| Als Lehrgangspädagogin betreue ich
seit 17 Jahren Zivildienstleistende auf zweiwöchigen fachspezifischen
Einführungslehrgängen, auf denen sie in den ersten Dienstmonaten
den bisherigen Einsatz reflektieren bzw. theoretisch ergänzen sollen.
Auch ihre Stellung als Kriegsdienstverweigerer findet in dieser Zeit Beachtung,
weshalb regelmäßig ein Austausch mit der Kampagne gegen Wehrpflicht,
Zwangsdienste und Militär stattfindet. Bei diesen Gesprächen stellt
sich immer wieder heraus, dass Zivildienstleistende sich häufig gar
nicht bewusst sind, dass sie mit Ausübung des Zivildienstes die Wehrpflicht
erfüllen. Das hängt meines Erachtens damit zusammen, dass die
gedankliche Auseinandersetzung mit den Gründen ihrer Verweigerung
nachlässt.
Bei Zivildienstleistenden, deren Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer
nur schwer gelang, ergibt sich dagegen ein ausgeprägtes Problembewusstsein,
wie folgende Stellungnahme von Jens (21 Jahre, Berlin, abgeschlossene Ausbildung)
zeigt: Fest steht, dass nur wenige ZDL einen vergleichbaren Dienst freiwillig ausüben würden; die Zivildienstzeit, die durch die Verweigerung als das kleinere Übel gewählt wird, beschneidet die Lebensplanung. Hierzu äußert Tobias (19 Jahre, Abiturient aus Mecklenburg-Vorpommern): "Die Bundeswehr gibt es seit zirka 50 Jahren. In diesen 50 Jahren war es von keiner dringenden Notwendigkeit, diese Armee auch einzusetzen. Die Möglichkeit zum Einsatz gibt es auch erst seit kurzem. Dabei soll die Bundeswehr im Rahmen einer internationalen Friedenstruppe einen 'Frieden sichern'. Da fängt es für mich an. Frieden mit Waffen zu sichern ist falsch. Ein Frieden hält ohne Waffen, oder er hält nicht. Dann müssen andere Wege gefunden werden. Durch die Diplomaten, zum Beispiel. Schon die Möglichkeit , eine Armee einzusetzen (...) verlockt ja gerade dazu, sie im so genannten 'Notfall' auch einzusetzen. Genauso ist es mit dem 'Töten lernen', wer es kann, kann es auch einsetzen. Der einzige Weg einer Vermeidung dieser Benutzung einer Armee ist ihre Abschaffung. Somit wäre auch der Ersatzdienst (Zivildienst) abgeschafft. Das wäre auch in Ordnung. Denn "Besseres" hätte ich auch zu tun. Trotzdem habe ich mich für den Zivildienst entschieden. Der einfachste Grund dafür ist die Angst vor den Konsequenzen einer Totalverweigerung. Außerdem sammle ich während meiner Arbeit Erfahrungen, die meiner Meinung auch jeder sammeln sollte. Der Rahmen spielt für mich natürlich auch eine Rolle. Freiwillig würde es auch niemand tun. Auch ich nicht. (...) Die Ursache des Krieges ist die Aberkennung der Menschenwürde des Einzelnen." Dies spielt auch bei der Verweigerung von Christian (19 Jahre, Abiturient, Berlin) eine Rolle: "Warum Zivildienst? Es stand für mich schon relativ früh fest, dass Bundeswehr für mich nicht in Frage kommt, da a) ich keinen Sinn darin sah, dort meinen Dienst zu leisten, sondern etwas wirklich Nützliches machen wollte; b) ich zu Hause bleiben wollte. Die Erhaltung meines sozialen Umfeldes war mir dabei sehr wichtig." Christian (19 Jahre, Abiturient, Berlin) schreibt: "Den Dienst mit der Waffe habe ich nicht wirklich aus dem Grund verweigert, dass ich niemanden töten könnte und es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren könnte, sondern weil ich Krieg und das zwangsläufig damit verbundene Töten als sinnlos ansehe. Außerdem wollte ich mich nicht dem totalen Befehl und Gehorsam unterstellen, sondern schon individuell bleiben, was ja bei der Bundeswehr nicht möglich ist. Meine Meinung wurde durch meine Eltern, durch politischen Unterricht in der Schule und durch Antikriegsfilme geformt." Bei diesem Statement zeigt sich ein Ansatz von sehr häufig genannten Verweigerungsgründen von Zivildienstleistenden: Erhalt der Individualität und des dafür wesentlichen sozialen Umfeldes, wenn der Wohnort auch der Dienstort ist. Über persönliche Einschränkungen äußert Robert (20 Jahre, Abiturient): "Ich sehe die Wehrpflicht, sei es die Bundeswehr oder der Zivildienst, als veraltet und zugleich als primitive Maßnahme, ein Individuum an seiner persönlichen Entwicklung und Weiterbildung zu hindern. Auch gerade den Zivildienst sehe ich wegen der längeren Dienstzeit als Bestrafung." Bei anderen Zivildienstleistenden wiederum spielt Freiheitsbeschneidung keine Rolle, sondern die Verweigerung und der damit einhergehende Dienst werden als etwas Sinnvolles angesehen, wie bei Manuel (Zivildienstleistender, Berlin): "Den Kriegsdienst mit der Waffe habe ich verweigert, weil ich den Zivildienst für etwas Nützliches halte. Die Jugendlichen lernen Toleranz und Verständnis älteren Menschen gegenüber, die man vorher nur vom Sehen her kannte. Erst durch den engeren Kontakt zu diesen Menschen im Zivildienst erkennt man, warum sich ältere Menschen manchmal so merkwürdig verhalten. Ich denke, das ist eine Erfahrung, die für jeden Jugendlichen wichtig ist. Hierzu kommt noch, dass sich auch die ältere, hilfsbedürftige Generation freut, mal ein neues Gesicht in ihrem meist tristen und monotonen Alltag zu sehen. Gerade durch den Zivildienst wird eine Brücke zwischen den alten und den jungen Menschen geschlagen. Dass viele Totalverweigerer diesen 'Zivildienst' als Einschränkung ihrer Freiheit ansehen, kann ich überhaupt nicht verstehen. Zivildienst hat für mich nichts mit Zwang zu tun. Als Bürger dieses Landes hat man sich nun mal der Autorität des Staates zu unterstellen. Wenn jeder das macht, was er für richtig hält, würden wir in einer Anarchie leben. Ein Zwang wird der Zivildienst nur, wenn man entweder nur zu faul dazu ist oder sich keiner Autorität unterstellen kann. Mit der Durchsetzung der persönlichen Freiheit hat eine Totalverweigerung ja wohl wenig zu tun, wenn man anschließend im Gefängnis landet." Auf Grund der geplanten Verkürzung der Zivildienstzeit wird meines Erachtens die Verweigerung zunehmend von gesellschaftspolitischen Dingen abhängig werden und noch weniger aus persönlichen Überzeugungen heraus erfolgen: Die Planungsunsicherheit bezüglich der Zukunft des Zivildienstes, die Tatsache, dass Stellen durch Dienstzeitverkürzung wegfallen könnten, nährt die Hoffnung der jungen Männer, "durch die Maschen zu rutschen." Die Konsequenz davon: Man kümmert sich nicht mehr selbst im Vorfeld um eine Stelle, sondern wartet eine eventuelle Aufforderung vom BAZ ab bzw. hofft, dass diese ausbleibt. Die Ableistung des Zivildienstes würde immer mehr zum lästigen Übel... Maria Kretschmer |