldaten (B90/Grüne) bis zu 200-250.000 Soldaten (SPD). 2) Nach der parteiintern gescheiterten Wehrpflicht-Umfrage spricht die FDP von möglichen Truppenverringerungen und einer "Aussetzung" der Wehrpflicht. Einzig die Union hält noch offiziell an 340.000 Soldaten fest. Vor der Frage nach der Truppenstärke stellt sich jedoch die Frage nach dem Zweck der Truppe. Ein politische oder gar öffentliche Debatte über die Zielbestimmung einer Verteidigungsarmee in einem unbedrohten Land hat seit dem Mauerfall nicht stattgefunden. Statt dessen formulierten mehrere "Sicherheitspolitiker" neue Ansprüche an die Bundeswehr, seit kein Feind das Militär mehr legitimiert.
Innen und außenUnionskreise um Manfred Kanther und Wolfgang Schäuble wollen die Bundeswehr im Landesinneren einsetzen. 3) Klaus Kinkel hat einen Krisenbogen von Afghanistan über Irak bis Algerien entdeckt und möchte die militärische "Risikovorsorge" der "Stabilitätsinsel EU" 4) mit einem ständigen deutschen Sitz im UN-Sicherheitsrat flankieren. Volker Rühe, der durch seine erfolgreiche Salamitaktik 5) der Bundeswehr die Tür zu allen Schützengräben der Welt geöffnet hat, bremst: Zwar möchte auch er, daß die Bundeswehr bei künftigen Interventionen eine wichtige Rolle einnimmt - an dem im März 1998 geplanten US-Militärschlag gegen Irak z.B. sollten auch Bundeswehrsoldaten beteiligt werden. Andererseits ist Rühe presseerfahren genug, die Bundeswehr nicht für Einsätze anzubieten, für die sie nicht gerüstet ist. Prestigepolitisch wichtig ist für Rühe die Bundeswehrpräsenz. Als realistischer Taktiker setzt er seine Truppe aber lieber "humanitär" ein - ob an der Oder oder in Äthiopien - in der zweiten Reihe, solange sie noch nicht voll einsatzbereit ist. Seit 1991 gaben sich NATO und Bundeswehr ihre eigenen neuen "Bedrohungsperzeptionen" mit der zugehörigen Militärstruktur. Die für den unwahrscheinlichen Fall der Landesverteidigung bereitgehaltenen Hauptverteidigungskräfte werden zunehmend eingemottet. Im Ernstfall sollen sie als "Aufwuchskräfte" die Krisenreaktionskräfte nur noch unterstützen. Als neue Zielvorgaben übernahm das Bundesverteidigungsministerium/BMVg die Beschlüsse der römischen NATO-Tagung vom Oktober 1991. Seit 1992 gelten die "Förderung und Absicherung weltweiter politischer, wirtschaftlicher, militärischer und ökologischer Stabilität" (aus dem "Stoltenberg-Papier") 6) sowie die "Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt im Rahmen einer gerechten Weltwirtschaft" (aus den "Verteidigungspolitischen Richtlinien"). 7) "Es darf bezweifelt werden, ob das in langen Jahren gewachsene Berufsverständnis der Bundeswehrsoldaten, nämlich 'der Bundesrepublik treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen' [Soldatengesetz, § 7], derartige Aufgaben mit einschließt", analysierte selbst das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr. 8) Nun sind Einsatzoptionen nicht automatisch mit Bundeswehreinsätzen gleichzusetzen. Die Ausweitung der Einsatzszenarien sollte der Delegitimierung der Bundeswehr nach Wegfall ihres Verteidigungsauftrages entgegenwirken. Durch die Umstrukturierung der Bundeswehr gewinnen diese anfänglichen Leerformeln jedoch mittlerweile an Substanz. Bundeswehreinsätze haben keine geographischen Grenzen mehr, Kampfaufträge im Ausland sind nicht mehr ausgeschlossen. Deutsche Alleingänge, wie 1994 vom Bundesverfassungsgericht unter Verweis auf Art. 24 Abs. 2 GG untersagt, 9) wurden bereits im März 1997 in Albanien vorgeführt. 10) Für den Erhalt der Kann-Bestimmung Wehrpflicht 11) wurde - mit Blick auf die Weimarer Republik und den NS-Staat - auch von MilitärkritikerInnen wiederholt die Gefahr eines "Staates im Staate" beschworen: eine Berufsarmee, die nicht länger durch personelle Rotation mit der Zivilgesellschaft verbunden wäre und so eine bedrohliche Eigendynamik entwickeln könnte. Ein Beleg, daß untergeordnete Wehrpflichtige das autoritäre Militär zu demokratischen Traditionen verpflichten können, wurde allerdings nie erbracht. Im Gegenteil, Korpsgeist und politisches Klima in der Truppe sind durch überproportional häufige rechtsextreme Vorfälle gerade unter Beteiligung von Wehrpflichtigen dokumentiert. Den geistigen Rahmen hierzu bereiten schon heute Berufsoffiziere, denen nichts auffällt, wenn etwa der Rechtsterrorist Roeder über Königsberg referiert. Die autoritäre Struktur des Militärs wird nicht erst mit einer Berufsarmee zu einem Problem der Demokratie. Die Rückschau zeigt, das zivilisierende Elemente wie die "Innere Führung" oder die Instanz einer Wehrbeauftragten niemals ein ernstzunehmendes Gegengewicht zum chauvinistischen Mainstream im Militär sein konnten und sollten.
Keine Frage - viele AntwortenDamit stellt sich die Frage "Wohin marschiert die Berufsarmee?" kaum anders als die bisherige Frage "Wohin marschiert die Bundeswehr"? Hierzu gibt es allerdings widersprüchliche Antworten. Weil niemand die Frage stellt "Wieviele Soldaten und welche Geräte benötigt ein unbedrohtes Land zu seiner Verteidigung?" 12), orientieren sich Größen- und Zielvorgaben der Bundeswehr an prestigepolitischen und ökonomischen Wunschvorstellungen, die alle Optionen offenhalten, ohne einen eindeutigen Auftrag der Bundeswehr zu benennen oder gar zu begründen.
Zusammenfassend ergibt sich durch eine deutsche Berufsarmee kein grundlegend neues Einsatzprofil der Bundeswehr. Eine mittlerweile einsatzfähige Profitruppe bedeutet allerdings mehr als je zuvor eine eindeutige Festlegung ihres Auftrags und ein größeres Maß an Transparenz. Erste Höhenflüge über neue unbegrenzte Einsatzmöglichkeiten wurden mittlerweile auch in Unionskreisen finanziell und europapolitisch ernüchtert: der künftige Einsatzradius der Bundeswehr wird nur selten weiter reichen als die Tankfüllung einer Transall-Maschine. SPD und FDP wollen durch eine Wehrstrukturkommission Umfang und Ausrüstung der Bundeswehr neu bestimmen. Zwar möchte die SPD die Interventionsmöglichkeiten der Bundeswehr einengen, doch die Grenzen zur bisherigen Unionspolitik sind nicht klar gezogen. Einzig strukturelle Abrüstung, wie sie Grüne und PDS durch Auflösung der Krisenreaktionskräfte fordern, könnte künftigen deutschen Militärabenteuern das Potential entziehen. Nicht von der Wehrpflicht, sondern von der Offensivfähigkeit der Krisenreaktionskräfte hängt bereits heute die deutsche Militärpolitik ab. Egal, welche Regierung die Wehrpflicht letztendlich entsorgt, es wird kein Abrüstungsschritt sein.
Stefan Gose |
1) siehe Zivilcourage 3/97, S. 6ff. 2) siehe z.B. Manfred Opel: Neue Bundeswehr-Strukturen - Überlegungen und Optionen -, Manuskript, 2.12.1996 3) ami 12/97, S. 49ff. 4) FR 26.11.97 5) ami 3/97, S. 12ff.
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