illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 15 Frühling 2001

Abgereicherte Uran-Munition und angereicherte Kriegspropaganda 

Das neue Jahr begann mit düsteren Nachrichten: Im Kosovo-Krieg ist von den Amerikanern, angeblich ohne Wissen der Nato-Partner, uranhaltige Munition verschossen worden, durch die Soldaten möglicherweise lebensbedrohlich gefährdet wurden. Sogleich erfolgte Entwarnung. Scharping hatte bereits eine Gruppe Soldaten durch seriöse Wissenschaftler des Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit GSF in Neuherberg bei München untersuchen lassen. Prof. Paretzke, der Direktor des GsF: Die Strahlung des abgereicherten Uran sei so gering, dass Soldaten nicht gefährdet seien. Eine Urin-Untersuchung von 121 Kfor-Soldaten sei durchweg negativ ausgefallen. Uran könne im Urin bis auf ein Milliardstel Gramm nachgewiesen werden. Allenfalls für spielende Kinder in den betroffenen Gebieten bestehe eine Gefährdung. Das machte mich stutzig: Wieso nicht für Soldaten - aber für spielende Kinder?

Als Koordinatorin der Aktion "Ferien vom Krieg" des Komitees für Grundrechte und Demokratie kenne ich viele der ca. 12.000 Kinder aus allen Kriegsgebieten des ehemaligen Jugoslawiens, die sich in den letzten sieben Jahren für je zwei Wochen von ihren Kriegstraumata und den elenden Lebensbedingungen als Flüchtlinge erholen konnten. Während uns in den ersten Jahren die bis aufs Skelett abgemagerte Verfassung der Kinder schockierte, fielen uns in den letzten Jahren eher Atemwegs- und Hautkrankheiten auf. Wir haben dies auf die miserablen Lebensbedingungen, die wir aus Reisen in die Heimatorte und Flüchtlingslager kennen, zurückgeführt. Im letzten Sommer waren an einem der Freizeitorte ca. 700 Kinder aus Bosnien. Ein Kind hatte Leukämie und musste vor Sonne geschützt werden. Es gab hormonelle Wachstumsstörungen, die Kleinwüchsigkeit zur Folge hatten, Leberzirrhose usw. Das alles sind bei Kindern sehr seltene Krankheitsbilder. Nach den Informationen über die strahlende und toxische Wirkung der DU-Munition erscheinen sie nun in einem anderen Licht, wenn auch ein möglicher Zusammenhang zu Folgen der DU-Munition bisher rein spekulativ wäre. Deshalb machte ich mich kundig und staunte darüber, wie die Kriegspropaganda noch immer funktioniert.

Geringe Strahlung, aber...

Natürliches Uran besteht zu ca. 99% aus U 238 und nur zu 0,7% aus dem hochradioaktiven U 235. Dieses Isotop wird dem natürlichen Uran zur Kernspaltung für Atomwaffen oder Atomkraftwerke entzogen. Übrig bleibt das abgereicherte Uran. Herr Scharping bewies die geringe Strahlendosis vor laufender Kamera: Der Geigerzähler reagierte kaum noch, nachdem er sein Buch über die Munitionsreste hielt. Das abgereicherte Uran ist als Schwermetall zur Härtung von "panzerbrechender" DU-Munition geeignet. GsF-Direktor Paretzke sagte dazu 10.1.01, herumliegende Urangeschosse strahlten nicht höher als einen Meter, die lebenswichtigen Organe eines Menschen lägen aber höher.

Bei Kindern liegen die lebenswichtigen Organe bekanntlich tiefer. Da sie zusammengepfercht in zerstörten Häusern leben und keine Spielsachen besitzen, haben sie selbstverständlich auf den zerschossenen Panzern und mit Munitionsresten gespielt. In den Zeitungen konnte man dies auf Fotos sehen. 
Die Schwermetalle im Erdreich können das Grundwasser vergiften und langfristig auch über Nahrungskette in den Körper gelangen.

... hochgiftiger Staub

Schlimmer als die äußere Strahlung kann die Wirkung sehr giftiger Uranoxid-Partikel im Körper (Inkorporation) sein. Die Geschosse zerfallen nach dem Aufprall unter extremer Hitzeentwicklung und chemischen Prozessen in schwach strahlenden, aber hochtoxischen Staub (Aerosole).

Wenn er eingeatmet wird, können sich Partikel in der Lunge festsetzen. Die schwache Strahlendosis kann, wenn sie jahrelang einwirkt, zu krebsartigen Veränderungen führen.

Wenn die giftigen Schwermetall-Partikel durch staubige Hände, ungewaschenes Obst o.ä. verschluckt werden, können sie sich an inneren Organen festsetzen, besonders an Leber und Nieren. Sowohl beim Einatmen als auch beim Verschlucken können sich die Partikel in die Knochensubstanz einlagern und zu Leukämie führen. Auch nach Jahrzehnten können sich noch in einem Organ durch ständige Strahlung Krebszellen entwickeln. Bei schwach radioaktiven Partikeln im Körper muss die Dauer ihrer Einwirkung in die Strahlendosis eingerechnet werden.
Auch durch die Inkorporation der strahlenden Giftstoffe sind die Kinder in den Kriegsgebieten wieder besonders gefährdet, denn sie spielen im Straßenstaub und sind froh, wenn sie freies Gelände finden, das nicht vermint ist. In ihren Behausungen gibt es selten Wasser, um Hände und Obst abzuwaschen.

Am meisten gefährdet: Zivilpersonen

Über die Gefahren, die von uran- oder plutoniumhaltiger Munition möglicherweise ausgehen, wurde in den Medien bisher fast nur berichtet, - soweit sie Soldaten, zivile Freiwillige oder Experten der Hilfsorganisationen betreffen. Von den am stärksten Betroffenen wird am wenigsten gesprochen: Es sind die Menschen, die in Bosnien, im Kosovo und in der BR-Jugoslawien bombardiert wurden (von den Krajina-Vertriebenen aus Kroatien spricht bisher noch niemand). Und das sind vorwiegend Serben, also bis vor kurzem die Schurken (Neue Nato-Doktrin) bzw. das Böse schlechthin (UN-Generalsekretär Kofi Annan im November 1999). 
Vielleicht ist dadurch zu erklären, dass sich bisher die staatstragende Öffentlichkeit nur für die mögliche Gefährdung der Soldaten und die kritische Öffentlichkeit vorwiegend für die Gesundheit der HelferInnen interessierte, aber kaum jemand für die, - von allen Seiten zugegebene -, größte Risikogruppe der Zivilbevölkerung, denn das sind überall Serben.

Vielleicht gibt es nach der Gehirnwäsche der letzten Jahre im kollektiven Unbewussten ein Bedürfnis nach "gerechter" Strafe der "Bösen". Das sind dann nicht diejenigen, die eine bis Menschengedenken giftige Fracht abgeworfen haben, sondern diejenigen, die sie getroffen hat.

Nach öffentlichem Druck wurden zunächst die Karten mit den Angriffszielen und die jeweilige Anzahl der DU-Geschosse im Kosovo und Südserbien veröffentlicht, mit sechs Jahren Verspätung dann auch die für Bosnien. Rechnet man die Nato-Angaben nach, so bleibt das Zielgebiet für 4.000 Geschosse weiter unklar, am stärksten getroffen wurde ein militärisches Lager der bosnischen Serben in Hadzici (Sarajevo). Die Bevölkerung hat dort noch über 1/2 Jahr gelebt, bis sie Anfang 1996 geflüchtet ist. Viele Bewohner von Hadzici sind in ein Dorf bei Bratunac (zwischen Zvornik und Srebrenica) gezogen. Dort soll es, laut bosnischer Presse, auffällig viele Krebserkrankungen und Todesfälle geben sowie auch viele behinderte Kleinkinder. Wenn es ein Erkenntnisinteresse über die Wirkung der DU-Munition gäbe, so wären Untersuchungen bei der ehemaligen und jetzigen Bevölkerung von Hadzici naheliegend. Sie waren oder sind in der Nähe eines Zielgebietes der Geschosse; und nach 5-6 Jahren könnten sich gegebenenfalls Partikel gelöst haben und somit Radioaktivität im Urin nachweisbar sein.

"Golf-Syndrom" und Balkan-Symptome

Als ich der Expertin von IPPNW, Frau Dr. Mertens, unsere Beobachtungen über die seltenen Krankheitsbilder einiger Ferienkinder vortrug, meinte diese, das seien unspezifische Symptome. Doch was sind spezifische Symptome?
Wegen der massenhaften Erkrankung amerikanischer Soldaten, die 1991 im Irak eingesetzt waren, wurden über 120.000 Menschen untersucht, davon klagten ca 30.000 über das "Golf-Syndrom", über 3.000 erhielten deshalb bereits offiziell eine Entschädigung, ebenso viele sollen bereits gestorben sein. In Dänemark litten 40% der Untersuchten an Magen-, Darm- und Hautkrankheiten. Britische Golfveteranen nennen Haarausfall, Kopfschmerzen, chronische Müdigkeit, Asthma, Knochenschwäche und Leukämie als Symptome. Zwölf Soldaten nahmen ihre missgebildeten Kinder mit ins britische Unterhaus und gaben ihre Militärauszeichnungen zurück.

Prof. Günther untersuchte mehrfach Kinder im Irak, die in DU-Zielgebieten leben und z.T. mit Munitionsresten gespielt haben. Die Kindersterblichkeit im Irak ist inzwischen mehr als doppelt so hoch wie vor dem Krieg. Die meisten Kranken (nach Angaben des Irak 250.000) stammen aus einem Gebiet im Süd-Irak, wo 1991 eine Panzerschlacht tobte. Er beschreibt ähnliche Symptome wie bei den Soldaten mit "Golf-Syndrom" und deren Kindern.

Vor dem Kosovo-Einsatz wurden die GIs in einem Aufklärungsvideo gewarnt, Uranstaub dürfe weder in die Lunge noch in den Magen kommen. Den Verbündeten wurde das nicht mitgeteilt. 1) Im Radio-Biologischen Institut der US-Streitkräfte wurde 1998 nachgewiesen, dass knochenbildende Zellen (Osteoblasten) durch abgereichertes Uran in Krebszellen entarten können. 2) 
In Belgien klagten 1 600 von 9 000 Soldaten über verschiedene Beschwerden seit ihrem Balkan-Einsatz. Italienische Spezialisten führten die Hodgkinsche Lymphdrüsenerkrankung bei Soldaten auf die DU-Munition zurück. Ein bisher geheimer Bericht des britischen Verteidigungsministeriums warnte 1997 vor Lungen-, Lymph- oder Gehirnkrebs.

IPPNW nennt in einer Großanzeige "eine starke Zunahme an Krebserkrankungen, Immunschwäche und Missgeburten infolge der Vergiftung mit Uranstaub".
Ein Gutachten des Europarates erwartet "Eine höhere Sterblichkeit in Jugoslawien" sowohl durch die DU-Geschosse als auch die Bombardierung (chemischer) Industrieanlagen mit ihren verheerenden Folgen für das ökologische System.

Ein monokausaler Zusammenhang zwischen DU-Munition und bestimmten Symptomen ist nicht nachweisbar. Fest steht aber, dass das Risiko, an Krebs zu erkranken, durch radioaktive Strahlung steigt. Ob es dazu kommt, hängt nicht nur von der Dosis sondern auch vom Allgemeinbefinden ab. Mangelernährung, Traumatisierungen, fehlende Perspektiven und unzureichende hygienische Bedingungen schwächen das Immunsystem ohnehin. Die Zivilbevölkerung in den Kriegsgebieten ist also anfälliger als westliche Soldaten.

Und wenn es zu beweisen ist?

Wenn es zu Reihenuntersuchungen - wie sie beispielsweise IPPNW fordert - käme, bestünde das Problem, dass gegebenenfalls Menschen die Diagnose erhalten, radioaktiv und toxisch verseucht zu sein, ohne dass sie behandelt werden könnten. Erst wenn eine Krankheit ausbricht, kann man versuchen, das Symptom zu kurieren. Die Menschen würden möglicherweise jahrelang von Ängsten geplagt, ohne Vorsorge treffen zu können. Mit größerem Zeitabstand wird es immer schwieriger werden, einen Zusammenhang zwischen einer Krebserkrankung und der uranhaltigen Munition herzustellen und ggf. in Musterprozessen gegen die Nato Schadensersatz einzuklagen. Die Forderung nach Langzeit-Reihen-Untersuchungen auf Rechnung der Nato steht zwar politisch auf der Tagesordnung der Friedensbewegung, doch die psychischen Kosten der möglicherweise Betroffenen sind damit nicht abgedeckt. Das ist ein moralisches Dilemma.

Herr Scharping meint, es sei eine Frage der "Redlichkeit", zuzugeben, dass sich die Gefährdung für die Menschen, die dort leben, "anders" darstelle als für Soldaten, die jeweils nur einige Monate in der Region stationiert waren. Was folgt aus seiner "Redlichkeit"? Die Chef-Anklägerin des Haager Kriegsverbrechertribunals kündigte die Freigabe von Akten zur DU-Munition (9.1.01) und Ermittlungen gegen die Nato an (15.1.01). Seitdem ist das Thema aus der Presse.

Resümee

Die Amerikaner haben, angeblich ohne Wissen der Verbündeten, radioaktive Munition verschossen. Bei der "humanitären Intervention" im Kosovo wurden mit über 30.000 dieser panzerbrechenden Geschosse 28 Panzer zerstört! Die Schützlinge der Nato wurden ohne Warnung unmittelbar nach dem Ende der Bombardierung in die "befreite" Heimat zurückgeschickt. Der Europarat erwartet laut einer offiziellen Stellungnahme "höhere Sterblichkeit in Jugoslawien". Die rot-grünen Kriegsherren streuten mit einem "Gut"achten der Öffentlichkeit wieder einmal Sand in die Augen, indem sie Kfor-Soldaten untersuchen ließen, bei denen, nach allen medizinischen Erkenntnissen, eine mögliche Kontaminierung noch gar nicht festgestellt werden konnte. Ifor bzw. Sfor-Soldaten wurden nicht in die Studie einbezogen, obwohl bekannt war, dass fast alle Soldaten, die bisher an Krebs gestorben sind, in Bosnien stationiert waren und nicht im Kosovo. An einem Nachweis durch wissenschaftlich valide Untersuchungen ist die Nato natürlich nicht interessiert, denn wenn ein Zusammenhang nachgewiesen würde, kämen auf nicht absehbare Zeit gigantische Schadenersatzforderungen auf sie zu. Eine Ächtung dieser Waffen lehnt die Nato ab. Die Engländer haben ihre Tests mit Uran-Munition, trotz vieler Proteste, wieder aufgenommen. 3) Um die Soldaten zu beruhigen, wird unumwunden zugegeben, dass die Gefährdung der Zivilbevölkerung sehr viel größer war und noch ist. Besonders bei Kindern, die mit Munition oder auf Panzern oder auf kontaminiertem Boden gespielt hätten, sei eine Schädigung durch äußere Strahlung möglich. Aber auch das Einatmen oder Verschlucken radioaktiven Uran- oder Plutoniumstaubs sei bei Kindern viel wahrscheinlicher als bei Soldaten, die in den entsprechenden Gebieten Schutzanzüge und Atemmasken tragen sollten. (Was den Soldaten in Bosnien aber erst sechs Jahre später mitgeteilt wurde).

Die Kinder hat keiner gewarnt.

Sie können jetzt, also fünf Jahre nach dem Bosnien- und 11/2 Jahre nach dem Nato-Krieg, erfahren, dass ihre Spiele hochgefährlich gewesen sein können und weiterhin sind.

Ende Juni beginnen die Kinderfreizeiten 2001. In der bosnischen und jugoslawischen Presse wurde über die DU-Geschosse informiert. Welche neuen Ängste überlagern oder verstärken nun die Traumata? Können wir die Kinder und ihre BetreuerInnen guten Gewissens beruhigen, wenn selbst Scharpings "Gut"achter sagen, die Kinder seien besonders gefährdet?

Helga Dieter

Der Beitrag von Helga Dieter musste für den Abdruck in illoyal zu unserem Bedauern erheblich gekürzt werden. 
Das Komitee für Grundrechte und Demokratie hat Rudolf Scharping sechs Fragen zum Einsatz von DU-Munition und den daraus resultierenden Gefahren gestellt und wartet nun auf Antwort. Diesen offenen Brief und den ungekürzten Artikel sendet die Redaktion auf Anfrage gern zu.

1) Monitor, 24.04.99.

2) FR, 16.01.01.

3) FR, 21.02.01.

illoyal@Kampagne.de