| Liebe Leserin und lieber Leser,
träumen Sie den Traum der Kommune noch immer? Hängt in Ihrer Wohnung noch irgendwo dieses Plakat mit dem Bild des Ché? Oder denken Sie bei "Liberté, toujours" bloß an Zigaretten? Wir jedenfalls werfen mit dem Schwerpunktthema dieser Ausgabe einen Blick auf die liebste Projektionsfläche der verbliebenen Linken - Befreiung, nationale Befreiung genau genommen. Was wird aus den Befreiern in der Freiheit? Welche Wahl treffen sie, wenn sie an die Macht gelangen, und hätte es auch eine andere Wahl gegeben? Was geschieht, wenn aus den Eliten der Revolution Machteliten werden, beschreiben Björn Aust und Ulrich Goedeking an Beispielen aus Afrika und Lateinamerika. Ulrike Borchardt zeigt, wie durch eine erfolgreiche antikoloniale Befreiungsbewegung, die FLN, in Algerien dauerhaft eine Dominanz des Militärischen über das Zivile installiert wurde, die wahrscheinlich nicht wenig zur heute von Gewalt geprägten Situation im Lande beigetragen hat. Eric Töpfer hat über die in Europa wenig bekannten, aber mehr als nur nennenswerten Aktivitäten maoistischer Volkskrieger in Südindien und Nepal recherchiert. Für afrikanische Staaten hoffte man nach ihrer Befreiung aus dem kolonialen System auf Frieden, Freiheit, Prosperität, um heute feststellen zu müssen, dass eine neue Art gewaltsamer Konfliktbearbeitung entstanden ist. Das "Nationale" oder auch nur "Ethnische" wird zum Vorwand lang andauernder Konflikte, die für Tausende und Millionen den Tod bedeuten, aber fern in Europa gern als undurchschaubar interpretiert werden, weil so die eigene Verstrickheit in die gewaltförmigen ökonomischen Unterschiede des Nord-Süd-Gefälles sich besser verdrängen lässt. Auf andere Art verstrickt ist insbesondere die deutsche Linke in den Konflikt zwischen PLO und israelischem Staat. Tina Meyer beschreibt, wie Solidarität mit den PalästinenserInnen zum willkommenen Anlass wird, antisemitische Haltungen auszuleben. Von der "Zärtlichkeit der Völker" ist wohl manchen nur das "Volk" im Ohr geblieben. Deshalb hat die gruppe demontage für illoyal das Feld zwischen sozialer Befreiung, nationaler Bewegung und völkischen Illusionen ausgeleuchtet. Wer heute noch von nationaler Befreiung träumt, sollte sich die Auseinandersetzung mit diesen Begriffen lieber nicht ersparen. Material, über das es sich zu streiten lohnt, gibt es weit mehr, als wir in einer illoyal drucken können. Außerdem in diesem Heft: Was hat Uranmunition mit Kinderferien zu tun? Asyl für Deserteure der serbischen Armee? Würdiges Gedenken für Deserteure der Wehrmacht? Bessere Bedingungen für Kriegsdienstverweigerer in Izmir und Istanbul? Auflösung von Preußen in Potsdam? Wir wünschen uns, dass Sie in diesem Heft etwas finden, das Sie bisher nicht gewusst haben, und Ihnen Freude beim Lesen, Nachdenken und Streiten Ihre Redaktion illoyal |