illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 12 Sommer 2000

Notizen aus der Provinz

Die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung bei Berlin

Alle zwei Jahre versucht sich der Standort Deutschland auch bei der Luft- und Raumfahrtausstellung international in Erinnerung zu bringen. Dann veranstaltet die Messe-Berlin mit finanzieller Unterstützung der Länder Berlin und Brandenburg sowie des Bundes die ILA.

Seit langer Zeit versucht die ILA, aus dem Schatten von Le Bourget und Fairborough zu treten, was aber trotz der üblichen Verkündung neuer Rekorde nicht so recht gelingen will: Wieder konnte die Zahl der Aussteller erhöht werden (von 825 auf 941), es wurden Verträge im Wert von 50 Mrd. DM abgeschlossen, und natürlich waren viele internationale Fachbesucher, vor allem aus den mittel- und osteuropäischen Staaten, anwesend. Erneut wurden 26 militärische Fachtagungen hinter verschlossenen Hotel- und Kasernentüren abgehalten. Die ILA-Veranstalter konnten sogar quasi als Einstimmung auf die offizielle ILA (6.6.-12.6.2000) den "Nato Workshop on Political-Military Decision-Making" für eine viertägige Sitzung (2.6-5.6.2000) nach Berlin holen, unter Vorsitz von Rudolf Scharping.

Schaut man sich die von der ILA-Presseabteilung bereitgestellten Zahlen genauer an, dann entdeckt man, dass sie nur wenig Informationswert besitzen. Die Zahl der Aussteller hat sich zwar erhöht, war aber vor allem auf die zahlreichen klein- und mittelständischen Zulieferunternehmen zurückzuführen, die mit Subventionen ihres Bundeslandes einen kleinen Stand auf der ILA gemietet hatten. Anders als bei internationalen Messen zu einem bestimmten Warenangebot sind viele der einschlägigen Marktführer nicht auf der ILA vertreten gewesen. Die gesamte britische Rüstungsindustrie (von British Aerospace über GEC bis zu Westland-Agusta) verzichtete auf ihre Präsenz. Auch andere europäische Rüstungskonzerne wie Saab AB und Fiat Avio fehlten. Die großen US-Rüstungskonzerne Boeing und Lockheed sagten ihre Teilnahme ab. Lediglich Vertreter von Northrop Grumman waren anwesend, aber nur zu Sondierungsgesprächen mit der European Aeronautics Defense and Space Company (EADS) über "Verteidigungselektronik". Selbst beim zivilen Segment der Passagier- und Transportflugzeuge konnte Boeing nicht von einer erneuten Teilnahme überzeugt werden, geflogen kam nur der Militärtransporter C-17. Und auch die französische Seite, ansonsten eng verwoben mit der deutschen Rüstungsindustrie, verzichtete auf eine umfassende Anwesenheit der großen Luft- und Rüstungsfirmen - Thomson/Dassault fehlte. So kam es, dass z.B. sämtliche Konkurrenzmodelle des Eurofighters (Mirage und Gripen) und andere "Spitzenentwicklungen" wie z.B. Rafale, die F-22 und Sukhoi nicht am Start waren.

Ein Grund für die Entscheidung der großen internationalen Waffenproduzenten war sicherlich die fehlende Abgeschiedenheit der Messe. Bei den französischen und britischen Rüstungsmessen in Le Bourget und Fairborough tagt man ohne Öffentlichkeit und muss auch nicht permanente Lärmbelästigung durch Flugshows ertragen. Das ILA-Management hat zwar versucht, dem Rechnung zu tragen, indem erstmals Fachbesuchertage von normalen Besuchstagen getrennt wurden. Allerdings legt die Zahl von 80.000 "Fachbesuchern" in nur drei Tagen nahe, dass viele "Normalos" sich einfach für den doppelten Eintrittspreis an den Fachbesuchertagen Zutritt zum Gelände verschafft haben.

Ein weiterer Grund war die Einschätzung der Rüstungsindustrie, dass Mittel- und Osteuropa zukünftig zwar interessante Absatzmärkte für ihre Produkte sein könnten, der Markt aber noch unterentwickelt ist. Damit war der geografische Schwerpunkt der ILA unattraktiv für Firmen, die es in Le Bourget und Fairborough gewohnt sind, mit indonesischen, taiwanesischen oder arabischen Regierungschefs per Handschlag Millionenaufträge für Waffensysteme abzuschließen. Da konnte die ILA noch so sehr damit werben, dass sich die russische Beteiligung um 25% erhöht hat und die ILA eine zentrale Bedeutung für den russischen Markt besitzt.
Schließlich zeigt das demonstrative Fernbleiben auch die anhaltende europäische Konkurrenz um ihre "Marken" und damit die engen Grenzen des europäischen Rüstungsmarktes.

Der einzige Gewinner war die EADS. Die EADS hat sich im letzten Jahr gegründet als Zusammenschluss der Luft- und Raumfahrtabteilungen der Firmen DaimlerChrysler Aerospace (Dasa), Aérospatiale/Matra und Casa. Sie haben beschlossen, ihre gegenwärtigen zivilen und militärischen Projekte in einer Aktiengesellschaft zusammenzuführen. Durch die zukünftige gemeinsame Planung und Produktion erhoffen sich die Firmen Kostensenkung und einen größeren Abnehmermarkt. Die EADS ist jetzt der mit Abstand größte europäische Anbieter für Waffensysteme mit einem Umsatz von ca. 45 Mrd. DM. Damit wird der Konzern weltweit auf Platz 3 rangieren. Und es wird bereits über weitere Kooperationen gesprochen, u.a. mit Northrop Grumman (ca. 9 Mrd. DM Umsatz).

Für die EADS war die ILA ein Showcase für ihre Produkte. Unter den anwesenden Wirtschaftsunternehmen hatten sie die größte Ausstellungsfläche gemietet und das meiste Fluggerät ausgestellt. Federführend dabei war die Dasa. Und nur dem Stellenwert, den die deutsche Regierung diesem Rüstungsunternehmen einräumt, war es zu verdanken, dass auch in diesem Jahr die ILA wieder nennenswerte Vertragsabschlüsse vorweisen kann. Es wurde dafür gesorgt, dass längst getroffene Vereinbarungen über die Abnahme von Waffensystemen und auch über die Produktion des Airbus A3XX bis zur ILA hinausgezögert wurden. Von dem bekannt gegebenen Umfang der Vertragsabschlüsse von ca. 50 Mrd. entfielen ca. 24 Mrd. DM auf die Entscheidung, das Großraumflugzeug A3XX zu ordern, 12,91 Mrd. DM für die Beschaffung von 298 NH-90 Hubschraubern (ca. 40 Mio. DM/Stück) auszugeben und mehr als 13 Mrd. DM in den Nachfolger des C-160 Transall, den A400 M Airbus (ca. 175 Mio. DM/Stück), zu investieren. Diese Entscheidungen wurden aus symbolischen Gründen auf der ILA getroffen. Was von den Medien bejubelt wurde, wird für die Bundesregierung einen Ausgabenumfang von etlichen Milliarden DM (allein 6,8 Mrd. für 134 NH-90) haben.

Weder wurden mit den Teilnehmern aus Mittel- und Osteuropa neue Verträge abgeschlossen, noch von den vielen Fachbesuchern nennenswerte neue Projekte vereinbart. Aufgewärmt wurde nur eine alte Idee der deutschen und französischen Regierung, ein gemeinsames Satellitenprogramm zu entwickeln, um bei der Aufklärung weniger abhängig von US-Informationen zu sein. Unter der Bezeichnung Horus wurde dieses Projekt schon einmal in Angriff genommen, aufgrund der geschätzten Kosten von 1,8 Mrd. DM aber nicht weiter verfolgt. Auch diesmal wird die alte Idee ein Papiertiger bleiben.

Das Konzept der ILA ist, gemessen an ihren eigenen Kriterien, nicht aufgegangen. Die Ergebnisse der ILA bleiben für die internationale Rüstungsmafia eine Randnotiz aus der Provinz.

Jahrmarkt der Eitelkeiten

Was schlecht ist für die Rüstungsindustrie, müsste gut sein für den Frieden. Bei der ILA liegen die Dinge leider anders. Denn wenn auch die ILA mit ihrem Anspruch auf europäische Bedeutung scheitert, punkten die Veranstalter auf anderem Gebiet: der Gewöhnung der Gesellschaft an Gewalt und Waffen.

Mittels der Technik transportieren sie ein positives Bild von Waffensystemen. Technische Faszination gekoppelt mit dem Verweis auf die Leistungsfähigkeit der (deutschen) Ingenieure und Unternehmen soll bestenfalls Stolz auf nationale Leistungen wecken oder wenigstens das Hinterfragen der Notwendigkeit von Rüstungsproduktion verhindern. Nicht umsonst war die Bundeswehr der größte Aussteller von Fluggerät und hatte eine ganze Halle für sich gemietet. "Rund 350 Soldaten und zivile Mitarbeiter werden den Besuchern die Exponate vorführen, technische Details erklären und Zusammenhänge zu den beruflichen Möglichkeiten bei der Bundeswehr herstellen." 1) Ihre Displays zielen auf die Jugend ab. Wer möchte sich nicht am "interaktiven Cockpit" mal als Jetpilot ausprobieren. In der Halle konnte man sich ausgiebig über die studentische Ausbildung bei der Bundeswehr-Universität München informieren. Die Mitarbeiter des Geophysikalischen Beratungsdienstes und der Luftaufklärung der Bundeswehr durften eine Woche lang über ihre Hilfe bei der Entdeckung von Umweltverschmutzungen vor allem in der Nord- und Ostsee reden und nicht darüber, wofür die Aufklärungsdaten ansonsten eingesetzt werden.

Auch die Flugvorführungen mit militärischen Flugzeugen dienen der geistigen Mobilmachung. Das Programm einer Flugschau hat nichts mit dem Flugverhalten im Ernstfall zu tun. Mit spannender Unterhaltung soll der Existenzzweck des Militärs verharmlost werden und den Flugzeugen ein künstlerischer Aspekt verliehen werden, der gleichzeitig eine Distanz zum Beobachter herstellt. Denn zu viel Nähe zur Realität würde das Publikum verschrecken. Und um dem ganzen Brimborium noch das i-Tüpfelchen aufzusetzen und endgültig aus der ILA eine (nationale) Kriegsschau zu machen, wurde mit viel Mühe der Stealth-Bomber nach Berlin gebracht, bewacht von US-Soldaten mit Schießbefehl. Dabei ist der Bauplan nach dem Abschuss bzw. Absturz von drei Stealth-Bombern beim Angriff auf Jugoslawien wahrscheinlich allen Interessierten längst bekannt. Der PR-Rummel um die F-117 (Stealth Bomber) hat fast die sensationelle Nachricht verdrängt, dass der Eurofighter tatsächlich fliegen kann.

Im nationalen Kontext war die ILA daher erneut erfolgreich, der Bevölkerung ein positives Bild von Waffensystemen zu vermitteln. Trotzdem vermag es einigen Trost zu spenden, dass statt der 226.000 Besucher 1998 diesmal nur 212.000 kamen. Im Vergleich zu den parallel stattfindenden gemütlichen Steglitzer Festwochen und dem Karneval der Kulturen bildete die ILA - gemessen am Publikumszuspruch - sogar das Schlusslicht des Berliner Pfingstwochenendes.

Christopher Steinmetz

1) www.bundeswehr.de, Rubrik: Aktuelles.

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