illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 12 Sommer 2000

Kinder als Soldaten

Das jüngste Aufgebot

"Eines Tages kamen die Bewaffneten in unser Dorf. Ich hatte einen kleinen Laden. Sie fragten nach meinen Söhnen und sagten, dass sie neue Rekruten brauchen. Dann gingen sie zum Nachbarn, trafen dort aber nur den kleinsten der Brüder an. Als der nicht sagen konnte oder wollte, wo die älteren sind, haben sie ihm den Kopf mit der Machete abgeschlagen. Danach bin ich mit der ganzen Familie nach Bogotá geflohen. Hier müssen meine Söhne in den Bussen betteln, weil wir sonst verhungern. Arbeit gibt es hier nicht!"
(Aussage eines Familienvaters in einer Flüchtlingsunterkunft, terre des hommes 1999)

Wer schickt Kinder in den Krieg?

Sowohl Regierungen als auch die so genannten nichtstaatlichen Akteure 1) greifen auf Kinder zurück.

Regierungen rekrutieren entweder Wehrpflichtige, Freiwillige oder tun beides, egal ob es anders lautende Gesetze gibt oder nicht, besonders in Staaten mit inneren und äußeren militärischen Konflikten. Vor allem Kinder und Jugendliche aus ärmeren, benachteiligten Schichten sind gefährdet. Ihnen fehlen die Papiere zum Altersnachweis, sie haben weder Einfluss noch Geld, um sich freizukaufen, und oftmals leben sie in den Konfliktgebieten und gelten damit als Sympathisanten des Gegners, ein wichtiger Grund, sie so früh wie möglich einzuziehen, ja sogar von der Straße wegzufangen und weit weg von zu Hause einzusetzen. Die internationale Coalition to Stop the Use of Child Soldiers geht davon aus, dass etwa 300.000 Kindersoldaten derzeit im Kampf eingesetzt werden. Der größte Teil dieser unter 18jährigen gehört nationalen Armeen an.

In den Industriestaaten werden die Gesetze in der Regel eingehalten: Zur Wehrpflicht werden unter 18jährige in den wenigsten Ländern herangezogen. Anders sieht es bei Freiwilligen aus: Die Briten werben 16jährige und die USA 17jährige für ihre Berufsarmeen an und schicken sie auch in Kampfeinsätze. Auch zur Bundeswehr melden sich jährlich etwa 250 unter 18jährige mit Einwilligung ihrer Eltern; Einsätze in Kriegs- und Krisengebieten sind erst für 18jährige erlaubt.
In vielen Staaten, in denen Bürgerkrieg herrscht, greifen Oppositionsgruppen für den bewaffneten Kampf systematisch auf Kinder zurück. Zwangsrekrutierungen erfassen bereits 9jährige Jungen und Mädchen. Sie werden entführt, brutalisiert, bewaffnet und gezwungen, Grausamkeiten zu begehen. Oft richten sich die Angriffe gegen die eigenen Dorfgemeinschaften, um den Kindern die Rückkehr unmöglich zu machen. Kinder gehen aber auch "freiwillig" zu den Rebellen, weil ihnen Essen, Unterkunft und Schutz versprochen werden, oder sie werden von ihren Familien und Dörfern abgestellt. Schikanen, Übergriffe und Ungerechtigkeiten der Regierungstruppen sind ein wesentliches Motiv, sich der bewaffneten Opposition anzuschließen.

Warum Kinder?

Je länger ein Krieg andauert, desto größer wird die Zahl der kämpfenden Kinder und Jugendlichen, immer jüngere werden hineingezogen. Die Kommandeure greifen nach den Kindern, weil die Erwachsenen verwundet, gefallen oder geflohen sind oder sich nicht den Zielen der Kriegsherren unterwerfen wollen. Die Kinder hingegen können sich nicht wehren und die Situation nicht einschätzen. Ein Zurück ist in den seltensten Fällen möglich. Besonders gefährdet sind Kinder, die in den Konfliktzonen wohnen, in Flüchtlingslagern, Kinder, die von ihren Eltern getrennt sind oder in absoluter Armut heranwachsen.

Aus militärischer Sicht haben Kinder einige Vorteile: Sie sind leicht manipulierbar und stellen erst einmal keine Gefahr für die Kommandeure dar; sie sind billig und verlangen keinen Sold. Man kann sie als Melder, Spione, Wächter, Minenleger und -sucher verwenden. Typisch sind Straßensperren: Vorne stehen die Kinder und kontrollieren die Fahrer, in sicherer Entfernung stehen die erwachsenen Soldaten und verhindern, dass die Kinder weglaufen. Wenn sich einer der Kontrollierten wehrt, sind zuerst die Kinder dran.

Ein besonders elendes Schicksal haben weibliche Kindersoldaten. In manchen bewaffneten Oppositionsgruppen sind bereits 40 Prozent Kämpferinnen an der Front. Sie werden den Kommandeuren zum sexuellen Missbrauch überlassen, bei Schwangerschaft oder anderen Gründen der Kampfuntauglichkeit werden sie zurückgelassen. Viele - insbesondere in Afrika - werden mit Aids infiziert.

Eine bewaffnete Bewegung, die auf Kinder als Kämpfer zurückgreift, gefährdet damit ihr politisches Anliegen - falls sie ein solches besitzt. Die Kinder versäumen ihre Schulausbildung und die wichtigsten Jahre ihrer persönlichen Entwicklung, wenn ihnen nicht weit Schlimmeres durch Misshandlung, traumatische Erfahrungen, Verwundungen, Krankheiten, Hunger, Gefangenschaft oder Folter widerfährt.

The Coalition to Stop the Use of Child Soldiers

Als die erste Auflage des Standardwerks über Kindersoldaten "Invisible Soldiers" 1996 erschien, war diese missbrauchte Gruppe vergessen. Dies änderte sich mit der 1998 gegründeten Coalition to Stop the Use of Child Soldiers, in der sich namhafte internationale Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen zusammengeschlossen haben. 2) Inzwischen hat die Coalition erreicht, dass die unbefriedigenden völkerrechtlichen Regelungen zum Schutz der Kinder vor Rekrutierung und Kriegseinsatz durch ein Zusatzprotokoll verbessert wurden. Im Statut des neu einzurichtenden Strafgerichtshofs ist festgelegt worden, dass die Rekrutierung von Kindern als Kriegsverbrechen verfolgt und bestraft wird, wobei leider noch die Altersgrenze von 15 Jahren gilt und zudem der Strafgerichtshof noch Jahre auf sich warten lässt. Auch die internationale Arbeitsorganisation (ILO) hat sich in ihrem neuesten Dokument des Einsatzes von Kindersoldaten angenommen und diesen als gefährliche und ausbeuterische Kinderarbeit geächtet.
Völkerrechtliche Regelungen setzen internationale Maßstäbe, helfen den Betroffenen aber zunächst wenig. Konkrete Maßnahmen sind notwendig: Prävention, Demobilisierung, Rehabilitierungsmaßnahmen, Reintegration und Familienzusammenführung.

Ein Kolumbien-Projekt von terre des hommes

Seit über 50 Jahren ist das Leben in Kolumbien von bewaffneten Auseinandersetzungen bestimmt. In diesem Umfeld engagiert sich terre des hommes Deutschland seit vielen Jahren. terre des hommes unterstützt Partner, die gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen die Kolumbianische Koalition gegen den Missbrauch von Kindersoldaten gegründet haben. Sie führen eine landesweite Kampagne durch und fordern die Kriegsparteien auf, keine Kindersoldaten mehr zu rekrutieren. 1999 wurden Materialien zur gewaltfreien Konfliktlösung hergestellt und ein Pilotprojekt "Gewaltfreiheit in Schulen" in Medellin gestartet. Der CRIC, eine langjährige Partnerorganisation der Indianervölker im Cauca, leistet in der Provinz im Südosten Kolumbiens Präventionsarbeit. Der zentrale Indianerrat in Cauca setzt auf stabile Gemeindestrukturen. In selbst verwalteten Schulen bietet der CRIC den Jungen und Mädchen der verstreuten Gemeinden eine Alternative zu den Rekrutierungsversuchen der Guerilla und der Paramilitärs. terre des hommes fördert seit langem das Bildungssystem des CRIC.

In Situationen akuter bewaffneter Auseinandersetzungen versuchen die Partner von terre des hommes zu erreichen, dass Kinder nicht mehr rekrutiert werden. Voraussetzung für eine solche Konfliktintervention sind entsprechende Kontakte, Mut und Verhandlungsgeschick. Neben dem Bürgerkrieg gibt es in Kolumbien zudem eine Fülle von kriminellen Banden, die ganze Wohnviertel terrorisieren und besonders brutal gegeneinander vorgehen, wobei auch Unbeteiligte zu Schaden kommen. Die Partner von terre des hommes versuchen, diese Banden zu beeinflussen und Waffenstillstände auszuhandeln, um wenigstens zeitweilig ein angstfreies Wohnumfeld zu schaffen. terre des hommes unterstützt auch das Anwaltskollektiv "Humanidad Vigente", das Kindern hilft, die Opfer militärischer Übergriffe geworden sind.

Desertierte und demobilisierte Kindersoldaten benötigen Rehabilitations- und Reintegrationsprogramme. Vertriebene und traumatisierte Kinder brauchen eine sichere Umgebung, Betreuung und Wiedereingliederung. Derzeit finanziert und begleitet terre des hommes sechs Projekte in Flüchtlingslagern in verschiedenen Landesteilen, die den jugendlichen Opfern der bewaffneten Auseinandersetzungen direkt helfen. Therapeutische Hilfen und Einkommen schaffende Maßnahmen sollen das Überleben sichern und Perspektiven für eine friedliche Zukunft öffnen.

Andreas Rister

1) Nichtstaatliche Akteure (NSA) - ein diplomatisch neutraler Ausdruck für bewaffnete Oppositionsgruppen jeder ideologischen und religiösen Ausrichtung.

2) amnesty international, Human Rights Watch, Save the Children Alliance, Defence for children international, Jesuit Refugee service, International Federation terre des hommes, World Vision International und das Genfer Büro der Quäker

3) Wortlaut des Dokuments: www.tdh.de

4) Vier Regionalstudien der Coalition to Stop the Use of Child Soldiers unter: www.child-soldiers.org

Kindersoldaten
sind nach der Definition der Coalition to Stop the Use of Child Soldiers alle Personen, die in bewaffneten Einheiten dienen und das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Maßstab ist dabei die UN-Kinderrechtskonvention, die die Scheidelinie zwischen Kind und Erwachsenem in Artikel 1 ebenfalls bei 18 Jahren zieht - bisher mit einer Ausnahme: Auf massiven Druck der USA und anderer Staaten wurde das Alter für die Rekrutierung von Soldaten auf nur 15 Jahre festgelegt. Auch die Genfer Konvention sieht Schutz nur für jüngere Kinder vor.

Kindersoldaten werden eingesetzt
in Afrika - z.B. in Sierra Leone, Liberia, Kongo, Uganda, Sudan, Angola
in Lateinamerika - z.B. in Kolumbien
in Asien - z.B. in Sri Lanka, Afghanistan, Philippinen, Burma/Myanmar, Indien
in Europa und im Nahen Osten - z.B. im ehemaligen Jugoslawien, Tschetschenien, Türkei/Kurdistan, Irak, Libanon 4)

Das Zusatzprotokoll
zur UN-Kinderrechtskonvention über die Rekrutierung und den Einsatz von Kindern in bewaffneten Auseinandersetzungen wurde am 25. Mai 2000 von der die Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet. Der Vertrag lässt viele Wünsche offen, ist aber ein Fortschritt gegenüber der bisherigen Regelung.

Andreas Rister ist Sprecher der Deutschen Koordination Kindersoldaten.

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