illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 7 Frühling 99

Krieger wollen nicht weiblich sein

Sexismus und Bundeswehr

Das Geschlechterverhältnis, so wie es neuzeitlich konstruiert wurde und nach wie vor trotz mancher Veränderungen dominant ist, kann sowohl hinsichtlich Frauen als auch hinsichtlich Männern für Militarisierungsstrategien genutzt werden. Hierzu gehört die Orientierung am jeweils vorherrschenden westdeutschen Frauenbild, das bisher auch die Wende überdauert hat. Diese Orientierung kann sich jedoch mittelfristig von der faktischen Handlungsebene des Pflegens, Musizierens und Repräsentierens zur politisch/ideologischen qualitativ verschieben, wenn es um "humanitäre Einsätze" und "Friedensmissionen" geht. Offen oder verdeckt war dabei auch die Erkenntnis von Maria Mies im Spiel, daß Frauen immer Anteil an der Beute haben.1) Das heißt, Frauen, die im Militärsystem auch Opfer sind, werden an ihren Interessen, auf der Seite der Sieger zu stehen, gepackt und lassen sich nachweislich hier auch packen. Diese aktive Beteiligung und Verstrickung kann materiell und/oder ideologisch sein, und sie wird bei der Ausgestaltung Europas eine Rolle spielen, besonders auch mit ihrer ethnozentrischen, rassistischen Dimension. Das Geschlechterverhältnis wird jedoch auch hinsichtlich der Männer für Militarisierungsstrategien genutzt. Dies geschieht besonders dadurch, daß das Militär die männlichen Soldaten durch Verweiblichungsangst in Trab hält.2)

Unter welchen Bedingungen gelingt es, Frauen zugleich am Frauenbild und an der Teilhaberinnenschaft an der Beute zu fassen? Die Rahmenbedingungen sind in der Neuzeit historisch immer ähnlich und lassen sich bisher ohne Mühe auf die Bundesrepublik anwenden:

  1. Rekrutierungsschwierigkeiten - sowohl zahlenmäßig als auch qualitätsmäßig.
  2. Angenommene oder wirkliche Kriegs- und Krisengefahren.
  3. Einführung neuer Militärtechnologien mit der damit verbundenen zunehmenden Bedeutung von Funktionsbereichen hinter der Front, wie Administration, Logistik und Infrastruktur.
  4. Frauen erhöhen die militärische Truppenmoral und Disziplin und helfen gegen innermilitärische Oppositionsströmungen; und sie wurden und werden so genutzt.
  5. Frauen dienen als Erhöherinnen der militärischen und militärpolitischen Legitimationsbasis.
  6. Ein letzter, nebensächlicher und erheblich überstrapazierter Aspekt sind schließlich Beteiligungswünsche gesellschaftlich benachteiligter Gruppen - Frauen eingeschlossen. Nicht sie, sondern die Militärstrategen haben in aller Regel entschieden, ob dieses nachgeschobene Argument hilfreich ist oder nicht.

Verstrickung und Anteilnahme

Die aktive Beteiligung und Verstrickung von Frauen und ihre Anteilnahme an der Beute lassen sich in verschiedenen Bereichen ausmachen.

  • Mütter und Ehefrauen bzw. Partnerinnen von Soldaten sind Produzentinnen und Reproduzentinnen von soldatischer Arbeitskraft.
  • Ohne die zivilen Mitarbeiterinnen funktioniert die Bundeswehr nicht. Ihre meist versorgende oder assistierende Tätigkeit fügt sich mühelos ins Frauenbild.
  • Frauen fungieren, zumindest ideologisch, als Verteidigungsmotiv. Sie sind als Teil der Zivilbevölkerung so lange Auftraggeberinnen dessen, was Verteidigungs- und Militärauftrag genannt wird, bis sie vollgültig widersprechen.
  • Frauen sind über die Notstandsgesetze der Möglichkeit nach in die Kriegs- und Katastrophenmedizin einbezogen. Sie sind damit auch der Möglichkeit nach in die Wiederherstellung der Kampffähigkeit verwundeter Soldaten einbezogen.
  • Schließlich gehören hierher die freiwilligen weiblichen Soldaten im Sanitäts- und Musikkorps und wohl demnächst im Wachdienst.

Es zeichnet sich bei den aktiven weiblichen Verstrickungsmustern eine überwältigende Vorherrschaft der klassischen Muster ab: und zwar von der Reservearmee (wie auf dem zivilen Arbeitsmarkt), über versorgende, assistierende bis hin zur auftraggebenden Zuarbeit mit androgynen Ausnahmemustern. Sie sind Opfer, Täterinnen und Kollaborateurinnen.

Potenz durch Unterwerfung

Die sexistische hierarchische Geschlechterdualität, mittels derer Frauen gegenüber Männern unter diesen ihren Platz zugewiesen bekommen, hat jedoch auch Rückwirkungen auf Männer und in benennbarer Form auch auf Soldaten. Natürlich ist dies nicht erst durch die "Wende" entstanden. Der politische Kontext hat sich verändert, und dadurch kommt es mit großer Wahrscheinlichkeit und zum Teil bereits ablesbar zu Synergie-Effekten.3)

Das Militär - und in ihm der Soldat - wird u.a. durch Verweiblichungsangst in Gang gehalten.

  • Die Bundeswehr ist Ausdruck des staatlichen Gewaltmonopols nach außen und zum Teil auch nach innen.
  • Die Bundeswehr ist eine Organisation von Gewaltspezialisten, und die Mehrheit ihrer bewaffneten Mitglieder sind Männer.
  • Soldaten lernen in der Bundeswehr zu töten und werden für einen möglichen Selbstmord vorbereitet; das heißt, es geht um zwei Adaptionen, um die "Adaption an das Milieu des Tötens" und "die an ein Leben in Angst", "ein Leben in Todesgefahr".
  • Die handwerklichen und technischen Fähigkeiten hierfür müssen ebenso gelernt werden wie die Rechtfertigung und Begründung (auf welcher Ebene auch immer).
  • Das Militär, und damit auch die Bundeswehr, ist eine Institution besonderer Art, in der Töten und Zerstören mit zum einschlägigen Handwerk gehören.
  • Gelernt werden die Fähigkeiten und Begründungen unter besonderen, nämlich kasernierten Bedingungen. Die im zivilen Leben weithin übliche Trennung von Wohn- und Arbeitsstätte ist aufgehoben. Das Leben in den Kasernen ist formal reglementiert.
  • Die Neulinge, also die einrückenden Rekruten, erfahren eine serienmäßige, d.h. gleichförmige Sozialisation. Hierbei spielt Entindividualisierung eine entscheidende Rolle.
  • An die Stelle der zivilen Identität soll die militärische Identität rücken.
  • Diese Übernahme der militärischen Identität findet ihren Ausdruck in der Uniform, die ja auch die zivile Identität sichtbar aufhebt.
  • Hinzu kommt, daß diese Entindividualisierung in allen Militärs, auch in der Bundeswehr, mit Demütigungen einhergeht; wobei damit im oberflächlichen Sinne keineswegs dramatische Demütigungen gemeint sein müssen, sondern militärische Alltagssituationen, wie Exerzieren, Überprüfung von Kleiderordnung, Spindordnung, Bettenbau, Sauberkeit der "Bude" usw.4)

Unterwerfung erhöht die Männlichkeit

Hier müssen also eifrige Unterwerfungsleistungen erbracht werden. Als Preis für diese Unterwerfungsleistungen winkt eine Steigerung von Männlichkeit, insbesondere durch die Ausbildung an Waffen.5) Hier erfolgt also ein höchst widersprüchlicher Spagat, nämlich Potenz durch Unterwerfung. Gehorsam und Männlichkeit stehen in der militärischen Sozialisation in einem direkten Zusammenhang. Hierin ist jedoch eine paradoxe Spannung eingebaut. Dies liegt unter anderem auch zusätzlich daran, daß viele soldatische Tätigkeiten im zivilen Leben keineswegs als "männlich" gelten, sondern sie gelten im Sinne des neuzeitlichen Geschlechterkonstruktes weit eher als "weiblich". Dazu gehören insbesondere

  • die Unterhaltungsleistungen,
  • das passive Bewegtwerden,
  • das Ordnunghalten,
  • das Überprüfen der adretten Kleidung,
  • das Putzen usw.6)

Dies löst meist unterschwellige Ängste aus. Die militärische Zurichtung des männlichen Soldaten arbeitet systematisch mit Verweiblichungsangst. Dieser Verweiblichungsangst gilt es ständig zu begegnen, und das bedeutet, sich durch besondere Straffheit und Härte hervorzutun. Wenn diese Dynamik einsetzt, haben wir es - im Vergleich gesprochen - quasi mit einer Suchtstruktur zu tun, denn sie führt immer nur zu einer scheinbaren, situativen Lösung. Sie kann nicht ein für allemal aufgelöst werden. Und es ist nicht einmal sicher, ob dies auch nur situativ gelingen kann, weil viele Erwartungen gleichzeitig als Normenfallen strukturiert sind. Das heißt, sie sind strukturell unerfüllbar. Es gibt zum Beispiel keine objektiven Kriterien für richtiges "Antreten". Der Spieß entscheidet!

Kein Nicht-Mann werden

Warum kann das Militär auf diese Weise mit Verweiblichungsangst arbeiten? Der allgemeinere Grund ist zunächst, daß die militärische Sozialisation an den bereits zugerichteten und anästhesierten Persönlichkeitsanteilen der jungen Männer anknüpfen kann.7) Diese Anästhesie wirkt sich auf die Individuen aus und ist gleichwohl ein gesellschaftlich-kultureller Vorgang, der u.a. einschließt, "daß ... die Konstruktion des modernen politischen Subjekts den hierarchischen Aufbau und eine Spezialisierung der Sinne und entsprechend die Unterdrückung der mannigfaltigen Wahrnehmungsfähigkeiten zur Folge hat. ... Kulturelle Anästhesie entkörperlicht Subjekte."8)

Der im Zusammenhang mit der Verweiblichungsangst wichtigere Aspekt ist deren "zivile" Grundlage. Diese "zivile" Grundlage ist die ohnehin wacklige männliche Identität in unserer Kultur. Ich will die dafür notwendigen Gedanken in Anlehnung an Carol Hagemann-White9) skizzieren:

In unserer Kultur ist "die Frau" (als Kategorie) als das Wesen definiert, das all jenes verkörpert, das "der Mann" (ebenfalls als Kategorie) nicht verkörpert. In aller Schärfe heißt das: Die Frau ist der Nicht-Mann.

Der kleine Junge, der zu Hause oder in Erziehungseinrichtungen erzogen wird, trifft hier kaum auf männliche, wirklich anwesende Menschen. Die Botschaft, ein Mann zu werden, wird also nicht wirklich positiv vermittelt. Die Botschaft mutet ihm vielmehr eine doppelte Verneinung zu. Wenn es darum geht, ein Mann zu werden, dann geht es darum, nicht zu werden wie der Nicht-Mann. Das ist gemeint, wenn ich von einer "zivilen" Grundlage einer ohnehin wackligen männlichen Identität spreche. Sie erfordert entsprechend scharfe Abgrenzungsbemühungen und Abgrenzungsleistungen gegenüber Frauen, und die gelingen am einfachsten über Abwertung. Hinzu kommt, daß diese Abwertung ja nicht von dem einzelnen erfunden werden muß. Sie liegt in unserer Kultur fast auf der Straße.

Das Militär, folglich auch die Bundeswehr, baut in der europäischen Neuzeit beziehungsweise der euroamerikanischen Dominanzkultur auf dem gespaltenen Menschenbild auf und reproduziert und verschärft es zudem kräftig. Es kann daher u.a. als Agentur zur Dramatisierung bzw. Radikalisierung des hierarchischen Geschlechterdualismus bezeichnet werden.

Einfach und brutal

Durch die Ereignisse in Hammelburg mit den Videos über Scheinhinrichtungen und Scheinvergewaltigungen ist etwas in den Blick gerückt worden, was in der bundesdeutschen Debatte erheblich tabuisiert zu sein scheint, jedenfalls soweit es Angehörige der Bundeswehr betrifft: nämlich der Zusammenhang von (militärischer) Männlichkeit und Vergewaltigung. Nicht auszuschließen ist, daß diese Tabuisierung auch (nicht nur) im Dienste einer Abwehr steht: nämlich sich den Vergewaltigungen durch Wehrmachtsangehörige im 2. Weltkrieg nicht stellen zu müssen und schon im Vorfeld die Schotten dicht zu machen. Es hat eben vieles nicht nur einen Grund, sondern auch einen Untergrund. Vorliegende Untersuchungen sprechen dafür, daß es durch die militärische Sozialisation zu einer Brutalisierung und Simplifizierung des Verhältnisses von Soldaten gegenüber Frauen führt.

Die Verweiblichungsangst kann mit sexprotzerischem Verhalten beantwortet werden. Sexuelle Potenz als Ausdruck von Kämpfertum ist eine im Militär verbreitete Ansicht. Vergewaltigung ist zudem eine der schärfsten Formen der Abgrenzung, indem Frauen dadurch radikal auf ihren Platz verwiesen werden: Objekt zu sein und unten zu sein; wobei dies der Täterblick bleibt. Kriege und Vergewaltigung gehören zusammen, und wenn mensch nicht aufpaßt, inzwischen auch deren Pornographisierung durch eine zum Teil nur scheinbar empathische Öffentlichkeit. Diese Vergewaltigungen im Krieg gehören unter anderem zu der Spaltungslogik in die sogenannten "guten" und die sogenannten "bösen" Frauen. Die Frauen im Feindesland werden in aller Regel den sogenannten "bösen" Frauen zugeordnet. Durch die Vergewaltigung werden sie in patriarchaler Tätersicht befleckt und zu sogenannten Huren gemacht. Dies ist, was die Täter betrifft, eine Botschaft von Männerbund zu Männerbund. Den Männern wird vorgeführt, daß die Beziehungen zu ihren Frauen nichts oder nichts mehr wert sind. Funktionieren kann dies allerdings nur über ein männliches, täterinfiziertes Besitzdenken, denn sonst müßte ja eine andere Logik gelten: Der Täter ist "dreckig", nicht das Opfer... und das Opfer ist und bleibt Subjekt.

Es wirkt jedoch auch noch etwas Abgründigeres, auf das Doris Janshen 1994 hingewiesen hat: Es wirkt in den kriegerischen Vergewaltigungen die in der Militärlogik aufeinander bezogene Wehrfähigkeit des Mannes und die Gebärfähigkeit der Frau. Es ist dazu noch einmal wichtig, Wehrfähigkeit als das zu bezeichnen, was es im Kriegsfall ist: Tötungsprivileg. Dieses obsiegt im Krieg über das Leben.

Astrid Albrecht-Heide

Astrid Albrecht-Heide ist Professorin am Fachbereich Erziehungswissenschaften der TU Berlin.



























1) Vgl. Maria Mies: Gesellschaftliche Ursprünge der geschlechtlichen Arbeitsteilung, in: beiträge zur feministischen theorie und praxis, Nr. 3/1980, S. 61-78.



2) Vgl. Mario Erdheim: „Heiße“ Gesellschaften und „kaltes“ Militär, in: Kursbuch 67 (1982), S.59 - 70.






























































3) Wer Hinweise sucht, möge sich mit der veränderten Bundeswehrwerbung für Langzeitsoldaten beschäftigen.

































4) Vgl. dazu Heinz Steinert: Militär, Gefängnis, Polizei usw., in: Heinz Walter (Hg.) Sozialisationsforschung Bd.II, Stuttgart 1973.




5) Vgl. u.a. Horst Eberhard Richter: Zur Psychologie des Friedens, Reinbek 1982, S. 95 ff.










6) Vgl. Mario Erdheim ebd.




















7) Vgl. u.a. Gisela Felhofer: Die Produktion des disziplinierten Menschen, Wien1987; Alice Miller: Du sollst nicht merken, Frankfurt am Main 1981; Winfried Mohr: Die Psychologie des effektiven Soldaten, in: Hans-Jochen Gamm (Hg.): Militärische Sozialisation, Darmstadt 1986; Klaus Theweleit: Das Land, das Ausland heißt, München 1995.

8) Allen Feldmann: Kulturelle Anästhesie: Von Desert Storm zu Rodney King via Ex-Jugoslawien, in: Michael Wimmer u.a. (Hg.): Das zivilisierte Tier. Zur historischen Anthropologie der Gewalt, Frankfurt/M. 1996, S. 88.

9) Vgl. Carol Hagemann-White: Sozialisation: Weiblich - männlich? Opladen 1984.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Vortrag „Die Bundeswehr nach der 'Wende' im Spannungsfeld von Sexismus, Rassismus und Klassismus“, den Astrid Albrecht-Heide im November 1998 bei einer Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema „Militär und Geschlechterverhältnis“ gehalten hat. Die umfangreiche Literaturliste kann bei der Redaktion eingesehen werden.

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