illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 5 Herbst 98

Wie Totalverweigerer einmal
die Bundeswehr foppten

Es begab sich im Sommer dieses Jahres, als Jörg Eichler, ein Totalverweigerer aus Dresden, zur Bundeswehr einberufen wurde.

Als der 1. Juli kommt, das Datum der Einberufung, da erscheint Jörg nicht zum Dienst in der Bundeswehrkaserne Pfreimd. Erst einen ganzen Monat später tritt ein Totalverweigerer in Pfreimd an, weist sich mit Jörgs Einberufung aus, hat andere Papiere "vergessen" und erklärt seine Ablehnung des militärischen Dienstes. Erst einmal wird er auf die Stube geschickt, die Gemeinschaftsunterkunft der Soldaten. Außer Warten - es ist Wochenende - läuft nix. Erst Sonntagabend meldet sich Hauptfeldwebel O., der teilt mit, daß er "Haftbefehl" erlassen hat und Montagfrüh weiteres veranlassen wird.

Montag, Soldaten folgen in Gefechtsausrüstung ihrem Tagesbefehl. Nur einer nicht. Das Weltbild des Hauptfeldwebels bricht zusammen. Doch die Feldjäger werden erst einmal abbestellt. Dann redet der Hauptmann dem Einberufenen ins Gewissen. Hilft ihm auf die Sprünge und erklärt, wie es die bayerische Justiz mit Totalverweigerern hält. Zuletzt: auf Leute wie ihn lege die Kompanie sowieso keinen Wert. Prima, denkt der werdende Arrestant und freut sich schon aufs Gehn. Aber so schnell schießen auch die Bayern nicht, die Forderung der Stunde heißt: ausziehen, sich untersuchen lassen, dann wieder anziehen - aber diesmal eine Uniform. Wieso eigentlich - nur weil er Jörgs Einberufung vorgelegt hat? Nö. Die Forderung wird wiederholt, die Weigerung auch. Der Hauptmann lächelt, der Einberufene lächelt, und dann hört der Spaß aber auf. Vorläufige Festnahme, Arrest ist angesagt.

Die Burschen mit den Waffen entwaffnen den Verweigerer. Schließlich kam es schon vor, daß sich einer mit seiner Jacke erhängt hat, also weg damit, daß er das gefährliche Ding nicht gegen sich selbst richte. Soldaten sind schließlich keine Selbstmörder. Hat einer erwartet, daß der Arrest gemütlich ist? Immerhin gibt's eine Bibel. Und das soll helfen?

Verhört wird hier auch, fast wie im echten Knast. Siehe, da taucht die Frage nach der Identität des Arrestanten auf. Wird wiederholt. Braucht man einen Psychologen? Auch die Kripo, das Einwohnermeldeamt Dresden und der Militärische Abschirmdienst (MAD) sind nun mit von der Partie. So geht der Montag hin, der Dienstag kommt. Zur weiteren Einstimmung auf das, was folgen soll, darf der vom Arrestanten nun zum Delinquenten Gewordene in der Stille seiner Zelle "Krieg und Frieden" lesen. Und - Überraschung! - am Abend endet die vorläufige Festnahme. Ein Truppendienstgericht muß her. Bis dahin darf der Delinquent vom Arrest zurück in die Mannschaftsunterkunft. 22 Uhr, Nachtruhe. Bis dahin darf er auf dem Kasernengelände freigehn. Der - wir ahnten es schon - falsche Jörg kennt keine Dankbarkeit und nutzt die Gelegenheit, ins nahegelegene Nürnberg zu entschwinden.

Mittwoch. Vor dem Kasernentor trifft eine Demo ein. 20 Menschen, darunter der echte und der falsche Jörg. Der echte, denn nun wird's ernst, mit gepacktem Rucksack. Gleich ist auch die Polizei da. Die Demo lümmelt auf der Wiese herum, die Polizei schreitet nicht ein. Die Bundeswehr hat den Auflauf auch schon mitbekommen und ihre Rechtsberater konsultiert. Und der Major Kasernenchef redet nun auch mit Jörg. Konsequent: mit dem, den er schon kennt. Der echte Jörg steht dabei und hat das Nachsehn. Mit ihm spricht keiner. Aber er ist der Echte. "Haben wir auch schon bemerkt." Presse ist auch reichlich eingetroffen. Ob das der Grund ist, daß die Bundeswehr auf eine medienwirksame Festnahme verzichten mag? Die Demo dreht ab und geht zum gemütlichen Teil mit Kaffee und Eis über, als die Polizei (nun ohne Beisein der Medien) noch einmal auftritt, um des echten Jörg Ausweis zu kontrollieren. Denn, wie man weiß, weiß man ja nie.

Der ernste Hintergrund: TKDVer wollen sich nicht bessern.

Die beteiligten Totalverweigerer haben mit der Aktion die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Tatsache gelenkt, daß erklärte Totalverweigerer in der Regel durch die Bundeswehr dreimal 21 Tage - die überhaupt mögliche Höchstdauer von Arrest - arrestiert werden, bevor ihnen Dienstverbot erteilt wird. Arrest, soviel in Kürze, ist jedoch eine Maßnahme, die die Bundeswehr eigentlich nur dann anordnen darf, wenn überhaupt Hoffnung auf "Besserung" besteht. Aber entschiedene Totalverweigerer kommen erfahrungsgemäß eben nicht plötzlich auf die Idee, Uniformen schneidig, Waffen geil und das Töten Klasse zu finden.

Die Bundeswehr will auch so bleiben, wie sie ist.

Auf die Aktion in Pfreimd werden diverse dicke Enden folgen: Ein Haftbefehl liegt nun tatsächlich vor. Polizei und Feldjäger suchen nach Jörg Eichler. Eine Festnahme in Pfreimd, wo Jörg sich sozusagen gestellt hatte, wäre eben viel zu billig gewesen. Mit solch leichten Tests gibt sich die Bundeswehr nicht ab. Außerdem störten da die Kameras. Der falsche Jörg, Michael Fücker, wird inzwischen verschiedener Straftaten beschuldigt: Beihilfe zur Fahnenflucht und zur Wehrpflichtentziehung durch Täuschung, mittelbare Falschbeurkundung, Betrug und Hausfriedensbruch. Große Geschütze werden aufgefahren, unterstützt von kleineren Schikanen. Auch Michael Fückers e-mail-account an der Uni Dresden wurde gesperrt. Das Wehrbereichskommando 5 (nicht etwa die Staatsanwaltschaft) hat sich mit einem Schreiben an den Rektor der TU Dresden gewendet, in dem u.a. vermutet wird, daß Michael über sein account "Aufrufe zu Straftaten" verschickt hätte.- Und da legte der Rektor die Angelegenheit in die treuen Hände des Datenschutzbeauftragten der Universität, und dieser, voll Zivilcourage, sperrte den Zugang.

Recht so, Ihr Lieben.

Ulrike Gramann

illoyal@Kampagne.DE