illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 7 Frühling 99

Mythos Friedfertigkeit

Anne Bonney als PiratDas Wort "Frieden" bedeutet: "Zustand der Ruhe, Harmonie, Beilegung einer (kriegerischen) Auseinandersetzung". Das erstmals aus dem 16. Jahrhundert belegte Adjektiv "friedfertig" bedeutet soviel wie "friedliebend, friedlich",1) und muß entsprechend auch als "bereit zu Ruhe und Harmonie" gedeutet werden. Friedfertigkeit ist mehr als bloßer Verzicht auf die Erstanwendung von Gewalt, sie schließt eine Bereitschaft zum Einlenken, zum ersten Schritt und zur vertrauensbildendenden Maßnahme ein. Diese Bereitschaft wird häufig Frauen zugeschrieben. Frauen seien "sanfter", stärker auf Harmonie bedacht, überhaupt geschickter in der Gestaltung sozialer Beziehungen. Als Begründung dafür wird häufig eine naturgegebene "Liebe zum Leben" herangezogen, insbesondere wegen der biologisch gegebenen Möglichkeit, Kinder zu gebären. Tatsächlich kann man Frauen - wie es etwa die Ökofeministin Maria Mies tut - als "die Erfinderinnen sozialer Beziehungen"2) ansehen, geht man davon aus, daß die ursprüngliche soziale Beziehung von Menschen die zwischen Mutter und Kind ist. Ob damit jedoch auf "natürliche" oder gar biologische Weise Friedfertigkeit programmiert ist, kann nicht als sicher gelten. Eine soziale Beziehung bildet sich schließlich im Zusammenleben heraus.

Natürlich friedlich

Besser nachweisbar als eine naturgegebene Disposition von Frauen zur Friedfertigkeit ist eine historisch und sozial gewachsene Disposition von Männern zur Gewaltausübung, deren erste Grundlage die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung war. Seitdem Männer gelernt hatten, daß man mit Waffen nicht nur Tiere, sondern auch Menschen töten kann, verwendeten sie die Waffen offenbar dazu, sich die Arbeitskraft anderer Menschen anzueignen, explizit von Frauen, die neben ihrer Arbeitskraft überdies die Fähigkeit zur "Produktion" von neuen Menschen mitbrachten. Frauen sind die ersten Sklaven gewesen, während männliche (Kriegs)gefangene eher getötet wurden.3) Eine dauerhafte, über Jahrhunderte funktionierende Herrschaft einer Hälfte der Menschheit über die andere kann jedoch nicht allein durch gewaltsame Unterdrückung gesichert werden. Herrschaft wird stabilisiert, wenn die Beherrschten selbst die Überzeugung teilen, die Ordnung, in der sie "unten" sind, sei rechtmäßig, naturgewollt, gottgegeben oder jedenfalls nicht zu ändern. Das trifft auf das Geschlechterverhältnis exemplarisch zu. Die Ideologie des Patriarchats besagt, Frauen seien körperlich schwächer, intellektuell minderwertig und sozial weniger aggressiv, d.h. zur Aggression weniger in der Lage als Männer. Die "Ausarbeitung" dieser Ideologie dauerte allerdings Jahrtausende. Menschen früherer Jahrhunderte waren nicht generell überzeugt, daß Frauen "schwächer" wären als Männer. Die Furcht vor "dem Weiblichen" - gerade die von mittelalterlichen Kirchenmännern - deutet vielmehr darauf hin, daß Frauen als mächtig und potentiell gefährlich angesehen wurden. Auch die Verfolgung und Vernichtung von Frauen in der frühen Neuzeit4) belegt eben nicht nur Frauenhaß, sondern Angst und Phantasien über ihre Mächtigkeit. Schwäche und Friedfertigkeit von Frauen sind kulturelle Muster: Galten Hexen im 16. Jh. als gefährliche Zauberinnen, sah man sie später als Opfer teuflischer Verführung, als Besessene, schließlich als psychisch Kranke.5) Erst im 19. Jh. war das Idealbild fertig: die ungefährliche und friedfertige Frau, verkörpert durch die nicht-erwerbstätige Hausfrau und Mutter. Obwohl dieses Bild nie für die überwiegende Anzahl der Frauen zutraf 6), entfaltet/e es kulturelle und soziale Wirksamkeit, weil die diesem Bild entsprechende Frau von Männern und Frauen idealisiert wurde und wird. Auch manche Frauenbewegte meinen heute, Frauen wären von Natur aus friedlicher oder besser. Für solche kulturelle Dominanz eines Begriffes kann man nicht platt "Unterdrückung" verantwortlich machen: Hier geht es um Unterordnung. Dieser Begriff bezieht "die Möglichkeit eines Einverständnisses zwischen dem Dominierenden und dem Menschen in der untergeordneten Position mit ein. Er beinhaltet auch die Möglichkeit einer freiwilligen Akzeptanz des untergeordneten Status im Tausch gegen Schutz und Privilegien - ein Zustand, der einen erheblichen Teil der Erfahrungen von Frauen in der Geschichte charakterisiert."7) Frauen profitieren auch in der männerdominierten Gesellschaft.8) Unter Umständen beteiligen sie sich sogar an Verbrechen gegen Frauen.9)

Falsche Verheißungen

Mit der Behauptung, Frauen seien friedfertiger als Männer, wird ihnen etwas zugeschrieben, was in der Gesellschaft als erstrebenswert gilt: nachgiebig zu sein, sich ruhig zu verhalten, auch wenn Schweres erlebt wird, nicht zu hassen, Gleiches nicht mit Gleichem zu vergelten, nicht mit Männern zu konkurrieren und so weiter. Friedfertigkeit wird auf diese Weise einem Gewaltverzicht unter allen Umständen gleichgesetzt, was sich ausgezeichnet mit der Opferrolle von Frauen verbindet und den Effekt hat, daß nicht nur Aggressionen gegen Männer, sondern letztlich auch Notwehr verhindert werden. Die Überzeugung, schwächer, friedfertiger und "besser" zu sein, bewirkt, daß Frauen sich häufig auch dann weniger wehren, wenn sie ernstlich bedroht sind. In dieser Logik werden die "besseren" Menschen automatisch zu Opfern, ein für die männlichen Täter äußerst vorteilhafter Effekt. Margarete Mitscherlich schreibt: "Frieden kann eben auch der Friedhofsfrieden einer unkritischen und kampflosen Hinnahme von Gewohnheitsunrecht werden, wie es den Frauen so lange aufgezwungen wurde."10) Zum Ausgleich für die "Hinnahme von Gewohnheitsunrecht" wird Frauen verheißen: bei weiblichem Wohlverhalten nicht Opfer männlicher Aggressionen zu werden; von Männern geschützt zu werden; zum "Lohn" für Wohlverhalten als "weiblich", nämlich weiblicher als andere Frauen zu gelten und damit in der Geschlechtsidentität gestärkt zu werden; nicht als Täterin in Betracht zu kommen bzw. als Profiteurin gesellschaftlicher Ungleichheiten unerkannt zu bleiben.

Viele Frauen hoffen selbst, daß diese Verheißungen wahr werden. Das Gegenteil ist der Fall. Vor allem die Annahme, daß Männer sich schützend vor Frauen stellen, ist falsch. So wird berichtet, daß beim Einmarsch der Besatzungsmächte am Ende des 2. Weltkriegs die Männer sich nicht selten servil gegenüber den siegreichen Männern zeigten und Vergewaltigungen "ihrer" Frauen zuließen.11) Ein weiteres Beispiel: Mädchen werden signifikant häufiger sexuell mißhandelt als Jungen, während die erwachsenen Täter in über 90 Prozent aller Fälle Männer sind.12) Gleichzeitig wird in den Medien und in der Öffentlichkeit ein Bild vermittelt, nach dem Frauen hilflose Opfer sind. Überleben sie, dann aus Sicht der Medien weniger wegen ihres geistesgegenwärtigen Handelns, sondern weil z. B. der Täter "gestört" wurde. Nicht selten bezweifeln Frauen selbst, daß sie durch eigene Kraft überlebt haben. Manche "merken nicht einmal, daß sie sich gewehrt haben."13) Das Verhalten von Frauen, die ihnen im Alltag zugeschriebene Passivität aufgeben, löst nicht nur bei Männern Verunsicherung aus.

Aus der Rolle gefallen

Frauen, die sich bewaffnen und/oder zum Militär gehen, lösen potenzierte Verunsicherung aus und erscheinen als ungewöhnlich oder unweiblich. Trotzdem gibt es in der Geschichte, ganz zu schweigen vom Mythos, zahlreiche Beispiele von Kriegerinnen und Kämpferinnen. Das Abweichen dieser Frauen von ihrer Geschlechterrolle ist ihnen offenbar durchaus bewußt gewesen. Bewaffnet zu sein, "Männerkleider" zu tragen und "männliches Verhalten" werden miteinander in Zusammenhang gebracht, wenngleich es wohl eher Armut als Vaterlandsliebe gewesen sein wird, die Frauen bewegte, beispielsweise im 16./17. Jahrhundert in männlicher Verkleidung in die niederländische Armee einzutreten. Waren sie einmal Kriegerinnen, stiegen sie nicht selten in der militärischen Hierarchie auf und wurden oft erst nach ihrem Tod entlarvt. Zuweilen nahmen die Frauen ihre Rolle so weit an, daß sie Frauen heirateten und zeitweise sogar innerhalb ihrer Ehe den Schein wahrten.14) Im 20. Jahrhundert waren Frauen, die im Militär dienen wollten, meist nicht mehr genötigt, sich als Männer zu verstellen. Ihre "Weiblichkeit" ist aber dennoch oft Gegenstand des Zweifels. So heißt es über eine Schützin der österreichisch-ungarischen Armee des 1. Weltkriegs, in ihrer Nähe könnten keine anderen Fragen aufkommen "als rein politische oder militärische".15) Eine andere, die auf der Seite des Russischen Reichs kämpfte, hielt den Anschein aufrecht, ein Mann zu sein, und veröffentlichte selbst ein Pamphlet, in dem sie erklärte, eine Frau sei in einer "kämpfenden Einheit fehl am Platze. Selbst wenn sie sich verkleidet, umgibt sie eine Atmosphäre der Schwäche, und die Männer werden versucht sein, sie zu schonen."16) Ingrid Strobl berichtet, daß niemand ihr die Adresse einer Frau geben wollte, die am spanischen Bürgerkrieg als Kämpferin teilgenommen hatte. Sie sei "irgendwie eigenartig", "zu männlich". Die ehemalige Kämpferin selbst: "Wir wurden in jeder Hinsicht wie Männer behandelt (...), und wir haben uns ja auch benommen wie Männer."17)

Als diejenigen, die die ihnen zugewiesene Rolle nicht annehmen, werden bewaffnete Frauen von Männern oft diffamiert und dämonisiert, nämlich als "Mannweiber" oder "grausamer als Männer". Ihre "Unweiblichkeit" versucht man gern damit zu erklären, sie seien eben lesbisch (unabhängig davon, ob sie tatsächlich Frauen liebten). Über einen Mangel an Körperkraft, kriegerischer Motivation oder über Mitleid mit dem "Feind" wird jedoch niemals berichtet. Selbst an den ganz wenigen genannten Beispielen wird deutlich, daß bewaffnete Frauen "aus der Rolle fallen", weswegen man ihnen lieber im Einzelfall "Männlichkeit" zugesteht, als generell zu erklären, daß Frauen physisch und psychisch in der Lage sind, genauso wie Männer militärisch und/oder aggressiv zu handeln.

Ulrike Gramann

1) Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, München 1989, Artikel „Frieden“.

2) vgl. Mies, Patriarchat und Kapital, Zürich 1987, S. 71.

3) Vgl. Gerda Lerner, Die Entstehung des Patriarchats, München 1997.

4) Als Hexen verfolgt wurden überwiegend Frauen, allerdings auch Männer, Kinder, Tiere.

5) Gerda Lerner, Die Entstehung des Patriarchats, München 1997, S. 289.

6) Vgl. Claudia Honegger, Die Hexen der Neuzeit. Frankfurt am Main 1978.

7) ... tendenziell höchstens in der Wirtschaftswunder-BRD der fünfziger Jahre.

8) Vgl. Birgit Rommelspacher. Texte zur Fremdheit und Macht, Dominanzkultur, Berlin 1995.

9) Vgl. Angelika Ebbinghaus: Opfer und Täterinnen, Frankfurt am Main 1996.

10) Margarete Mitscherlich, Die friedfertige Frau, Frankfurt am Main 1985, S.4.

11) Erika M. Hoerning, Die Ausnahme ist die Regel. Frauen als Kriegsbeute, in: Gewaltverhältnisse, Sensbachtal 1987.

12) Vgl. z.B. Barbara Kavemann, Sexueller Mißbrauch von Mädchen in der Familie, in Gewaltverhältnisse, Sensbachtal 1987; Anita Heiliger, Constance Engelfried, Sexuelle Gewalt. Männliche Sozialisation und potentielle Täterschaft, Frankfurt am Main/New York 1995. Die Zahlenangaben in den zahlreichen Veröffentlichungen schwanken.

13) vgl. Denise Caignon, Gail Groves, Schlagfertige Frauen, Berlin 1990.

14) Vgl. Rudolf Dekker, Lotte van de Pol, Frauen in Männerkleidern, Berlin 1990.

15) Hanna Hacker: Gewalt ist: keine Frau, Königstein/Taunus 1998, S. 198.

16) Ebd.

17) Vgl. Ingrid Strobl, Sag nie, du gehst den letzten Weg, Frankfurt am Main 1989.

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