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El Pueblo, "das Volk": Kein Revolutionär Lateinamerikas hat je darauf verzichtet, rhetorisch das Volk zu vertreten. In unendlich vielen Sprüchen, Liedern und Reden ist dieser Anspruch verewigt. Die Bilder von den Feiern nach den beiden jüngsten erfolgreichen Revolutionen Lateinamerikas, in Kuba 1959 und Nicaragua 1979, scheinen den comandantes Recht zu geben: Menschenmassen, die sich durch die Straßen drängen, helle Freude allerorten und in großer Pose auf dem Podium: die Eliten der Revolution, fast ausschließlich Männer, meist in Uniform.
Nach den erfolgreichen Revolutionen veränderten sich zwangsläufig die Rollen. Die Guerillaführer wurden zu politischen Eliten, zum politischen Spitzenpersonal postrevolutionärer Staaten. Sie mussten regieren und Entscheidungen treffen, die auch für ihre Unterstützer oft schmerzhaft waren. Verwaltung musste organisiert werden, eine undankbare Aufgabe für diejenigen, deren Image bei den Revolutionsbegeisterten sowohl in Lateinamerika als auch in Europa eher durch das Bild vom bärtigen Helden geprägt war, der am Flussufer mit der Waffe auf dem Rücken abends Gedichte rezitiert. Der revolutionäre Kampf verfügte über eine besondere Erotik. Der politische Alltag dagegen ist in der Regel ganz und gar unerotisch. Wer waren diese Revolutionseliten und wie hat sich das Verhältnis zwischen ihnen und den jetzt von ihnen regierten Völkern im Laufe der Zeit entwickelt? Welche Denkmuster bestimmen das Handeln der neuen, postrevolutionären Eliten? Weiß und privilegiert Überall in Lateinamerika kamen die Führungspersönlichkeiten von revolutionären Bewegungen überwiegend aus den Mittel- oder Oberschichten, es handelte sich in aller Regel nicht um Bauern, die vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrung von Elend und Armut Widerstand organisiert hätten und zu Guerillaführern geworden wären. Der typische Spitzenrevolutionär ist mit Hausmädchen aufgewachsen, ging auf eine Privatschule und dürfte als Jugendlicher vom Alltag von Bauern oder von den Armen in der Stadt herzlich wenig gewusst haben. Privilegierte Bildungskarrieren waren ein entscheidender Faktor für die politische Sozialisierung späterer Revolutionäre. So formierte sich zum Beispiel der Kern derer, die ab 1971 in Bolivien im Untergrund gegen die Diktatur Hugo Banzers aktiv waren, an der Universität Leuven in Belgien und zwar ausgerechnet in der Zeit um 1968. Es ist unschwer nachzuvollziehen, aus welchen sozialen Kreisen Boliviens der Weg zu einem Auslandsstudium in Belgien führen konnte. Auch Teile der katholischen Kirche haben ihren Beitrag geleistet. In ganz Lateinamerika ist die Kirche mit Schulen und Universitäten stark im privaten Bildungssystem vertreten. Der christlich motivierte Option für die Armen, die Theologie der Befreiung führte nicht wenige in den militanten politischen Widerstand. Als Beispiel für den Weg in politische Ämter nach einer erfolgreichen Revolution sei nur der Nicaraguaner Ernesto Cardenal genannt. Aber es war nicht nur der Bildungsvorsprung, der Abkömmlinge privilegierter Familien für revolutionäre Spitzenfunktionen prädestinierte. In aller Regel reproduzierten sich innerhalb von revolutionären Bewegungen altvertraute gesellschaftliche Hierarchien. Für einen Sohn aus "guter" und selbstredend weißer Familie dürfte es kaum vorstellbar gewesen sein, in der Guerilla im Fußvolk unter einem dunkelhäutigen comandante aus einfachen Verhältnissen zu dienen. Es ist kein Zufall, dass beispielsweise in der kubanischen Staatsführung dunkle Hautfarbe selten ist. Indígenas wegdefiniert In zwei früheren revolutionären Prozessen in Lateinamerika wird die Rollenverteilung anhand sozialer und vor allem ethnischer Kriterien und deren Folgen für den postrevolutionären politischen Alltag besonders deutlich. In Mexiko begann mit der Revolution 1917 die bis zum Jahr 2000 andauernde Herrschaft der "Partei der Institutionalisierten Revolution" (PRI), und in Bolivien 1952 war es die "Nationalistisch-Revolutionäre Bewegung" (MNR), die die Macht übernahm. Gleichzeitig zeigt sich in beiden Fällen, wie zwiespältig der Rekurs auf "die Nation" in postrevolutionären Gesellschaften werden kann. Beide Länder sind durch einen hohen Anteil indianischer Bevölkerung geprägt, in Bolivien bildet diese sogar die Bevölkerungsmehrheit. In Mexiko trat an die Stelle der aggressiven Abgrenzung der Weißen von den "indios" die Ideologie des Mestizentums. Mit großem Stolz machten die PRI-Führer wichtige Persönlichkeiten aus der indianischen Geschichte wie zum Beispiel Montezuma quasi zu Nationalheiligen, was ausgesprochen progressiv klang etwa im Vergleich zu Peru, wo immer noch der spanische Eroberer Pizarro als Statue vor dem Präsidentenpalast in Lima steht. Beide historischen Bezugspunkte, die spanisch-europäisch geprägte Kultur und die indianischen Hochkulturen wie Azteken und Maya wurden gleichermaßen zusammengeführt in der Behauptung: "Wir sind alle Mexikaner, wir sind alle Mestizen". Damit definierten die revolutionären Eliten, mit wenigen Ausnahmen im kulturellen Sinne Weiße, die Nation - und gleichzeitig definierten sie die Existenz indianischer Kulturen im modernen Mexiko einfach weg, oder genauer gesagt: die indianischen Kulturen wurden verdrängt ins Historische und Folkloristische. Wo es keine ethnischen Unterschiede mehr gibt, gibt es auch kein Problem ethnisch begründeter Hierarchien in der Gesellschaft. Dazu entwickelte die PRI ein nahezu perfektes System der Herrschaftssicherung. Jede Opposition, jeder Widerstand wurde nach Möglichkeit in das System PRI einbezogen, bevor es zum offenen Konflikt kommen konnte. Wer über einen Posten oder über andere Privilegien einmal Teil des Herrschaftssystems war, würde nicht mehr aufbegehren, so die über Jahrzehnte wirksame Formel. Die bolivianischen Revolutionäre von der "Nationalistisch-Revolutionären Bewegung" (MNR), die 1952 die Macht übernahmen, waren durchweg Spanisch sprechende Weiße aus den städtischen Mittel- und Oberschichten, die nie mit der Waffe in der Hand durch die Berge gestapft waren. Sie knüpften an das ideologische Muster der mexikanischen PRI an, Aymaras und Quechuas wurden nicht gefragt, ob sie sich als Mestizen verstehen. Auch wenn die MNR-Spitzen nicht so erfolgreich wie die PRI in Mexiko ihre Herrschaft absichern konnte, sind die Parallelen doch deutlich: Zwar setzten die revolutionären Regierungen einschneidende Maßnahmen durch, so in Bolivien ab 1952 die Verstaatlichung der großen Minen, das allgemeine Wahlrecht und eine Agrarreform, zu der die Regierung allerdings von protestierenden Bauern gedrängt werden musste. Charakteristisch ist aber für beide Revolutionen, wie paternalistisch die revolutionären Eliten gegenüber dem jeweiligen Volk agierten, in dessen Namen sie zu handeln behaupteten. Es ging eben nicht darum, politische Willensbildung von unten zu ermöglichen, sondern darum, die eigenen revolutionären Vorstellungen umzusetzen und an der Macht zu bleiben. Herrschaft ist Freiheit Ein zentrales Denkmuster war dabei sehr hilfreich: die Vorstellung, in der Revolution drückten sich per se die Interessen des Volkes aus und damit rechtfertige sich auch eine paternalistische, autoritäre Durchsetzung der entsprechenden Maßnahmen durch die herrschende Revolutionspartei. Daraus resultierte konsequenterweise auch ein tiefes Misstrauen gegenüber demokratischen Wahlen und der Zulassung organisierter Opposition, könnte das Volk doch mangels revolutionärer Reife eine "falsche" Entscheidung treffen. Und wenn schon Wahlen stattfinden mussten, war eben für das richtige Ergebnis zu sorgen - in Mexiko hat man damit Erfahrung. Dieses Denkmuster zieht sich durch alle lateinamerikanischen Revolutionen, so unterschiedlich diese auch gewesen sein mögen. Vor allem in Mexiko und in Kuba hat es dafür gesorgt, dass Initiativen aus der Gesellschaft, die für Debatten und für Bewegung hätten sorgen können, am Misstrauen einer versteinerten Revolutionsbürokratie scheiterten bzw. noch weiter scheitern. Realpolitisch betrachtet mag das Misstrauen der Revolutionseliten gegenüber Oppositionellen in so manchem Fall berechtigt gewesen sein, so wurde die letztlich erfolgreiche Wahlkampagne der Konservativen Violeta Chamorro in Nicaragua 1990 mit Sicherheit vehement aus den USA unterstützt, um die Sandinisten aus der Macht zu verdrängen. Den kubanischen Kommunisten muss man zugestehen, dass sie immer unter immensem Druck von Seiten der USA standen und stehen und hinter vielen (exil-)kubanisch-oppositionellen Aktivitäten das Bestreben steht, der Revolution den Garaus zu machen. Der in Lateinamerika allgegenwärtige Druck der USA hat nicht umsonst dafür gesorgt, dass auch die kubanische und die nicaraguanische Revolution einen starken nationalistischen Impetus hatten. Es ging nicht nur um den Sieg des Sozialismus, sondern auch um den Sieg der eigenen Nation gegen die große Macht im Norden und ihre Statthalter vor Ort. Bürokratisierte Revolution Das Dilemma ist deutlich. Auf der einen Seite stehen erfolgreiche Revolutionen, durchgesetzt und erkämpft unter Führung von Revolutionseliten, die gewissermaßen automatisch zu politischen Eliten der postrevolutionären Staaten wurden. Die Errungenschaften müssen gesichert werden gegen den möglichen Widerstand alter Machthaber oder auch gegen die Bedrohung von außen. Eine Generation von Revolutionsführern tut alles, um dem Erfolg der Revolution zu sichern. Die Gefahr ist groß, dass die Kehrseite einer solchen Entwicklung nur allzu deutlich wird: bürokratisierte Revolutionen, Eliten, die sich selbst für unersetzlich halten, die sich und die eigene Partei mit der Revolution, mit der Nation und dem Volk überhaupt identifizieren, kurz: Eliten, die den Kontakt zur Gesellschaft und zur Realität verlieren und den Glanz der erfolgreichen Revolution für einen ewig leuchtenden Heiligenschein halten. Dazu kommt, dass nicht wenige Revolutionsführer Gefallen an der Macht und den Privilegien finden, die mit einem hohen politischen Amt verbunden sind und schon deshalb wenig Neigung zeigen, sich demokratischen Prozeduren zu stellen. Erotik des Widerstands Es ist kein schmeichelhaftes Bild von revolutionären Eliten, das hier bislang gezeichnet wurde, und dieses Bild lässt außer acht, wie viele Spitzenpolitiker und -politikerinnen aus revolutionären Bewegungen hervorgegangen sind, die sich in politischen Ämtern im Alltag nach der Revolution bewährt haben. Unfair wäre es auch, all ihnen pauschal persönliche Eitelkeit und Machtverliebtheit zu unterstellen. Es fällt allerdings auf, wie oft sich die Wege ehemaliger Kampfgefährten getrennt haben, sobald ein Spitzenrevolutionär an der Macht seine Autorität auch innerhalb der Bewegung durchsetzte und dabei quer denkende Mitstreiter zum Problem wurden. Die Sandinisten in Nicaragua bieten ein Beispiel dafür. Bis heute hat Daniel Ortega, der erste Präsident des revolutionären Nicaragua, den Führungsanspruch innerhalb der früheren Guerillabewegung und heutigen Partei FSLN nicht aufgegeben. Allerdings haben viele Sandinisten der ersten Stunde längst die FSLN verlassen, der frühere Vizepräsident Sergio Ramírez ist nur das prominenteste Beispiel. Auch die Liste der früheren Weggefährten Fidel Castros, die inzwischen Kuba verlassen haben und im Exil leben, ist lang. Der politische Alltag entzaubert oft die Revolutionseliten, die sich noch vor kurzem im Glanz des Sieges feiern ließen. Einer allerdings, der berühmteste Revolutionär Lateinamerikas, hat es geschafft, in der kollektiven Erinnerung nicht nur von politisch Linken ungebrochen Idol zu bleiben: Ché Guevara. Ohne Weiteres hätte der gebürtige Argentinier nach der Revolution als Spitzenfunktionär in Kuba bleiben können. Bekanntlich entschied er sich gegen das Funktionärsleben und ging nach Bolivien, um die Revolution weiterzutragen. Sein Kommando wurde in den Bergen Zentralboliviens von Militärs gestellt und ermordet. Der Ché konnte nicht zuletzt deshalb zur verklärten Revolutionsikone werden, weil er Guerrillero blieb, anstatt zum Regierungspolitiker zu werden. Er blieb dort, wo der Kampf "Gut gegen Böse" auf dem Programm stand, sozusagen auf der erotischen Seite der Revolution. Auch er scheiterte aber letztlich am schwierigen Verhältnis zwischen Spitzenrevolutionären einerseits und "dem Volk" andererseits. Völlig falsch hatte er die bäuerliche Bevölkerung in den zentralbolivianischen Anden eingeschätzt. Mit seinem Kommando bewegte sich der Ché dort eben nicht wie ein Fisch im Wasser, sondern blieb ein beargwöhnter Fremdkörper. Dieser Fehler kostete ihn und seine Mitstreiter das Leben, dem "Mythos Ché" allerdings hat dies keinen Abbruch getan. Ulrich Goedeking |