illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 12 Sommer 2000

Reiches Land, armes Land

Ölproduktion und der Krieg in Angola

"Ich bitte Dich, lass alles, was ich berühre, zu Gold werden" (König Midas)

Das südwestafrikanische Angola scheint auf den ersten Blick nur wenig mit der griechischen Sage um den törichten König zu tun zu haben, wird das Land doch bereits seit mehr als dreißig Jahren von einer Folge brutaler Bürgerkriege - bis 1975 um die Unabhängigkeit von Portugal, seitdem um die Vorherrschaft im Lande - zerrissen. In Folge des Krieges gehört Angola zu den ärmsten Staaten des Kontinents. Nach Berechnungen des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) liegt das Land auf Platz 160 von 174 Staaten auf der Rangliste der menschlichen Entwicklung. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen, und drei Viertel der Bevölkerung haben keinen Zugang zum Gesundheitssystem.

Aber es gibt noch ein anderes Angola, welches direkt neben dem Armenhaus existiert. Ein Land, das jeden Tag für zehn Millionen USD Rohöl fördert, neben Nigeria zum zweitwichtigsten Erdölproduzenten des Kontinents aufgestiegen ist und die Förderung innerhalb der nächsten zehn Jahre verdreifachen wird. Was geschieht mit den Milliarden von Petrodollars aus diesem Geschäft?

Ölproduktion in Angola und die holländische Krankheit

Die Anfänge der angolanischen Ölindustrie reichen bis in das Jahr 1955 zurück, als die Firma Petrofina erstmals Ölvorkommen entdeckte und diese - in Kooperation mit der portugiesischen Kolonialregierung - ausbeutete. Befanden sich diese ersten Vorkommen noch auf dem Festland, so begann der angolanische Erdölboom mit der Entdeckung von riesigen Ölvorkommen vor der Küste der angolanischen Enklave Cabinda in den sechziger Jahren. Die Ausbeutung dieses Ölfeldes mit einer Fördermenge von 240.000 Barrel/Tag durch die Cabinda Gulf Oil Company (seit 1984 eine Tochterfirma der amerikanischen Chevron) ist noch heute eine der wichtigsten Devisenquellen des Landes. Seit 1973 ist Erdöl das wichtigste Exportgut des Landes, und der Anteil des Erdölsektors am Bruttosozialprodukt stieg auf fast 50 Prozent.

Dieser Boom - vor dem Hintergrund steigender Rohölpreise auf den Weltmärkten - ist um so erstaunlicher, da er während eines erbitterten Bürgerkrieges zwischen der "marxistischen" MPLA-Regierung in Luanda und den von Südafrika und den USA unterstützten Rebellen der Unita stattfindet. Die Ölförderung findet im Wesentlichen "offshore", d.h. mittels Plattformen, , die sich außerhalb der Reichweite der Rebellen befinden, im Südatlantik statt. Für den Schutz ihrer Anlagen sichern sich die Unternehmen die Protektion des Staates - so kam es etwa in den achtziger Jahren zu der absurden Situation, dass kubanische Elitetruppen Produktionsanlagen der amerikanischen Chevron gegen Angriffe der von Washington unterstützten Unita-Rebellen verteidigten.

Neben militärischem Schutz benötigt dieser Industriezweig kaum Ressourcen aus dem Land selber. Zwar ist theoretisch die angolanische Staatsfirma SONANGOL als einziges Unternehmen berechtigt, die Ölvorräte des Landes auszubeuten, aber der Devisenmangel des Staates hat die Firma schon frühzeitig gezwungen, sich nach internationalen Partnern umzusehen. Heute sind neben Chevron auch BP/Amoco, Exxon und Elf/Aquitaine im Lande aktiv - im Rahmen von Joint Ventures und so genannten Production Sharing Agreements finanzieren sie die Exploration und Ausbeutung der Ölreserven gegen eine Lizenzgebühr an die angolanische Regierung. Bei der Ölproduktion handelt es sich um eine "Inselökonomie", d.h. um einen Wirtschaftssektor, der kaum in Beziehung zum Rest der angolanischen Ökonomie steht. Güter und Dienstleistungen werden primär aus dem Ausland bezogen - der Bedarf ist so groß, dass ab dem Herbst dieses Jahres eine wöchentliche Charterflugverbindung zwischen Luanda und dem texanischen Houston eingerichtet werden soll. Dagegen beschäftigt die Ölindustrie nur etwa 10.000 Angolaner und davon mehr als die Hälfte bei der Staatsfirma SONANGOL.

Eine zu starke Abhängigkeit von einem einzigen Exportprodukt kann leicht zu einem Phänomen führen, das von Wirtschaftswissenschaftlern als "holländische Krankheit" (Dutch Disease) bezeichnet wird. So wird etwa in vielen Petroleumstaaten einseitig in den Ölsektor investiert, während andere produktive Wirtschaftsbereiche wie etwa die Industrieproduktion oder der Agrarbereich vernachlässigt werden. Diese Entwicklung lässt sich in Angola geradezu lehrbuchmäßig verfolgen, wobei natürlich die Auswirkungen des Bürgerkrieges wesentlich zur Zerstörung von Produktionsanlagen auf dem Festland beigetragen haben. Eine weitere Nebenwirkung des Krieges ist die Entvölkerung ganzer Landstriche - die UN spricht von 1,7 Millionen intern Vertriebenen - und die Verminung der Felder, die zu einem Einbruch der Agrarproduktion geführt hat und das Land zum Nahrungsmittelimporteur machte.

Das Öl und der Krieg

War der Bürgerkrieg zwischen der MPLA-Zentralregierung und der Unita bis zum Beginn der neunziger Jahre primär ein Stellvertreterkrieg zwischen der Sowjetunion und Kuba auf der einen und den USA und Südafrika auf der anderen Seite, so war die Hoffnung groß, dass dieser Krieg mit dem Ausbleiben der Militärhilfe beider Seiten ebenso sein Ende finden würde, wie vergleichbare Stellvertreterkriege, etwa in Mosambik.

Tatsächlich gab es auch in Angola einen Friedensprozess, der 1992 in von der internationalen Gemeinschaft organisierten Wahlen mündete. Diese gewann die MPLA, aber eine "Regierung der nationalen Einheit" scheiterte nicht zuletzt an dem mangelnden Willen beider Seiten, einen Teil der eigenen Macht abzugeben. Nachdem es direkt nach den Wahlen zu erneuten Scharmützeln zwischen den beiden Seiten gekommen war, flammte der Bürgerkrieg 1998 unter den hilflosen Augen der UN-Friedenstruppe erneut auf. Anstelle die eigenen Truppen zu entwaffnen, wie dies im Lusaka-Friedensplan vorgesehen war, nutzten beide Seiten die Zeit des Waffenstillstandes, um auf den internationalen Waffenmärkten einzukaufen. Trotz eines UN-Waffenembargos gegen Angola war es sowohl der Regierung als auch der Unita möglich, sich vornehmlich in den ehemaligen Ostblockstaaten mit Waffen zu versorgen. 1) Bezahlt werden diese Waffen mit den Einnahmen aus dem Ölgeschäft auf der Regierungsseite.

Die Rebellen der Unita verfügen über Einnahmen in ähnlicher Höhe aus dem Diamantenhandel - dabei kontrolliert die Bewegung Produktion und Handel in ihren Gebieten. Die wertvollen Steine werden mit Kleinflugzeugen über die Nachbarländer zu den internationalen Diamantenmärkten in London, Antwerpen und Tel Aviv transportiert, wobei nicht selten auf dem Rückweg Waffen und Versorgungsgüter in das Land kommen. Vergleichbare Mechanismen existieren auch auf der Regierungsseite. Zwar ist die Regierung nicht auf den konspirativen Schmuggel angewiesen, aber auch sie nutzt internationale Waffenhändler, um das UN-Embargo zu umgehen.

Die Gewinne aus dem Handel mit Öl und Diamanten erlauben den beiden Konfliktparteien die Fortsetzung des Krieges auch nach dem Ende der Unterstützung aus dem Ausland. So gab die angolanische Regierung 1997 nach Berechnung des IWF 36,3% des Staatshaushaltes für Militärausgaben aus und unterhält mit 110.000 Mann die wahrscheinlich schlagkräftigste Armee des Südlichen Afrikas - dem stehen etwa 13,3% des Haushaltes für Bildung, Gesundheit und Soziales gegenüber.

Die Unita dürfte dagegen alleine im Zeitraum 1992 bis 98 Diamanten im Wert von 3,72 Milliarden USD auf dem Weltmarkt abgesetzt haben. Dieses Geld dürfte ebenfalls im Wesentlichen in die Aufrüstung der eigenen Truppen mit vornehmlich osteuropäischem Kriegsgerät geflossen sein. Zwar hat die Unita mittlerweile im Zuge der Gegenoffensive der Regierungstruppen einen Teil der Diamantengebiete verloren, aber sie bleibt weiterhin eine der reichsten und bestausgestatteten Rebellenbewegungen der Welt.

Krieg auf Pump

Während die Ölförderung von 637.000 Barrel/Tag im Jahre 1995 auf über 700.000 Barrel/Tag in diesem Jahr gestiegen ist, hat sich die Haushaltssituation des angolanischen Staates dramatisch verschlechtert. Selbst Zentralbankgouverneur Aguinaldo Jaime gab 1999 gegenüber dem Parlament zu, dass sich der Staat am Rande des Bankrotts bewegt. Grund für dieses scheinbare Paradox ist die Finanzierung des Bürgerkrieges auf Kredit.

Angola hat etwa 11,5 Milliarden USD Auslandsschulden und gilt als nicht mehr kreditwürdig. Weltbank und IWF haben die Zusammenarbeit mit dem Land wegen der fehlenden Transparenz des Ölsektors eingestellt, und kommerzielle Banken verlangen astronomischen Zinssätze für Geschäfte mit der Regierung in Luanda. Vor diesem Hintergrund werden Einnahmen aus dem Ölgeschäft häufig am Staatshaushalt vorbei direkt in so genannte "Oil Trusts" im Ausland transferiert, aus denen dann Verbindlichkeiten bedient werden. Der bekannteste dieser Nebenhaushalte ist der Cabinda Trust, der von der Londoner Lloyds Bank verwaltet wird. Eine weitere Einnahmequelle für die Regierung stellen die "Signatory Bonus Payments" der Ölgesellschaften dar. Diese werden bereits bei der Lizenzvergabe fällig und stellen gewissermaßen eine zusätzliche Lizenzgebühr dar. Alleine für die Vergabe der Lizenzen für die Tiefwasser-Blöcke 31, 32 und 33 zahlten die internationalen Ölfirmen 920 Millionen USD.

Die Kriegsfinanzierung am Staatshaushalt vorbei führt natürlich zu weitreichenden Korruptionsmöglichkeiten. So steht außer Zweifel, dass eine kleine Gruppe von Mitgliedern aus der militärischen Elite direkt vom Krieg profitiert. Dies geschieht einerseits über Tarnfirmen, die Regierungsaufträge erhalten wie etwa die Companhia Angolana de Distribuicao Alimentar oder die Waffenimportfirma Simportex. Andererseits wurden etwa Ölförderlizenzen an Firmen wie Prodev, Naphta und Falcon vergeben, die über keinerlei Erfahrung im Ölgeschäft verfügen, dafür aber über Verbindungen zu Waffenhändlern, nach Meinung vieler Beobachter als Bezahlung für geleistete Dienste. Auch die Manipulation des Devisenkurses des bis vor kurzem künstlich überbewerteten Kwanzas konnte - wenn man Zugang zu Devisen zum offiziellen Kurs hatte - zur illegalen Bereicherung genutzt werden.

Das Midas-Dilemma

Angolas natürlicher Reichtum ist für das Land ein Fluch. Während auch andere Petroleumstaaten wie etwa Nigeria, Venezuela und Indonesien mit den ökonomischen und politischen Folgen der holländischen Krankheit zu kämpfen haben, wird ein wirtschaftlicher Aufschwung in Angola durch den Krieg zusätzlich erschwert. Wenn amerikanische Ölfirmen alleine in den nächsten Jahren vier Milliarden USD in Angola investieren wollen, so kann man davon ausgehen, dass nur ein kleiner Teil der politischen Elite des Landes von diesen Investitionen profitieren wird.

Schlimmer noch - der Reichtum des Landes an Diamanten und Öl hat eine friedliche Lösung des Konfliktes verhindert. Während das arme Mosambik nach dem Ende des Kalten Krieges auch deshalb relativ schnell zum Frieden fand, weil seine Hauptwirtschaftszweige Tourismus und Verkehr unter Kriegsbedingungen kaum Profite abwarfen, erzeugt die in Angola verbreitete Inselwirtschaft enorme Reichtümer für jene, welche die Produktionsmittel militärisch kontrollieren. Und so ist der Krieg heute auch weniger eine Auseinandersetzung um die politische Herrschaft im Lande als um die Kontrolle der Ressourcen.

Dies ist allen Seiten bekannt. So streute etwa die Unita 1999 gezielt das Gerücht, sie würde zum ersten Mal eine Luftwaffe aufbauen, mit der sie auch Offshore-Anlagen bedrohen könnte, um die Ölkonzerne zu verunsichern. Andererseits drängen die Ölfirmen zum Abschluss von langfristigen Verträgen, da ihnen die finanzielle Situation der Regierung in Luanda bekannt ist. Die Privatisierung des Krieges geht soweit, dass in der Vergangenheit selbst zwischen Offizieren der beiden Seiten Handel getrieben wurde. So versorgte etwa ein MPLA-Provinzgouverneur Unita-Verbände mit Treibstoff, während Diamanten aus dem Rebellengebiet über Luanda auf den Weltmarkt kamen.

Auch das Ausland trifft eine Mitverantwortung an der angolanischen Misere. So wurde die angolanische UN-Mission nur unzureichend finanziell und politisch unterstützt. Während es immerhin ein Waffenembargo gegen das Land gibt, so wird es doch kaum überwacht. Ein Boykott angolanischer Diamanten wird zwar von einem NGO-Bündnis im Norden verlangt, aber an ein Embargo gegen angolanisches Öl wird im Hauptabnehmerland USA nicht gedacht. Profiteure dieses Geschäfts sind die internationalen Konzerne und die korrupten Militäreliten auf beiden Seiten. Der Verlierer ist das angolanische Volk.

Wolf-Christian Paes

1)Die im September 1993 gefasste Resolution 864 des UN-Sicherheitsrates verhängt ein internationales Waffenembargo gegen die Unita, die angolanische Regierung wird lediglich verpflichtet, Waffenlief0erungen an den UN-Generalsekretär zu melden (§19). Diese Bestimmung wird jedoch in der Praxis regelmäßig umgangen.

Literatur
Global Wittness (Hrsg.): A Crude Awakening - The Role of Oil and Banking Industries in Angola's Civil War and the Plunder of State Assets, London 1999.
Human Rights Watch (Hrsg.): Angola Unravels, London 1999.
Terry Lynn Karl: The Paradox of Plenty - Oil Booms and Petro-States, Berkeley 1997.

Wolf-Christian Paes arbeitet am Bonn International Center for Conversion (BICC).

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