| Im Gegensatz
zu manch einem Aktivisten freut sich die sozialwissenschaftliche
Bewegungsforschung über den "radical flank effect" 1). Aufgrund seines
Drohpotenzials kann die Wirkung eines radikalen Flügels einer sozialen
Bewegung darin bestehen, dass die Verhandlungsposition des
reformerischen
Flügels gestärkt und so wenigstens das Mögliche erreicht wird -
vorausgesetzt, die Spaltungsversuche von oben sind gescheitert und von
unten gibt es
eine grundsätzliche Solidarität zwischen Radikalen und ReformerInnen.
Leider halten Marko Langert und Thorsten Froese solches
Um-die-Ecke-Denken für
unnötig strategisch.
Wieso sonst hätten die beiden mit ihrem Artikel "Dienen oder Verweigern? Zur Motivation und Vernetzung Totaler Kriegsdienstverweigerer" 2) im letzten illoyal-Heft einmal mehr den Keil zwischen die guten und die bösen Kriegsdienstverweigerer getrieben? Die Heldenrolle spielen diesmal die totalen Kriegsdienstverweigerer (TKDVer), während den Kriegsdienstverweigerern aus Gewissensgründen nach Artikel 4 Absatz 3 Satz 1 des Grundgesetzes ("4/3er") schlimmstenfalls die Rolle der Bösewichte, bestenfalls die einer passiven Verschiebemasse von "4/3"-Beratungsstellen angedichtet wird. Die Organisationen, die "4/3"-Beratung anbieten, gelten Langert und Froese als das Böse schlechthin, daher steht auf dem Gipfel ihrer Vorwürfe zu lesen: "Wer zu 4/3 arbeitet, arbeitet der TKDV auch systematisch entgegen" 3). Die Sortieranlage funktioniert wie bei Aschenputtel: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Selbstmarginalisierung als Strategie Da wollen es die selbst stilisierten Davids offenbar mit ihren auserkorenen Goliaths aufnehmen. Die Größenunterschiede können kaum gewaltiger sein. Die "Bewegung" der TKDVer speist sich nach Angaben von Langert und Froese aus 150 bis 200 politisch organisierten und aktiven Totalverweigerern pro Jahr. Gesichert, weil dokumentiert, sind allerdings nur etwa 50 Urteile pro Jahr. Vor dem Hintergrund der massiven Repression gegen TKDVer in Form von drakonischen Geldbußen und Haftstrafen mit und ohne Bewährung ist zweifellos auch diese Zahl beachtlich. Eine "Bewegung" ist derweil aber nicht in Sicht, und die Hoffnung auf massenhafte Totalverweigerung bleibt illusorisch. Demgegenüber steht eine tausendfach größere Anzahl von "4/3ern". Im Jahr 1999 wurden 174.348 Wehrpflichtige als Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen anerkannt. Seit Einführung der Wehrpflicht haben 1,4 Millionen junge Männer Zivildienst geleistet. Goliath wächst seit Jahrzehnten, während David mit seiner Exklusivität kokettiert - nach dem Motto: Wir sind nicht viele und wir werden auch nicht mehr. Langert und Froese erklären die Selbstmarginalisierung zur Strategie und beanspruchen moralische Reinheit und politische Korrektheit für sich: Totalverweigerer "geben in ihrer politischen Arbeit auch ständig zu verstehen, dass sie sich vom nicht totalverweigernden Teil der für den Krieg verplanten Männer und Frauen nur darin unterscheiden, dass sie eine Entscheidung schon getroffen haben" 4). Abgesehen davon, dass Frauen und ausgemusterten Männern zu keinem Zeitpunkt die Gelegenheit gegeben wurde oder wird, sich für oder gegen das Militär zu entscheiden, können es die beiden Autoren offenbar nicht fassen, dass auch "4/3er" eine Entscheidung gefällt haben - wenn auch eine andere als sie selbst. Sie haben sich für einen mit weniger Repression verbundenen Weg entschieden, der zumindest in der Gegenwart ebenso wie die TKDV nicht unmittelbar an das Militär angekoppelt ist. Wer nun versucht, die echten und die unechten Verweigerer in jeweils fein säuberlich getrennte Schubladen einzusortieren, und dabei die eigene Irrelevanz nur notdürftig kaschiert, verbaut sich die Chance, Kräfte zu bündeln, und diskreditiert sich als Koalitionspartner. Den Luxus des Sektierertums, dem Langert und Froese offenbar frönen, können wir uns angesichts einer interventionslüsternen Bundeswehr und der sich abzeichnenden neuen Rüstungsspirale nicht leisten. Die Welt anders interpretieren und trotzdem verändern Zahlen und Statistiken sind selbst nie neutral, dennoch können sie auf unterschiedliche Art und Weise interpretiert werden. Deshalb gebietet die politische Klugheit, die Verweigererstatistiken als Ausdruck einer Gesellschaft zu interpretieren, in der ein großer Teil der jungen Männer Besseres vorhat, als sich der Militärmaschine einverleiben zu lassen, statt die "4/3"-Verweigerer pauschal dem militärischen Komplex zuzurechnen. Sicherlich sind Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen oft keine prinzipiellen Militärgegner, sondern haben lediglich keine Lust auf militärischen Drill, kameradschaftliches Mobbing, willkürlich agierende, neurotische Vorgesetzte und Primärerfahrungen mit alkoholisierten Rechtsextremisten. So sexy ist die Bundeswehr - trotz aller Bemühungen um eine Attraktivitätssteigerung - ja nun wirklich nicht. Die Motive eines durchschnittlichen "4/3ers" würden nicht dazu taugen, die persönlichen Konsequenzen einer Totalverweigerung zu tragen. Dazu ist die "Generation Golf" viel zu pragmatisch und karriereorientiert. Politisches Engagement ohne unmittelbare Rendite ist mega-out und die Abweichung von einer glatten Berufsbiografie viel zu gefährlich. Eine andere Beratungspraxis würde, anders als Langert und Froese zu implizieren scheinen, kaum zu einer höheren Quote von Totalverweigerern beitragen. Wenn Beratung eher zur Totalverweigerung überredet, als diese unterstützt, wären verheerende Gerichtsurteile und die Erhöhung des Repressionsniveaus gegen TKDVer das Resultat. Das wäre fahrlässig sowohl gegenüber den Betroffenen als auch gegenüber der Bewegung. Daher gehört es zu den Beratungsprinzipien der Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär, niemanden zur Totalverweigerung zu drängen. Alternativ zur Totalverweigerung zeigt die Kampagne statt dessen Wege auf, nicht nur den Wehrdienst, sondern auch den Zivildienst zu umgehen. Dazu kann es sinnvoll sein, zunächst einen KDV-Antrag zu stellen. Wer nun partout den Zivildienst auch leisten will (oder dies wegen einer doppelten Staatsbürgerschaft muss) und daher lediglich das "4/3"-Verfahren erklärt bekommen möchte, wird ebenfalls nicht abgewiesen. Dass die Kampagne allerdings Zivildienststellen vermitteln würde, entspringt der ansonsten wenig lebhaften Phantasie der Autoren. Masochismus und Märtyrertum oder multiple Motive? Angesichts der Drohungen totaler Kriegsdienstverweigerer, dem Staat ihre Arbeitskraft zu entziehen, hält sich der Gesetzgeber den Bauch vor Lachen. Es geht - darin würden Langert und Froese vermutlich zustimmen - aber nicht ausschließlich um die Lösung individueller Wehrpflichtprobleme, sondern um gesellschaftliche Alternativen zur Wehrpflicht. Deshalb sind TKDVer auf Öffentlichkeit angewiesen und müssen den symbolischen Effekt ihres Handelns an der anspruchsvollen Messlatte medialer Aufmerksamkeit messen lassen. Eine Totalverweigerung, die nicht in der Zeitung steht, hat nicht stattgefunden. Der Artikel von Langert und Froese zielt ebenfalls darauf ab, die bitter nötige Öffentlichkeit für TKDVer herzustellen. Es hätte allerdings darum gehen sollen, dem Leser die Motive von Totalverweigerern zu vermitteln. Dies wird nicht besonders überzeugend geleistet. "Wer [...] seine persönliche Freiheit als hohes Gut bewertet, der wird sich schwerlich der Wehrpflicht beugen wollen und sich auch nicht von einer möglichen Bestrafung abschrecken lassen" 5), schreiben Langert und Froese. Ihre Option heißt also: Lieber bis zu 12 Monate Haft oder, um es noch deutlicher zu sagen, persönliche Unfreiheit in Kauf nehmen als 10 oder 13 Monate Wehrpflicht, die sicherlich auch keine Ausgeburt der Freiheit darstellen, aber auf der Hitliste der Wehrpflichtigen dem Knast den Rang ablaufen. Interessant wäre natürlich, warum die Knastoption mehr mit Freiheit zu tun haben soll als die Erfüllung der Wehrpflicht. Aber darüber schweigen Langert und Froese. Weiterhin behaupten die Autoren: "Entgegen einem weit verbreiteten Mythos verstehen sich Totalverweigerer eben nicht als Märtyrer", aber im gleichen Atemzug basteln sie weiter an eben diesem Mythos, indem sie sich wie Märtyrer auf ihr Pflichtbewusstsein berufen. "Viele Totale Kriegsdienstverweigerer [...] sehen es als ihre Pflicht an, jede Art von Kriegsdienst bereits im Frieden und nicht erst im Kriegsfalle zu verweigern" 6). Das Schöne an Pflichten scheint zu sein, dass man sie hat, ohne dass man genauer begründen müsste, woher sie kommen. Mit Hilfe des Stichwortes "Pflicht" sparen sich Langert und Froese die umständliche Erklärung von Motiven. Schließlich weiß sogar Gerhard Schröder, dass wir nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben - vor allem die Helden. Abgesehen von einem einzigen Satz - der allerdings an prominenter Stelle steht - taucht das Militär als Motivation zur Totalverweigerung nicht auf. Skandalisiert wird vor allem die Form der Wehrpflicht, also ihr Zwangscharakter. Ihr Inhalt, das Militärische, bleibt unterbelichtet. Das gilt auch für die Frage, inwiefern der Zivildienst auch schon zu Friedenszeiten bzw. zu Zeiten flexibler Krisenreaktion substanziell in die Gesamtverteidigung eingebunden ist. Zweifellos ist der mit der Wehrpflicht verbundene Zwang ein Skandal. Ebenso skandalös ist es aber, trotz aller historischen Erfahrung nach wie vor auf die gewaltsame Ruhigstellung von Konflikten durch das Militär zu setzen. Weil die beiden Autoren hiervon schweigen, muss die Nachfrage gestattet sein, wie ernst sie es mit ihrer Militärgegnerschaft wirklich meinen. In einer Zeit, wo es absehbar ist, dass die Wehrpflicht fällt und der staatliche Zwang zum Dienst ersetzt wird durch den stillen Zwang der ökonomischen Verhältnisse, der sich über den selbstständigen Willen der Rekruten durchsetzen wird, muss die antimilitaristische Bewegung lernen, das Militär nicht einfach als Zwangsanstalt, sondern auch in Gestalt eines Arbeitgebers von Mördern anzugreifen. Der militärischen Sozialisationsinstanz entronnen Okay, die "4/3er" sind Luschen. Teilweise. Andere "4/3er" sind aufrichtige Antimilitaristen, denen die Option Totalverweigerung vielleicht aus persönlich-familiären, vielleicht aber auch aus politisch-strategischen Gründen nicht sinnvoll erscheint. Sie haben das Für und Wider ihres Umgangs mit der Wehrpflicht abgewogen und eine Entscheidung gefällt. Die Vielzahl dieser Entscheidungen summiert sich zu einem politischen Faktor, zum Signal gegen die Durchmilitarisierung der Gesellschaft. Im Jahr 1999 haben circa 43 Prozent aller Wehrpflichtigen den Kriegsdienst mit der Waffe aus Gewissensgründen verweigert. Sie sind damit den Zumutungen des Militärs entgangen, was ich anders als Langert und Froese in der Tat als "Fortschritt" 7), gar als zivilisatorische Errungenschaft begreifen würde. * 43 Prozent weigern sich, sich den Zurichtungen durch militärische Disziplin und Ordnung auszusetzen, und meiden die Schule der "Tugendhaftigkeit". * 43 Prozent bewahren sich ihre Fähigkeit, Konflikte gewaltfrei zu lösen, lassen sich durch den Gewaltapparat Militär nicht desensibilisieren und wollen das Morden nicht lernen. * 43 Prozent der wehrpflichtigen jungen Männer entziehen sich der Männermaschine Militär, wo körperliche oder emotionale Schwäche, das Bedürfnis nach Kommunikation und Verständnis, körperliche Nähe und Homosexualität nur verhöhnt werden. * 43 Prozent umgehen die Faschoschmiede Armee und lernen deshalb nicht, wie man völkisch redet, ethnisch säubert, präventiv foltert und prophylaktisch vergewaltigt. Jeder weniger ist ein Erfolg. Erwin Riedmann |
1) Doug McAdam, John
D. McCarthy und Mayer N. Zald 1996: "Introduction: Opportunities,
Mobilizing Structures, and Framing Processes - Toward a
Symbolic, Comparative Perspective on Social Movements. In: Dies.
(Hrsg.): Comparative Perspectives on Social Movements. Political
Opportunities,
Mobilizing Structures, and Cultural Framings. Cambridge, S. 14
2) Marko Langert und Thorsten Froese 1999: "Dienen oder Verweigern? Zur Motivation und Vernetzung Totaler Kriegsdienstverweigerer". In: illoyal - Journal für Antimilitarismus. 3:10, S. 13 - S. 14 3) Ebd., S. 14 4) Ebd. 5) Ebd., S. 13 6) Ebd., S. 14 7) Ebd. |