Worte zum Quartal
Liebe Leserinnen und Leser,der NATO-Angriff gegen Jugoslawien wurde für beendet erklärt. Die VerfechterInnen einer militärischen Intervention auf dem Balkan fühlen sich, als hätten sie gesiegt. Merkwürdigerweise erklärte auch der jugoslawische Präsident Milosevic sich zum Sieger des Krieges. »Kriege werden nicht gewonnen«, wußte die Friedensbewegung der 80er Jahre noch. Und so stehen auch diesmal die VerliererInnen schon fest: die kosovo-albanischen und serbischen Flüchtlinge, von denen viele noch nicht wissen, wo und wie sie den Winter verbringen werden; die Menschen, die durch die Bomben Wohnung, Arbeit, Existenz verloren haben. Und die, die endgültig verloren haben: die bisher ungezählten Toten der Luftangriffe und des Hasses auf beiden Seiten. Wem nützt es, wenn die Verluste als Sieg für den Frieden schöngeredet werden? Eine erste politische Bilanz legt Regina Hagen vom Darmstädter Friedensforum vor. Die Wahrheit wurde wie immer im Krieg das erste Opfer. Markus Bickel zeigt, wie die einst links-alternative taz zum Sprachrohr der rot-grünen Kriegsherren wurde. Gerhard Piper beschreibt für illoyal, wie die NATO mit ihrer neuen Strategie jetzt realisiert, was sie schon immer gern getan hätte. Für die Menschen, die vor Krieg und Vertreibung fliehen, bleibt alles beim alten. Darüber sprachen wir mit der flüchtlingspolitisch engagierten Rita Kantemir und dokumentieren die auch nach dem vermeintlichen Kriegsende noch aktuelle Rede, die Heiko Kauffmann (Pro Asyl) bei der Berliner Friedensdemonstration hielt. Der Schwenk der Grünen zum ganz gewöhnlichen Militarismus brachte Austritte und Abspaltungen. »REGENBOGEN«, eine der hoffnungsvollen neuen Gruppen, stellt sich vor. Große Hoffnungen macht sich die grüne Partei wegen der ebenfalls zahlreichen Neueintritte. Ob die neu Beigetretenen damit die in einer Regierungspartei mögliche Karriere anstreben oder die Illusion hegen, die Partei »von innen« reformieren zu können, wurde uns bis Redaktionsschluß nicht bekannt. Wir erinnern uns der vielen, die die SED von innen erneuern oder den langen Marsch durch die Institutionen antreten wollten, und bleiben skeptisch. Da die Grünen versprachen, mit ihnen gebe es keine öffentlichen Gelöbnisse der Bundeswehr mehr, werden wir in Berlin am 20. Juli gewiß eine neue Probe ihrer Zuverlässigkeit erhalten. Möchte die Bundeswehr das Attentat auf Adolf Hitler nun zu einer Vorläuferaktion für das eigene Wirken out of area vielleicht machen? Außerdem in diesem Heft: Krieg im Kongo, ein Gespräch über die Situation in Kurdistan und ein Bericht vom Prozeß gegen den Totalverweigerer Jörg Eichler. Auf Meinungen und Kritik sind wir wie immer neugierig. Auch Ihr persönlich-politisches Fazit des Krieges gegen Jugoslawien weckt unser Interesse. Schreiben Sie uns! Der nächste Redaktionschluß ist der 6. September. Einen schönen Sommer wünscht Ihnen Ihre Redaktion illoyal |