illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 15 Frühling 2001

"Rebels Incorporated"

Guerillaorganisationen und die politische Ökonomie afrikanischer Kriege

"Der Guerillero kämpft entschlossen für die Vernichtung der alten Gesellschaftsordnung und für die Schaffung einer neuen: für soziale Gerechtigkeit. (...) Das Verhalten der Zivilbevölkerung gegenüber wird durch eine hohe Achtung (...) bestimmt. Die Guerilla muss ihre moralische Überlegenheit über die Soldateska der Diktatorenarmee durch die Tat beweisen." Diese Grundsätze, die der Berufsrevolutionär und Theoretiker des Guerillakrieges Ernesto Ché Guevara in den 60er Jahren aufstellte, erscheinen heute wie nostalgische Verklärungen, die wenig mit wirklichen Kriegen zu tun haben: Zwar finden Kriege gegenwärtig fast ausschließlich innerhalb schwacher Staaten der "Dritten Welt" statt, in denen Rebelleneinheiten gegen Truppen von Regierungen kämpfen, die formal demokratisch, faktisch aber autoritär sind. Allerdings entsprechen weder die aufständischen Konfliktparteien noch deren Kriegsziele und schon gar nicht die Praktiken der Kriegführung den Vorstellungen vom sozialrevolutionären Guerillakrieg, der von der politischen Linken lange Zeit idealisiert wurden.

Nach wie vor führen Guerillaorganisationen Vokabeln wie "revolutionär" oder "Volksbefreiungsbewegung" in ihren Namen, doch definieren ihre Führer die politischen Ziele immer häufiger über "ethnische" Identitäten. In aktuellen innerstaatlichen Kriegen überlagern sich tatsächlich ethnopolitische, religiöse und sozio-politische Konfliktgegenstände. Zwar kämpfen die Guerillas vorwiegend mit Kleinwaffen (Gewehren, Maschinengewehren und leichter Artillerie) in Kriegen ohne feste Frontlinien, die durch Hinterhalte und kleinere Scharmützel gekennzeichnet sind. Doch häufig zersplittern Rebellenverbände mit fortschreitender Kriegsdauer in kleine Gruppen, die sich untereinander bekämpfen. Dies begünstigt den Machtzuwachs von Söldnern, privaten Militärfirmen und lokalen Warlords (Kriegsfürsten), die den Krieg als reines Geschäft betrachten. Außerdem nehmen immer offenere Formen der Kooperation zwischen bewaffneten Einheiten der Kriegsgegner zu, die militärische Gefechte vermeiden und statt dessen Handel mit Schmuggelwaren aller Art treiben. Im krassen Gegensatz zu den Theorien des Guerillakriegs steht vor allem die Beobachtung, dass sich heute die militärische Gewalt in Form von systematischen Ausschreitungen (z.B. Vertreibung und Massaker) vor allem gegen Zivilisten richtet: Sie stellen den größten Anteil der Kriegsopfer und sind direkt von Kampfhandlungen sowie von Flucht, kriegsbedingten Hungersnöten und Seuchen betroffen.

"Um es in den Worten Carl von Clausewitz' auszudrücken - der Krieg wandelte sich zunehmend zur Fortsetzung der Ökonomie mit anderen Mitteln." Die zugespitzte Aussage des Politökonomen David Keen trifft den Kern der Entwicklung aktueller Kriege. Tatsächlich bildeten sich an den Kriegsschauplätzen Afrikas Wirtschaftsformen heraus, welche Interessen freisetzen, die den Krieg verlängern. Bewaffnete Akteure nutzen den Krieg, um sich durch den Raubbau von Rohstoffen, Edelsteinen, Tropenhölzern, durch Plünderung und Schutzgelderpressung auf Kosten der Zivilbevölkerung zu bereichern. Die bewaffnete Gewalt sichert die kurzfristige Verfügbarkeit dieser Profite. Gleichwohl bedeuten diese Bereicherungspraktiken keine "Entpolitisierung" aktueller Kriege, doch bezeugen sie einen Wandel in den Formen politischer Herrschaft, für die ökonomische Faktoren an Bedeutung gewonnen haben.

Politische Rahmenbedingungen und Guerillaorganisationen im Wandel

Dies kann mit einer historischen Skizze gezeigt werden: Die antikolonialen Befreiungsbewegungen der 60er und 70er Jahre orientierten sich an europäischen und zumeist sozialistischen Staatskonzepten, die auf die agrarisch geprägten und kulturell heterogenen Gesellschaften Afrikas übertragen wurden. So entstanden im Zuge der Dekolonisation hierarchische und oft auf eine Person zugeschnittene Guerillaorganisationen und Staaten. Dort existierten von Beginn an ausgeprägte Spannungsverhältnisse zwischen zentraler, "moderner" Führung und lokalen, traditionellen Autoritäten, welche die Regierungen durch die Einbindung lokaler Führer in klientelistische Netzwerke und militärischen Zwang einzudämmen suchten. Für die Bevölkerungen wurden die politischen Ideologien hingegen zunehmend zu leeren Formeln. Im Ergebnis belebten Staatsführer die "Teile und herrsche"-Strategien ehemaliger Kolonialmächte neu und schufen damit die Legitimation für eine zweite Generation von Aufstandsbewegungen mit örtlicher Basis in peripheren Regionen. Aufgrund ihrer begrenzten Verankerung waren diese noch stärker auf Versprechungen politischer und wirtschaftlicher Pfründe an potenzielle Verbündete angewiesen.

Der Ost-West-Konflikt, den die Supermächte USA und Sowjetunion und ihre Verbündeten ab Mitte der 70er Jahre verstärkt auf afrikanischen Kriegsschauplätzen austrugen, stabilisierte Staaten und Guerillaorganisationen gleichermaßen, obwohl es zu zahlreichen Umstürzen durch Kriege und zu Putschversuchen kam, in denen ehemalige Kolonialmächte (vor allem Frankreich), amerikanische und sowjetische Geheimdienste häufig mitmischten. 1) Die inzwischen autoritären afrikanischen Regierungen nutzten die Rivalität der Supermächte, denn diese gewährten finanzielle Unterstützung und Militärhilfen an Staatschefs, die politische Loyalität versprachen. Zahlreiche Regimes von Angola bis Somalia finanzierten auf diese Weise über Jahre ihren Machterhalt sowie die Kriegführung gegen Rebellen - machten sich dadurch jedoch auch abhängig von externer Hilfe und ausländischem Einfluss. Ebenso finanzierten die Supermächte auch Rebellenbewegungen, die gegen Regierungen des jeweils anderen Lagers kämpften.

Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts sank die Bereitschaft des Westens, afrikanische Potentaten zu unterstützen. Militärhilfen versiegten und "zivile" Entwicklungshilfen wurden reduziert. Um weiterhin Kredite und externe Hilfen zu bekommen, mussten sich afrikanische Regierungen nun verstärkt dem Diktat neoliberaler Strukturanpassungsprogramme (SAP) der internationalen Finanzinstitutionen beugen. 2) Die SAP führten in den afrikanischen Staaten zu wachsender Exportabhängigkeit, erhöhter Verschuldung, zu verschärfter Armut und grassierender Korruption. Die Kürzungen staatlicher Etats, die auch Polizei- und Militärapparate betrafen, bewirkten zudem eine fortschreitende Aushöhlung der Staaten. Diese Entwicklung beeinflusste auch die afrikanischen Rebellenorganisationen, die generell von der Schwächung staatlicher Parteien profitierten, aber ebenfalls vom Versiegen externer Unterstützung betroffen waren. In den 90er Jahren entstand u.a. in Liberia und Sierra Leone der neue Typus des "Warlord-Rebellen". Für diese ist der Staat lediglich eine Kriegsbeute, die Kontrolle über formale Machtstrukturen und informelle wirtschaftliche Netzwerke verspricht. Demgegenüber bleiben politische Programme unklar und beliebig. Auch zahlreiche "klassische" Bewegungen wandelten sich zu reinen Warlord-Organisationen.

Globalisierte Warlord-Politik

Zur Kriegsfinanzierung greifen Rebellen und ihre staatlichen Gegenspieler heute auf lokale Einnahmequellen zurück, deren Erträge kurzfristig verfügbar sind. Da die industrielle Produktion unter Kriegsbedingungen unmöglich oder zu zeitaufwendig ist, beschränkt sich die Kriegswirtschaft in der Regel auf die Ausbeute von Primärgütern: Der Raubbau und Export von Edelmetallen, z.B. Gold in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) und Diamanten in Angola und Sierra Leone, von Erzen (DRC und Liberia) und wertvollen Agrarrohstoffen wie Tropenhölzer (in Liberia) wirft die höchsten Gewinne ab. Dabei bevorzugen Rebellen Bodenschätze, die ohne technischen Aufwand gewonnen werden können. Doch finden sich vor allem im Minensektor westliche und südafrikanische Firmen, die technisch aufwendigere Rohstoff-Förderung übernehmen. Die harte Arbeit in den Minen leisten die lokale Bevölkerung und Fremdarbeiter unter Zuständen, die Beobachter als moderne Form der Sklaverei bezeichnen.

In rohstoffarmen Regionen profitieren Kriegsparteien von der Not der Zivilisten, die ihre Lebensgrundlage durch Kampfhandlungen oder Flucht verloren haben und von internationalen Spenden abhängig sind. Bewaffnete Gruppen und Regierungsbeamte zweigen internationale Hilfslieferungen für den Verkauf auf Schwarzmärkten ab, erpressen Schutzgelder von Helfern oder entwenden Ausrüstungsgegenstände von humanitären Organisationen. Im Sudan, in Somalia und der DRC hat die politische Ökonomie des Hungers extreme Ausmaße angenommen: Helfer berichten, dass Kriegsparteien durch Vertreibung und Plünderung bewusst humanitäre Katastrophen provozieren, um von internationalen Hilfslieferungen zu profitieren.

Rebellen benötigen Waffen, Munition, Fahrzeuge und anderes Kriegsgerät, das vor Ort nicht (mehr) produziert wird. Deshalb werden Händler, die über Kontakte zu Mittelsmännern verfügen, zu wichtigen Akteuren. Sie gewährleisten die Anbindung der Kriegswirtschaft an regionale und internationale Märkte. Die Einfuhr von Waffen und Munition sowie der Export von Gütern, die mit Sanktionen belegt sind (wie zum Beispiel Diamanten aus Angola), erfolgt über verschlungene und illegale Kanäle. Dennoch gehören die Handelspartner von Rebellenorganisationen auf dem Weltmarkt nicht nur zu internationalen Mafia-Kreisen: Gegen Gewinnbeteiligung stellen zum Beispiel anerkannte Regierungen falsche Herkunftspapiere für Waren und Rohstoffe aus. Auch für westliche und regionale Konzerne der regulären Weltwirtschaft ist der Rohstoffhandel in Krisengebieten lukrativ, da finanzschwache Rebellen (aber auch Staaten) unter militärischem Druck ihre Güter weit unter Weltmarktpreisen anbieten. Alle Beteiligten profitieren von der Globalisierung, die es Rebellen, Schmugglern und transnationalen Konzernen ermöglicht, grobmaschige internationale Handelskontrollen und Gesetzgebungen in Empfänger- wie Produzentenstaaten zu umgehen und die Gewinne aus illegalen Geschäften über Briefkastenfirmen, in Steueroasen oder Freihandelszonen zu waschen.

Kriegswirtschaften als Herrschaftsformen jenseits von Staatlichkeit

Die "Umstrukturierung" der Kriegswirtschaft von externer Unterstützung auf die Inwertsetzung lokaler Ressourcen ist in ihrer politischen Bedeutung kaum zu unterschätzen. Waffenbesitz, die Kontrolle über lokale Ressourcenvorkommen, Kontakte zu Händlernetzwerken reichen aus, einen Krieg gegen einen schwachen Staat führen zu können oder sich als Warlord von einer größeren Guerillabewegung abzusetzen. Diese Faktoren wecken das Interesse ausländischer Investoren und externer Patrone (z.B. Regierungen von Nachbarstaaten), die von der örtlichen Kriegführung profitieren und sie durch die Rohstoffnachfrage, durch Waffendeals oder offene militärische Intervention anheizen. So wird bewaffnete Gewalt selbst Ware und Zahlungsmittel der Kriegswirtschaft, Bereicherung zur Voraussetzung für militärische Macht und politische Herrschaft, und Gewalt zur Voraussetzung für Bereicherung.

Ein klares politisches Programm ist in diesem Kreislauf ebensowenig notwendig wie der Rückhalt in der Zivilbevölkerung, die als Rekrutierungspotenzial oder Arbeitskräftereservoir zur Ressource der Kriegswirtschaft wird. Doch die Entfremdung von der Bevölkerung birgt fatale politische Konsequenzen: Kriegsparteien sind faktisch Banditen, deren Abhängigkeit von informellen Wirtschaftsbeziehungen und instabilen politischen Allianzen mit externen Kriegsprofiteuren wächst. Die Beendigung der Kämpfe durch Verhandlungen ist für sie daher mit Risiken verbunden: Ihre geringe Legitimität gefährdet die politische Zukunft der Bewegungen und bringt möglicherweise Strafverfolgung mit sich, und auch ökonomische Pfründe der Kriegswirtschaft lassen sich nicht ohne weiteres in den Frieden "retten". Diese Abwägung treffen auch schwache autoritäre Regierungen, so dass weder staatliche Parteien noch Rebellen ein Interesse an der Überwindung des Kriegszustands haben, der ihnen zumindest persönliche Bereicherung und örtlich begrenzte, dafür aber direkte und nicht durch formale Institutionen kontrollierte politische Herrschaft sichert. Kriegswirtschaften entwickeln sich somit zu Gesellschaftsformen, die durchaus durch die Abkehr von staatlicher Macht, nicht jedoch durch den Verzicht militärisch-politischer Eliten auf direkte Herrschaft und ökonomische Ausbeutung zu bewerten sind.

Björn Aust

1) Eine bedeutende Rolle spielte auch die Einmischung des Apartheid-Regimes Südafrikas auf der Seite reaktionärer Regierungen und Rebellenorganisationen im Süden Afrikas.

2) Die SAP, die bereits in den 80er Jahren von IMF und Weltbank propagiert wurden, verlangten u.a. den Abbau staatlicher Bürokratien, die Rücknahme von Sozialleistungen, die Privatisierung von Staatsunternehmen und die schrittweise Marktöffnung (Rücknahme von Zöllen und Importbeschränkungen).

Literatur:

Berdal, Mats / Malone, David (Hg.), Greed and Grievances. Economic Agendas in Civil Wars. Boulder 2000.
Clapham, Christopher (Hg.), African Guerillas. Indianapolis 1998.

DeWaal, Alex, Contemporary Warfare in Africa, in: Kaldor, Mary/Vashee, Basker (Hg.), New Wars: Washington/London 1997, S. 287-323.

Guevara, Ernesto Che: Guerilla - Theorie und Methode. Berlin 1968.
Jean, François / Rufin, Jean-Christophe (Hg.) 1996, Économies des Guerres Civiles. Paris: Hachette.
Keen, David, The Economic Functions of Violence in Civil Wars: New York: Oxford University Press, Adelphi Paper 320,1998.

Lock, Peter, Privatisierung der Sicherheit oder private Militarisierung?, in: Rolf Hofmeier / Institut für Afrikakunde (Hg.) Afrika Jahrbuch 1997. Opladen 1998, S. 71-82.

Reno, William, Warlord Politics and African States. Boulder 1999.

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