illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 17 Herbst 2001

Von der Schädlichkeit des Tabakrauchens

Konsequent zu seiner politischen Überzeugung zu stehen, kann manchmal ganz schön weh tun. Der Finanzminister hat mit der Steuerreform zur Finanzierung des Anti- Terror- Programms die privateste aller linken Domänen angegriffen: das Rauchen. Wer erinnert sich nicht an verqualmte Plena: diskutiert, gestritten, Lösungen gesucht, Ideen gehabt, und - geraucht. Endlos viele Zigaretten, eine nach der anderen. Ob unkonventionell- individualistisch selbstgedreht ("Die antike Fanfare", "Die vollgefressene Blindschleiche", "Nach dem Akt", "Der Papierfaden"), ob konservativ mit Filter, mit der treuen Fluffe verwachsen Zeige- und Mittelfinger zu einer untrennbaren Einheit und weisen gleichzeitig über sich hinaus bis ins Ätherische. Welch schönes Sinnbild!

Rauchen verbindet. Raucher erkennen sich gegenseitig nicht nur am "Haste ma Feuer" oder den gelben Fingern: wir riechen einander. Raucher sind störrisch: Sogar die Staatsgewalt, die sich auf jeder Schachtel in Gestalt des mit Hölle und Verdammnis drohenden Bundesgesundheitsministers manifestiert, bringt sie nicht von ihrer Sucht. Rauchen ist anarchistisch: Jeder Raucher läßt die Arbeit Arbeit sein und den Chef Chef und vielleicht auch den Krieg Krieg bei der Frage:"Kommste mit eine rauchen?" Joschka Fischer ist Nichtraucher.

Nun ist in Deutschland der Punkt gekommen, an dem jeder anständige Mensch zwischen seiner Sucht und seinem politischen Gewissen wählen muß. Die neudeutsche Betroffenheit schreit "Angst, Angst!". Unsere Unfähigkeit, sich mit Gefühlen auseinanderzusetzen, wird von den Medien aufgenommen und zurückgeworfen, "Sicherheit, Sicherheit!" echot es und alle haben das schon immer gesagt. Der Staat wird´s schon richten! Der Staat jedoch, das sind die Regierungsparteien und alle oppositionellen, das sind die mächtigen Finanzinteressen hinter und vor diesen Parteien, die sich einen Dreck um deine Angst kümmern. Und das sind die erzkonservativen Militärs wie z.B. Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm, die jetzt Morgenluft wittern.

Drei (!) Milliarden (!) DM werden für das "Sicherheitspaket" benötigt. Und dieses Päckchen hat es in sich: der berüchtigte Paragraph 129a (Strafbarkeit der Gründung, Mitgliedschaft und Unterstützung von terroristischen Vereinigungen) wurde mit §129b auf ausländische Organisationen erweitert, wobei der Verdacht ausreicht, daß sich deren Ziele darauf richten, Straftaten zu begehen. Restriktive Maßnahmen bei der Einreise von Ausländern und Ausländerinnen und Verschärfung der Abschiebepraxis. Stärkung der Ermittlungstätigkeiten der Geheimdienste. Bessere Ausstattung des Bundesgrenzschutzes. Beaufsichtigung des Finanzmarktes. Rasterfahndungen in Berlin und Hamburg: Mindestens zwei Schachteln pro Tag sollten wir uns den Polizeistaat schon kosten lassen, Gesundheit gegen Staatsschutz, ein fairer Tausch für gute Bürger.

Wenn das derzeitige innen- und außenpolitische Konzept der Bundesrepublik auch nur z.T. über die Tabaksteuer finanziert werden soll, wenn die Damen und Herren so könnten, wie sie wollen, dann sind wir bald bei 20,00 DM pro Schachtel. Der Bundesinnenminister empfiehlt: Rauchen gefährdet Ihre politische Freiheit.

Zeigen wir Verantwortung: hören wir mit dem Rauchen auf.

Anke Engelmann

illoyal@Kampagne.de