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| ... Wir erinnern uns: Im Mai dieses Jahres marschierten zum ersten Mal
große Männer in den historischen Uniformen der Leibgarde Friedrich
Wilhelms I. durch Potsdams Innenstadt, um Touristinnen und Touristen aus
aller Welt anzulocken. Eine Gruppe von Kritikern organisierte sich in einem
Aktionsbündnis gegen diese militärischen Aufmärsche und
versammelte sich seitdem alle zwei Wochen, genau wie die Langen Kerls, auf
dem Platz am Brandenburger Tor in Potsdam. Bei den ersten beiden Veranstaltungen
gab es phantasievolle Störaktivitäten (einige Eierwürfe brachten
diese auch in überregionale Zeitungen), entrüstete Bürger
und einige Neonazis mit Flugblättern wurden auch schon gesehen. Wir
steigen nun wieder ein in das Erlebniskarussell rund um die Wachtparade der
Langen Kerls.
Am 18.6.98 wurde bekanntgegeben, daß die Stadt die sogenannte "Frühjahrsrevue" mit internationalen Militär-Traditionsvereinen zu Pfingsten 1999 absage. Als Folge der anhaltenden Störungen durch Proteste gegen die Lange-Kerls-Parade gab die Junge Union am gleichen Tag eine Pressemitteilung heraus, in der gefordert wurde, die Kampagne gegen Wehrpflicht in Potsdam "detailliert" durch den Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Ebenfalls am 18.Juni riegelte die Polizei die Veranstaltung der Langen Kerls schon im Vorfeld ab, sprach 19 Platzverweise aus und nahm auch einige Leute kurzzeitig in Gewahrsam. Trotz dieser Sicherheitsvorkehrungen konnte ein junger Mann in die Formation eindringen, der aber sogleich abgeführt wurde. Am 2. 7. 1998 gab es eine gerichtliche Einigung zwischen zwei Mitgliedern der Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär und der Potsdam Touristik und Marketing GmbH (PTM), der Veranstalterin der Lange-Kerls-Aufmärsche. Als Gegenleistung für die Rücknahme der einstweiligen Verfügung, die den Kampagnen-Mitgliedern den Aufruf zu einer Protestkundgebung, das Rufen antimilitaristischer Sprüche und mehr, kurz: die öffentliche Meinungsäußerung, verboten hatte, versicherten sie, bei den nächsten Aufmärschen den Ablauf nicht zu stören und auf körperliche "Angriffe" gegen die Akteure in den Uniformen zu verzichten. Friedlicher Protest hingegen wurde auf Drängen der beiden noch einmal nachdrücklich erlaubt.
Am darauffolgenden Samstag fanden sich wieder viele Menschen auf dem "Exerzierplatz" ein. Einige hatten an große Spiegel gedacht, um die filmenden Beamten in den umliegenden Fenstern zu blenden. Das erste Mal erschien auch eine größere Menge Neonazis. Als einige Leute den Platz stürmten, um erst untereinander, dann mit den heranstürmenden Polizisten, Ball zu spielen, hinderten die Nazis weitere Interessenten dieses Spiels daran, die Absperrung zu überwinden. Es gab kleinere Rangeleien, die relativ glimpflich abliefen. Die Vertreter des Gesetzes hatten anscheinend kein Problem damit, diese "Hilfe" anzunehmen, wie bei nachfolgenden Diskussionen über die Verteidigung der "deutschen Kultur" vereinzelt zu hören war. Das Bild der Zivilpolizisten, die später mit den Nazis beim Bier zu sehen waren, sprach eine eigene Sprache. Zwei Störer kamen im übrigen für kurze Zeit in Gewahrsam. Einer von ihnen wurde von einem wachsamen Bürger festgehalten, nachdem er permanent kleine Knallerbsen auf den Platz geworfen hatte, der andere ließ sich nach dem Ballspiel wegtragen. Nach einer längeren Sommerpause trafen sich am 15. August alle wieder: Polizisten, TouristInnen, junge Menschen mit NPD-Flugblättern, viele AntifaschistInnen und eine kleine Gruppe von Menschen, die sich als Blauhelmsoldaten verkleidet hatten und in der Auftrittspause die Besucher darauf hinwiesen, daß der Staat Preußen schon längst aufgelöst wurde. Es gab wieder unverhältnismäßige Festnahmen durch die Polizei. Anscheinend hatte der Gerichtsbeschluß, nach dem derartige Proteste zugelassen waren, keine bindende Wirkung für sie. Am 26. 8.1998 verhandelte das Amtsgericht Potsdam über einen Widerspruch, der von einem weiteren von der einstweiligen Verfügung betroffenen Mitglied der Kampagne gegen Wehrpflicht eingereicht wurde. Im Ergebnis bekam er recht und die einstweilige Verfügung wurde ausgesetzt. Der Vereinsvorsitzende der "Riesengarde" sagte erst mal die nächsten Auftritte ab, da die "Störer" jetzt auch noch vom Gericht legitimiert wurden. Beim Brandenburg-Fest am 05.09.98 wollten sie dann aber zeigen, was in ihnen steckt und die Erlebnisse der letzten Wochen hinter sich lassen. Doch selbst dort ließ eine größere Ansammlung von Gegnern sie nicht marschieren. Doch, einen gibt's noch. Am 26. 9. 1998 wollen sie in der größten Formation marschieren, die Potsdam je gesehen hat, um so doch noch einen zünftigen Abschluß dieser Saison zu haben. Alle sollten ihnen dabei helfen.
André Rießler Kontakt:
Kampagne Potsdam |
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