Was macht PBI in Kolumbien?
Das Kolumbienprojekt von Peace Brigades International (im folgenden PBI) existiert seit 1994. Mit der Eröffnung des Projektes reagierte die Organisation auf die vielen Anfragen kolumbianischer Menschenrechtsorganisationen, denen unsere Arbeit aus Ländern wie El Salvador und Guatemala bekannt war. Die kolumbianischen NGOs versprachen sich von der Präsenz eines internationalen Beobachterteams mehr Sicherheit und mehr Freiräume für ihre Arbeit. Lange Zeit waren wir die einzige internationale Organisation mit permanenter Präsenz im Land. Mit der Einrichtung des Büros des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte 1997 und den vielen Organisationen, die im Flüchtlingsbereich arbeiten, hat sich dies glücklicherweise geändert. Mehr internationale Präsenz bedeutet auch, daß das Interesse der internationalen Gemeinschaft sichtbarer geworden ist. Welches Ziel verfolgt ihr mit eurer Arbeit? Eigentlich sind es zwei grundsätzliche Ziele, die wir verfolgen: Motivation und Schutz. Das Freiwilligenteam in Kolumbien "begleitet" bedrohte Menschenrechtsorganisationen bzw. deren Mitglieder und gibt ihnen damit den notwendigen Freiraum, ihrer Arbeit nachzugehen, ohne ständigen Einschüchterungsversuchen oder Mordanschlägen ausgesetzt zu sein. Durch die intensive Öffentlichkeitsarbeit, die PBI in Kolumbien betreibt, können wir davon ausgehen, daß potentielle Aggressoren sehr wohl verstehen, wie einflußreich unsere internationale Unterstützung ist, und daher kalkulieren sie die politischen Kosten ein, die ein Anschlag auf eine kolumbianische Person, die wir begleiten, oder einen Freiwilligen unserer Organisation bedeuten kann. Diese "politischen Kosten" wirken somit abschreckend. Die Schutzfunktion, die wir ausüben, ist somit nicht nur die ganz simple physische Anwesenheit, sondern vielmehr der internationale Apparat, der hinter uns steht. Wann werdet ihr tätig? Wir reagieren nur auf Anfrage. Wir bieten den kolumbianischen Organisationen unsere Begleitung nicht an, sondern sie kommen mit einer Petition auf uns zu, und wir prüfen, ob sich die jeweilige NGO auf dem Boden der kolumbianischen Verfassung bewegt. Für PBI als internationale Beobachter ist Neutralität von essentieller Wichtigkeit. Damit meine ich in erster Linie die Distanzierung vom bewaffneten Kampf. In einem polarisierten Land wie Kolumbien ist es für die Effizienz unserer Arbeit entscheidend, daß wir von allen Akteuren im Konflikt als unparteiisch wahrgenommen werden. Die staatlichen Behörden - zivile wie militärische - akzeptieren und respektieren unsere Arbeit, vor allem weil wir immer wieder betonen, daß wir nicht mit illegalen bewaffneten Akteuren im Dialog stehen, d.h., daß weder mit der Guerilla noch mit den Paramilitärs Kontakte bestehen. Zieht eine Anfrage weitere nach sich? Wir haben grundsätzlich mehr Anfragen, als wir bearbeiten können. PBI hat sich auf die Begleitung von Menschenrechtsorganisationen spezialisiert. Obwohl wir damit natürlich nur einen kleinen Bereich der sozialen Bewegung in Kolumbien abdecken, ist diese Spezialisierung sinnvoll, und sie wird auch von den KolumbianerInnen verstanden. Oft bekommen wir Anfragen verschiedener Gewerkschaften, deren leitendes Personal in der Regel hochgradig gefährdet ist. Eine der unangenehmsten Aufgaben unseres Teams ist, einer NGO eine Absage erteilen zu müssen, weil wir natürlich überall sein möchten, das aber oft aus Personalmangel nicht können. Wie ist eure Arbeit organisiert? Mit den drei Büros in Bogotá, Barrancabermeja und Turbo versuchen wir, ein relativ weiträumiges Territorium abzudecken. Unsere Teams reisen sehr viel. Das Team in Bogotá deckt beispielsweise noch mehrere andere Regionen ab. Wir planen, ein weiteres Büro in Medellin bis Ende des Jahres einzurichten. Neben der Begleitarbeit bietet PBI der kolumbianischen Menschenrechtscommunity jedoch auch Seminare zur Friedensbildung an. Außerdem betreiben wir eine sehr intensive Informations- und Pressearbeit. Außerhalb Kolumbiens steht unser Projektbüro in London in Kontakt mit zahlreichen internationalen Organisationen, die zu Kolumbien arbeiten und in unser Unterstützungsnetzwerk (Red de Apoyo) eingebunden sind. Warum verfolgt ihr diesen Ansatz in Kolumbien? Das Konzept unserer Arbeit hat sich in anderen lateinamerikanischen Ländern (Guatemala und El Salvador) als erfolgreich erwiesen, und auch in Kolumbien sahen wir nach einer Erkundungsreise im Jahr 1993 die Möglichkeiten für unsere Begleitarbeit gegeben. Also, wir sind davon überzeugt, daß die Präsenz internationaler unparteiischer Beobachter akzeptiert wird. Im Gegensatz zu anderen internationalen Menschenrechtsorganisationen denunzieren wir auch nicht, d.h. wir sorgen zwar dafür, daß die Anklagen kolumbianischer NGOs in unserem Unterstützernetzwerk weltweite Verteilung finden, aber eigene Anklageschriften verfassen wir nicht. Das spielt für die kolumbianischen Behörden eine große Rolle. Welche Erfolgschancen siehst du für die Arbeit von PBI? In einem Land, in dem jährlich 30.000 Menschen durch politisch motivierte Gewalt sterben, fällt es mir schwer, bei unserer Arbeit von Erfolg zu sprechen. Es wird uns immer wie ein Tropfen auf den heißen Stein vorkommen. Aber dennoch kann es sicher als Erfolg bezeichnet werden, daß hochgradig bedrohte Schlüsselfiguren im Menschenrechtsbereich durch unsere Begleitung noch leben. Unsere Anwesenheit mildert ihre Angst und motiviert sie, ihre schwierige und gefährliche Arbeit weiterzuführen. Diese Leute ziehen die gewaltfreie Sicherheit, die PBI ihnen bieten kann, bewaffneten Bodyguards vor. Dadurch zeigen sie der militarisierten kolumbianischen Gesellschaft, daß es zivilgesellschaftliche Alternativen gibt und daß der bewaffnete Konflikt im Land politische und nicht militärische Antworten erfordert. Wo liegen die Probleme der Arbeit im Team? Wir sind ein bunt zusammengewürfeltes Team, in dem unterschiedliche Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Berufen aus verschiedenen europäischen und nordamerikanischen Ländern arbeiten. Allen ist gemeinsam, daß sie sich in einem intensiven Trainingsprozeß für die Arbeit im Team qualifiziert haben. Dadurch, daß wir 24 Stunden für die kolumbianischen NGOs erreichbar sein müssen, leben und arbeiten unsere Teams jeweils in einem Haus vor Ort. Für unsere Arbeit, in der wir täglich mit sehr delikaten und komplizierten Entscheidungen konfrontiert sind, die auch unsere eigene Sicherheit betreffen können, ist es aber sehr wichtig, daß das gesamte Team eine Entscheidung stützt. Wie geht ihr mit der Belastung um? Das ist sicher eine sehr individuelle Angelegenheit, aber wir sind im Team alle sehr dafür sensibilisiert, Angst und Streß bei unseren Kolleginnen und Kollegen zu erkennen und uns gegenseitig aufzufangen, wenn es uns schlecht geht. Außerdem wird auch niemand gezwungen, eine bestimmte Begleitung zu machen, wenn er oder sie Zweifel und Angst hat. Alpträume haben wir alle irgendwann mal. Mit der Zeit gewöhnen wir uns auch daran, genau beobachtet zu werden. Jede Person, die sich für diese Arbeit entscheidet, wird im Training auf schwierige Situationen vorbereitet, und die Leute werden dazu motiviert, zu lernen, selbst einzuschätzen, wieviel psychische Anspannung sie verkraften können. Die Angst ist für die meisten von uns eine punktuelle Angelegenheit, nicht ständiger Begleiter. In den Monaten März/April/Juni waren wir jedoch alle sehr angespannt, weil die Situation im Land schlimmer war, als wir es uns jemals hätten vorstellen können. Wir wußten zwar, daß die Zeit vor den Präsidentschaftswahlen sehr schwierig werden würde, aber das Ausmaß der Verfolgung von Menschenrechtsaktivisten in diesen Monaten hat unsere Befürchtungen weit übertroffen. Ich hatte in dieser Zeit oft Angst. Jedesmal, wenn das Telefon klingelte, dachten wir, uns erwartet eine neue Horrormeldung. Wo liegen die Probleme der Arbeit mit den Behörden und der Armee? Die Etablierung und vor allem das Bekanntmachen unseres Mandats war und ist ein hartes Stück Arbeit. Menschenrechte sind in Kolumbien ein hochgradig politisches Thema, insofern müssen wir immer wieder ausdrücklich betonen, daß wir keine Kontakte zu illegalen bewaffneten Akteuren unterhalten und daß die Organisationen, die wir begleiten, auch nicht als der politische Arm der Guerilla zu betrachten sind, sondern als Repräsentanten der Zivilgesellschaft. Wir sehen uns jedoch immer wieder mit sehr viel Unverständnis konfrontiert, was den Umgang mit "Zivilgesellschaft" betrifft. In einem derartig polarisierten Land wird man automatisch der einen oder anderen Seite zugeordnet, und es ist nicht immer leicht, klarzumachen, daß PBI in keines der Schemata paßt. Außerdem verwirren wir, glaube ich, mit der Tatsache, daß wir eine Freiwilligenorganisation sind. Wen unterstützt PBI in Kolumbien? PBI konzentriert sich auf die Begleitung von Menschenrechtsorganisationen und einigen der sogenannten Comunidades de Paz (Gemeinden von Binnenflüchtlingen, die sich neutral zum bewaffneten Konflikt erklärt haben). Diese Organisationen sind zum Beispiel Asfaddes (Organisation der Familienangehörigen Verschwundener), das Anwaltskollektiv "Jose Alvear Restrepo", Minga, CREDHOS (größte regionale Menschenrechtsorganisation im Magdalena Medio), die Organizacion Feminina Popular (regionale Frauenorganisation im Magdalena Medio), Comision Intercongregacional Justicia y Paz, CINEP, das Komitee für Solidarität mit politischen Gefangenen etc. Wie sieht die Bevölkerung diese Arbeit? Die Bevölkerung der Regionen, in denen wir arbeiten, reagiert in der Regel mit großem Interesse und sehr positiv auf unsere Arbeit. Fast würde ich sagen ,daß auch oft zu viele Hoffnungen damit verbunden werden, was PBI in Kolumbien leisten kann. Diese hochgesteckten Erwartungen rühren oftmals von einem Unverständnis darüber her, was die Arbeit von PBI eigentlich ist. Unser Team mußte auch erst lernen, daß unsere Arbeit nicht überall im Land im gleichen Politologenjargon erklärt werden kann, sondern daß ein Plantagenarbeiter aus Uraba andere Erklärungen benötigt als ein Rechtsanwalt aus Bogotá. Im Kontakt mit der Bevölkerung gibt es große Unterschiede zwischen Stadt und Land. Der Krieg findet hauptsächlich in den ländlichen Regionen des Landes statt, und hier bekommen unsere Freiwilligenteams auch sehr viel stärker die alltäglichen Sorgen und Nöte der Personen mit, die wir begleiten. Die Bedrohung ist in den ländlichen Regionen spürbarer und vor allem auch sichtbarer. In Bogotá haben viele NGOs ihre nationalen Büros, durch die Präsenz der Regierung, der Botschaften, der Vereinten Nationen etc. ist die ganze Atmosphäre wesentlich mehr "sophisticated", und die Freiwilligen in Bogotá bekommen weniger vom Privatleben der Menschen mit, die sie begleiten. Wie steht die kolumbianische Regierung zu PBI? Unter der Regierung Sampers hat das PBI-Team seine Kontakte mit der Regierung kontinuierlich ausbauen können. Es wird positiv bewertet, daß wir den Kontakt zu zivilen und militärischen Behörden selbst suchen, es kommt jedoch sogar auch vor, daß wir von Militärs oder Ministerien um Treffen gebeten werden. Zuletzt wurden wir in jedem Ministerium auf Ministerebene empfangen, was zeigt, daß die kolumbianische Regierung die Arbeit von PBI ernstzunehmen scheint oder zumindest sehr genau die internationale Unterstützung versteht, die PBI hat. Der engste Kontakt besteht zum derzeit noch existierenden Büro des Menschenrechtsberaters des Präsidenten. Allerdings wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie die zukünftigen Beziehungen mit der Regierung Andres Pastranas aussehen werden. Durch den Wechsel von der liberalen zur konservativen Partei müssen wir davon ausgehen, daß viele politische Berater ausgewechselt werden und PBI auf neue Ansprechpartner in den Ministerien und vor allem auch beim neuen Generalstab treffen wird. Eine intensive Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere mit dem neuen Führungsstab des Militärs, wird eine wichtige Aufgabe der nächsten Monate sein. Wie kooperiert PBI mit anderen Institutionen? In Kolumbien steht PBI in sehr engem Kontakt mit den Botschaften und dem Büro des Hochkommissariats für Menschenrechte der Vereinten Nationen. Außerdem stehen wir in sehr engem Kontakt mit den internationalen NGOs, die uns finanzieren. Hier findet ein regelmäßiger Informationsaustausch statt, und diese Institutionen reagieren sofort und kontaktieren die kolumbianische Regierung, wenn PBI und die KolumbianerInnen, die wir begleiten, in einer gefährlichen Situation sind. Inwiefern ist es wichtig, daß die Arbeit von PBI international bekannt wird? Ein Hauptgrund für das Funktionieren unserer Arbeit vor Ort ist die internationale Unterstützung für PBI. Wie ich schon sagte, wirkt der internationale Skandal, den eine Attacke auf einen kolumbianischen Menschenrechtler durch unsere Präsenz auslösen kann, abschreckend auf potentielle Aggressoren. PBI nimmt daher die Informationsarbeit und Unterstützungssuche auf internationaler Ebene sehr ernst. Ist die Toleranz von PBI nicht ein nettes Aushängeschild für die Regierung?
Ignoriert werden können wir aufgrund unserer internationalen
Unterstützung ja inzwischen auch nicht mehr. Anderseits weiß man
in Kolumbien, wie in anderen Projektländern PBIs auch, daß die
Präsenz eines PBI-Teams an sich schon eine Aussage zur
Menschenrechtssituation des Landes beinhaltet.
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