illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 18 Winter 2001/02

Vom massenhaften gegenseitigen Töten

oder:

Wie die Erforschung des Krieges zum Kern kommt

Unter diesem Titel fand vom 2. bis 4. November bei der Evangelischen Akademie in Loccum die - für Interessierte offene - Jahrestagung des "Arbeitskreises Historische Friedensforschung" statt. Ehrgeiziges Ziel der Tagung war es, das Schweigen vom Töten - für die Forscher eines der zentralen Hindernisse gesellschaftlicher Zivilisierungsprozesse - zu brechen, wissenschaftlich vorzustoßen in die weitestgehend tabuisierten Bereiche der Tötungshandlung.

Die Frage, ob Menschen in der Lage sind, das gegenseitige Töten abzuschaffen, wurde zu Beginn der Veranstaltung von den Initiatoren gestellt und war als Leitfrage für die gesamte Tagung gedacht - sie allerdings wurde zu keinem Zeitpunkt besprochen, geschweige denn beantwortet. Und überhaupt wurden (gesellschafts)politische Konsequenzen aus den gewonnenen Forschungsergebnissen an diesen beiden Tagen nicht einmal gedanklich gestreift.

Einige Vorträge vermittelten vorwiegend empirische Forschungsergebnisse - gewonnen z.B. durch die Analyse von Feldpostbriefen, die Untersuchung von Darstellungen in der Literatur des 20. Jahrhunderts, der Darstellung des Tötens in Dokumentar- und Spielfilmen und von Interviews mit Kriegsberichterstattern. Andere, wie der des Journalisten Winfried Scharlau, der während des Vietnamkrieges persönlich mehrere Jahre von dort berichtete, beschrieben aus eigener Erfahrung - hier der mit der Medienpolitik - die Wirkung unzensierter Kriegsrealität auf die "Moral an der Heimatfront", sprich auf die Bereitschaft von Menschen, in das angeordnete, kollektive Töten einzuwilligen. "Nach den Erfahrungen des Vietnamkrieges haben Militärs das Informationsmonopol nie mehr aus der Hand gegeben."

Über gezieltes Töten während des Zweiten Weltkrieges wurde anhand der Beispiele Belo-Rußland und Babij Jar (Ukraine) berichtet und darüber, wie verschwiegen und verdrängt und wie die Aufzeichnungen der Wehrmacht gesäubert wurden.

Zu den für Nicht-Profis aufschlußreichsten Ausführungen gehörten die über atomare Vergeltung, deutsche Atombewaffnung und die Vorbereitung der Täter auf den Atombombenabwurf auf Hiroshima, vorgetragen von Detlef Bald, die der in Deutschland lebenden und lehrenden Wissenschaftlerin Elcin Kürsat-Ahlers zur historisch-soziologischen Deutung des Tötens in Genoziden und die des Sozialpsychologen Rolf Pohl zur Psychogenese von Massenmördern. Bernd Greiner vom Hamburger Institut für Sozialforschung sprach über die Dynamik eines Massakers, exemplarisch dargestellt an den Ereignissen in My Lai, und formulierte die einzige provozierende These der Tagung: Seine Forschungen belegten, daß sexuelle Gewalt gegen Frauen den zentralen Schlüssel zum Verständnis von Gewalt im Krieg darstellt. Die Erfahrung der Verletzlichkeit des eigenen Körpers wird mit Vergewaltigungsverbrechen kompensiert, Gewalt gegen Frauen als Mittel gegen die Angst vor der Bedrohung der männlichen Unbesiegbarkeit und vor Machtverlust. Die irritierten Blicke und ungläubigen Nachfragen der männlichen Historikerkollegen brachten die unvoreingenommene Zuhörerin abrupt wieder auf den Boden der gesellschaftlichen Tatsachen zurück, wo die Frage, ob Menschen in der Lage sind, das gegenseitige Töten (und Vergewaltigen) abzuschaffen, noch immer offen und unbeantwortet lauert.

Sabine Schaaf

illoyal@Kampagne.de