illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 5 Herbst 98

"Die Alternative zum Krieg"

Nachsichtig und gewaltfrei - die Quäker

Quäker mit Transparent

Amerikanische Delegierte zum Internationalen Friedenkongreß in Den Haag 1915 aus: The Power Of The People, Philadelphia 1987

Im April 1917, dem Monat des Eintritts der USA in den Ersten Weltkrieg, wurde von nordamerikanischen Quäkern das "American Friends Service Committee" (AFSC) ins Leben gerufen. Die Organisation hat einerseits in Amerika die Belange der Kriegsdienstverweigerer vertreten und andererseits in den Ländern Europas, in denen Krieg geführt wurde, Hilfe zum Wiederaufbau geleistet. Sie wollten damit demonstrieren, daß der humanitäre Einsatz in den Kriegsgebieten eine Alternative zum militärischen Eingreifen der USA sein könnte.1) Neben dem Wirken Gandhis in Südafrika und Indien in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts kommt dem Engagement der Quäker eine herausragende Bedeutung als historischer Bezugspunkt für die Befürworter einer gewaltfreien Konfliktbearbeitung zu.2)

Die Tradition der Gewaltfreiheit

Die protestantische Religionsgemeinschaft der Quäker, auch "Gesellschaft der Freunde", entstand Mitte des 17.Jahrhunderts in England, und bereits wenig später siedelten einige in den nordamerikanischen Kolonien. Von Beginn an gehörte die konsequente Ablehnung jeglicher Gewaltanwendung zu den zentralen Glaubenssätzen der Gemeinschaft. Sie berief sich dabei auf das Neue Testament, das nach ihrem Verständnis jede Form der Gewalt, auch die zur Verteidigung der eigenen Person, als ethisch nicht vertretbar qualifizierte. Gleichwohl wurde daraus im Unterschied zu anderen gewaltlosen protestantischen Gruppierungen, wie etwa den Mennoniten, nicht gefolgert, die Übernahme eines politischen Amtes und damit die Beteiligung an der Machtausübung müsse prinzipiell abzulehnen sein. Bis zum amerikanischen Bürgerkrieg (1861-65) äußerte sich dieses Gebot der Gewaltlosigkeit vor allem in der Weigerung, den Milizdienst abzuleisten, einen Ersatzmann zu stellen oder sich durch die Zahlung eines festgesetzten Betrages auszulösen. Widerstandslos ließ man die staatlichen Strafmaßnahmen - meist Geldstrafen, seltener Arrest - über sich ergehen. Ebenso verweigerte man unter Berufung auf die Religions- und die Gewissensfreiheit die Zahlung von Steuern und Abgaben, deren Verwendungszweck eindeutig militärischer Natur war, und man verlangte von den Gemeindemitgliedern, mit Geschäften keine Profite zu machen, die mit Krieg oder Armee in Zusammenhang zu bringen wären. Bei Mißachtung dieser Verhaltensregeln drohte dem betreffenden Mitglied der Ausschluß aus der Gemeinde, der durch die jährliche Versammlung der Gemeindevertreter als höchstem Gremium eines Gebietes beschlossen werden konnte.

Der amerikanische Bürgerkrieg brachte viele Quäker in ein Dilemma, da von den Nordstaaten, in denen der Großteil der Quäker lebte, die Abschaffung der Sklaverei - neben der Gewaltlosigkeit eines der wichtigsten Anliegen der humanitär engagierten Quäker - als vorrangiges Kriegsziel ausgegeben wurde. Einige Gemeindemitglieder lösten dieses Dilemma durch ihre aktive Beteiligung am Krieg klar zugunsten eines der vermeintlich widerstreitenden Prinzipien auf, aber die Mehrheit der Männer im waffenfähigen Alter gab ihre Verweigerungshaltung nicht auf. Die Gemeinden waren in der Regel darauf bedacht, ihre Sympathie für die allgemeinen Kriegsziele zu bekunden sowie die Kriegsdienstverweigerer aus den eigenen Reihen zu rechtfertigen und gegenüber den staatlichen Stellen zu unterstützen. Gegenüber den Mitgliedern, die gegen das Gebot der Gewaltfreiheit verstoßen hatten, wurde von Seiten der Gemeinden nach dem Krieg nachsichtig verfahren, da ihnen, sofern sie ihren Fehler eingestanden, keinerlei Konsequenzen drohten.

Eine Folge des Bürgerkriegs war, daß der Grundsatz der Gewaltfreiheit tendenziell geschwächt wurde. Gegen Mitglieder, die ihn nicht beachteten, wurden von den Gemeinden oft keine Sanktionen mehr verhängt. In den fünfzig Jahren zwischen dem Bürgerkrieg und dem Ersten Weltkrieg vollzog sich zudem eine "Säkularisierung" der Friedensarbeit der Quäker. Richtete sich diese vor dem Bürgerkrieg noch wesentlich nach innen an die Gemeinde, deren moralische Integrität verteidigt werden sollte, so wurde nun verstärkt versucht, auch nach außen zu wirken. Krieg und die Anwendung von Gewalt wurden nicht mehr nur als moralische Verfehlung wahrgenommen, sondern es wurden nun auch öfter deren politische und wirtschaftliche Ursachen diskutiert. In Kooperation mit anderen Strömungen der Friedensbewegung wurde in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg Lobbyarbeit gegen die Rüstungspolitik der USA geleistet und die Einrichtung internationaler Institutionen als Schlichtungsinstanzen in Konflikten gefordert.

Humanitäres Engagement im Krieg

Unmittelbar vor Beginn des Ersten Weltkrieges hatten sich zwei Flügel der amerikanischen Friedensbewegung herausgebildet. Auf der einen Seite existierten eher konservativ ausgerichtete bürgerliche Friedensgesellschaften, deren Internationalismus darin bestand, sich für eine stärkere Verrechtlichung der zwischenstaatlichen Beziehungen einzusetzen. Im übrigen war man bemüht, die eigene Position der politischen Entwicklung anzupassen, bis hin zu dem Punkt, daß die Kriegsbeteiligung der USA unterstützt und die Umsetzung der friedenspolitischen Vorstellungen auf die Nachkriegszeit verlegt wurde. Der pazifistische Flügel auf der anderen Seite betrachtete Krieg als soziales Unrecht, das nur durch eine Reform der Gesellschaft zu beseitigen sei. Teile der Frauenbewegung, der Arbeiterbewegung und der traditionellen Friedenskirchen (u.a. Quäker, Mennoniten) arbeiteten in diesem Sinne zusammen. Dabei erhielt der Einsatz für den Frieden vor allem in der Anfangsphase des Krieges starke Impulse aus den Reihen der Frauenbewegung um die 1915 gegründete "Women's Peace Party", die Demonstrationen organisierte und Petitionen an die Regierung richtete. Stand 1915 die Forderung nach Einrichtung eines Mediationskomitees, gebildet aus Vertretern neutraler Staaten, im Vordergrund, so verlegte sich der Schwerpunkt der Arbeit im Laufe des Jahres 1916 auf das Agitieren gegen die Aufrüstung der USA und eine sich abzeichnende Intervention.

American Friends Service Committee

In diesem Zusammenhang standen auch die Aktivitäten des 1917 gegründeten American Friends Service Committee (AFSC). Dessen Gründer waren irrtümlicherweise davon ausgegangen, daß die Mitglieder ihrer Gemeinschaft vom Kriegsdienst befreit würden, so daß die Organisation die Bereitschaft zeigen wollte, in Zeiten allgemeiner Not humanitär zu helfen. Als der Kriegsdienst auch für Quäker eingeführt worden war, bemühte sich das Komitee - letztlich erfolgreich -, daß Kriegsdienstverweigerern die Möglichkeit gegeben werde, sich an Stelle des Kriegsdienstes unter ziviler Leitung an Wiederaufbauprojekten des AFSC zu beteiligen. Überhaupt bildete die Unterstützung der ca. 4.000 konsequenten Kriegsdienstverweigerer in den USA, die im allgemeinen harten Repressalien ausgesetzt waren, einen wichtigen Tätigkeitsbereich der Organisation.3) Man versuchte, Kontakt zu den Inhaftierten zu halten und durch ständige Lobbyarbeit bei den Regierungsstellen das Los aller Verweigerer erträglicher zu gestalten. Daneben war die Hilfe beim Wiederaufbau in den vom Krieg betroffenen Ländern Europas die wesentliche Aufgabe. So konnte im Herbst 1917 die erste Gruppe Freiwilliger nach Frankreich entsandt werden, um bei Erntearbeiten zu helfen. Außerdem leisteten die Freiwilligen des AFSC zum Wiederaufbau und zur Ausrüstung medizinischer Einrichtungen einen Beitrag. Nach Kriegsende wurde das Engagement auf weitere Länder ausgedehnt. Unter anderem organisierte man die Versorgung von über einer Million Kinder in Deutschland mit Nahrung und half zwischen 1920 und 1925 bei der Bekämpfung von Hungersnöten und Epidemien in der Sowjetunion. Die ganzen 20er Jahre hindurch versuchten die Quäker, durch humanitäre Einsätze einen Beitrag zur Versöhnung zu leisten, um so die Ursache von Konflikten zu beseitigen.

Nach dem Ersten Weltkrieg setzte man sich in Quäkerkreisen auch stärker mit den Methoden des gewaltfreien Widerstands Gandhis auseinander, im Unterschied zu diesem propagierten sie jedoch nie den Aufbau einer Massenbewegung. Auch später stellten die Quäker einen aktiven Teil der nordamerikanischen Friedensbewegung. Insgesamt lassen sie sich als Beispiel für das erfolgreiche Praktizieren verschiedener Mittel des zivilen Ungehorsams - wie absolute Kriegsdienstverweigerung oder Kriegssteuerboykott - sowie langfristiger humanitärer Hilfe betrachten. Es versteht sich von selbst, daß Erfolg sich hierbei nicht am Ausbleiben neuer Konflikte messen läßt.

Sigurd Jennerjahn

1) Kurz vor dem amerikanischen Kriegseintritt verbreitete ein Komitee der Quäker einen Aufruf, in dem es hieß: "The alternative to war is not inactivity or cowardice (...), it is the irresistible and constructive power of goodwill." Zitiert nach: Charles Chatfield, For Peace and Justice, S.51.





2) Vgl. Christian W. Büttner, Barbara Müller, "Kriegsbeendigung durch gewaltfreie Intervention", S.5f.








































































































3) Ungefähr zwei Drittel von diesen wurden zu waffenlosem Dienst oder zivilen Tätigkeiten "von nationaler Bedeutung" abgeordnet, während ein Drittel von Militärgerichten abgeurteilt wurde, etliche zu langjährigen Haftstrafen, 17 sogar zum Tode. Diese Urteile wurden allerdings nicht vollstreckt, und nach Kriegsende sind Verweigerer in der Regel freigelassen worden. Vgl. Chatfield, For Peace and Justice, S.68ff.



Literatur:

Peter Brock, Pacifism in the United States. From the Colonial Era to the First World War, Princeton 1968.

Christian W. Büttner, Barbara Müller, "Kriegsbeendigung durch gewaltfreie Intervention. Eine Idee und ihre Umsetzung im 20.Jahrhundert", in: ami 25/12 (1995), S.5-11.

Charles Chatfield, For Peace and Justice. Pacifism in America 1914-1941, Knoxville 1971.

Charles Chatfield, The American Peace Movement. Ideals and Activism, New York 1992.

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