illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 10 Winter 99/00

Wehrdienstverweigerung in der DDR

 
Die DDR war das einzige Land im Osten, in dem es einen waffenlosen Wehrersatzdienst gab. Als die Wehrpflicht nach dem Bau der Mauer 1962 eingeführt wurde, verweigerte eine nicht geringe Anzahl von jungen Männern den Dienst. Genaue Zahlen liegen bis heute nicht vor. Gleichzeitig setzte sich besonders die evangelische Kirche für einen Wehrersatzdienst ein. In Gesprächen mit dem Thüringer Bischof Mitzenheim und dem Chef der SED Walter Ulbricht wurde ein waffenloser Wehrersatzdienst vereinbart, der mit der Bausoldatenverordnung 1964 gesetzlich in Kraft trat.

In der Bausoldatenverordnung wurde geregelt, dass Bausoldaten Wehrpflichtige seien, die in Uniform und untergebracht in Kasernen dem Reglement der NVA und der Grenztruppen untergeordnet sind und einen 18monatigen Wehrdienst ableisten. Auf den Schulterstücken der Bausoldaten war statt silberner oder goldener Pickel ein Spaten sichtbar. In der Anfangszeit waren Bausoldaten in Kompanien zusammengefasst und als Hilfstrupps den Baupionieren zugeteilt.

Ab 1976 wurden die Kompanien nach der 14tägigen Grundausbildung aufgelöst, in kleine Gruppen von 10 bis 20 Mann aufgeteilt und auf verschiedene Standorte verteilt, in denen meist wenige andere Wehrpflichtige waren. Der Grund war, dass die geballte Ladung von Pazifisten und Antimilitaristen auf die "normalen" Wehrpflichtigen eine zersetzende Wirkung hatte. Ab 1976 wurden Bausoldaten meist in den Bereichen Küche, Garten und Heizung u.ä. eingesetzt. Es waren meist Offiziersstandorte wie zum Beispiel das Kommando der Grenztruppen in Pätz / Königs Wusterhausen bei Berlin.

In der Öffentlichkeit der DDR war die Möglichkeit der Wehrdienstverweigerung wenig bekannt. Selbst innerhalb der evangelischen Kirche waren es wenige engagierte Pfarrer, die unter den jungen Christen die Möglichkeit publik machten. Der Staat hatte kein Interesse daran, und auch die westlichen Medien griffen dieses Thema nicht auf. Eine Friedensszene entwickelte sich erst Anfang der 80er Jahre in der DDR. Viele Bausoldaten waren Christen - in der Mehrheit evangelische, aber auch viele Baptisten, Adventisten und andere freikirchliche Gruppen, wenige Katholiken, da die katholische Kirche die These vom gerechten Krieg vertritt. Etwa 20 Prozent verweigerten aus humanistischen Gründen.

Die Verweigerung erklärte man bei der Musterung auf dem Wehrkreiskommando schriftlich. Eine Gewissensprüfung gab es nicht. Der Wehrersatzdienst war ein Rechtsanspruch jedes Bürgers. Aber man wurde natürlich von den Offzieren des Wehrkreiskommandos unter Druck gesetzt, zum Beispiel mit Fragen wie "Sie gehen mit ihrer Freundin durch den Park und werden von einer Horde Rowdies überfallen. Wehren Sie sich da etwa nicht?" Und so weiter.

1970 gab das Volksbildungsministerium von Margot Honecker die Order heraus: Wer nicht bereit ist, sein Vaterland mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, ist es auch nicht wert, in der DDR zu studieren. Die Weisung galt zeitweilig sogar für das Theologiestudium an den staatlichen Sektionen für Theologie. In späteren Jahren wurde wieder nach und nach akzeptiert, dass Teile der angehenden Pfarrerschaft keinen Wehrdienst mit der Waffe leisteten. Für alle anderen Studienrichtungen verschärfte sich die Situation. In den 70er und 80er Jahren wurde der Druck auf Studenten und Abiturienten beträchtlich erhöht, sich entweder für drei bzw. 10 Jahre oder als Offizier auf Zeit zu verpflichten. Da es in der DDR in allen Studienrichtungen einen Numerus clausus gab, war bei den begehrtesten Studienrichtungen der Druck besonders groß.

Einem Teil der Wehrdienstverweigerer war der Bausoldatendienst keine echte Alternative. Besonders die Zeugen Jehovas verweigerten den Wehrdienst total. In den 70er und 80er Jahren kamen aber auch mehr Totalverweigerer aus anderen Kirchen oder Religionsgemeinschaften oder nichtreligiöse Totalverweigerer hinzu. Von den DDR-Gerichten wurden jedes Jahr etwa 100 Totalverweigerer verurteilt. Die Strafen betrugen zwischen 18 und 22 Monaten. 1985 wurden auf Anweisung des damaligen DDR-Verteidigungsministers Heinz Hoffmann alle Totalverweigerer aus der Haft entlassen, und von diesem Zeitpunkt an wurde niemand mehr inhaftiert oder verurteilt. Natürlich wurde die Anweisung nirgendwo veröffentlicht, und so hing das Damoklesschwert des Knastes über allen Totalverweigerern bis zum Beginn der Revolution im Herbst 1989.

Reinhard Schult, Bausoldat von 1976 bis 1978

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