|
"Wir töteten ein paar Leute, die die Gendarmerie von Tokat nicht töten konnte. D.h., wir machten bei Scharmützeln mit, nichts weiter. Wir wussten auch nicht, was das für Leichen waren, die wir erbeutet hatten, besser gesagt, wer die Leute waren, gegen die wir da gekämpft hatten. Man sagte es uns nicht, und wir fragten auch nicht danach. ‚Das waren Terroristen' hieß es, mehr nicht."
(Protokoll Nr. 1)
"Mehmets Buch" erschien 1999 in der Türkei. Es enthält 41 Protokolle von Berichten türkischer Wehrpflichtiger - "Mehmets" -, die den Militärdienst im Südosten der Türkei abgeleistet haben. Kaum erschienen, war das Buch ein Bestseller, wurde jedoch im Juni 1999 verboten, und Nadire Mater, die Autorin, wurde wegen "Beleidigung der Armee" angeklagt. Inzwischen jedoch ist sie freigesprochen. Mater berichtet in ihrem sehr persönlichen Vorwort, wie sie Kontakt mit den ehemaligen Soldaten aufnahm und diese ihr unter strenger Wahrung der Anonymität einen Einblick in den "Krieg geringer Intensität" und seine Folgen ermöglicht haben. Viele der Männer erzählten und hatten Angst dabei. Manche erzählten nicht alles, manche sprachen nach dem Ende des Interviews weiter und erzählten Dinge, die ihnen zu hart oder zu persönlich für eine Veröffentlichung erschienen. Durch ihren Kontakt mit den ehemaligen Soldaten und die intensive Beschäftigung mit dem Krieg in Kurdistan kam Mater zu der Einsicht, daß das Militär und der Krieg im Zusammenhang damit stehen, daß "sich die Gewalt mit wachsender Geschwindigkeit in der ganzen Gesellschaft ausbreitet". In der OHAL-Zone, dem Gebiet des Ausnahmezustands, ist alles anders: "Dort - im Südosten - vergeht die Zeit wie Blei." - "Du hast überhaupt keine Beziehung zur Menschlichkeit, Verzeihung, du wirst zum wilden Tier. Der Grund liegt darin, dass es jeden Tag Kampf und jeden Tag Tote gibt. Da wird gestorben, gebrandschatzt und gefoltert. Du hast Hunger und Durst. Du weichst dein Brot ein, du haust es mit einem Stein durch und isst es. Du findest kaum Wasser, und das ist dann pechschwarz. Du breitest ein Taschentuch drüber und trinkst, du musst trinken." - "Dort sieht ein Toter nicht so aus wie hier im Westen. Bei uns wird ein Leichnam quittegelb oder schneeweiß. Wenn einer erschossen worden ist, wird er schwarz, und Blutgeruch vermischt sich mit dem Geruch nach Gewehrkugeln." - "'Was für ein Ohr?', fragte ich. Sie lösten die Ohren der Terroristen, die sie getötet hatten, mit Säure in Coca-Cola auf, und aus den Knorpeln, die dabei übrig bleiben, haben sie Schlüsselanhänger gemacht." Die Erzählungen der jungen Männer sind unmittelbar, erschreckend, absurd, durchsetzt von der nicht gewollten Poesie des mündlichen Berichtens. Äußere Stationen der Biographie - wann und wo die Soldaten eingesetzt wurden, ob sie eine Freundin hatten etc. - wechseln oft abrupt mit den Schilderungen von Entbehrungen und Hunger, von Schikanen durch Vorgesetzte und von Menschenrechtsverletzungen: von denen die Soldaten hörten, die sie miterlebten, die sie selbst begingen. Folter und Mord, in Zeitungsmeldungen und Verlautbarungen militärkritischer Gruppen meist auf nüchterne Wendungen reduziert, bekommen hier ein Gesicht, zum Beispiel das einer 13-jährigen kurdischen "Terroristin", die sich aus Angst und weil sie keine Munition mehr hat, freiwillig ergibt. Die Existenz von Kindersoldaten bei der kurdischen Guerilla wird hier - ebenso wie die Menschenrechtsverletzungen des türkischen Militärs - durch Augenzeugen bestätigt. Und überhaupt bleibt es in den Erzählungen der jungen "Veteranen" keine bloße Behauptung, daß die kurdische Bevölkerung der Türkei zwischen Militär und Guerilla zerrieben wird. Besonders hart trifft es diejenigen Kurden, die zum Militär eingezogen und selbst im Krieg im Südosten der Türkei eingesetzt werden, die als Soldaten ihren eigenen Familienangehörigen und unmittelbaren Mitbürgern gegenüberstehen. Das 42. Protokoll gibt nicht den Bericht eines einzelnen Wehrpflichtigen wieder, sondern zählt Beispiele ehemaliger Soldaten auf, die nach ihrer Entlassung aus dem Militär Gewalt gegen sich selbst und andere übten. Der Zusammenhang mit den Erlebnissen beim Militär ist in den zitierten Fällen unmittelbar deutlich. Mater hat diese Ereignisse einfach aufgezeichnet; sie sprechen für sich. Sie entschuldigt nicht, sie entlastet die Täter, die ihre Verwandten, Geliebten oder fremde Menschen umbrachten oder Menschen in einem Flugzeug entführten, nicht von ihrer Verantwortung. Sie zeigt lediglich den Zusammenhang. Und sie nennt in einem umfangreichen Anhang Zahlen: die Höhe der Militärausgaben und den Prozentsatz des Staatshaushalts, der für Bildung reserviert ist, die Zahl der nicht genehmigten Waffen, die Zahl der "Sicherheitskräfte", die im Südosten der Türkei eingesetzt sind, die Zahl der Wehrpflichtigen, die sich ihrer Dienstpflicht entzogen, nicht zur Musterung erschienen oder fahnenflüchtig waren, mehrere Hunderttausend. Und so weiter. Ein ehemaliger Soldat sagt: "Ich hatte keine Angst vor dem Sterben. Ich hatte Angst davor, nicht zu sterben." Wer gern zum Militär will und wer auf keinen Fall zum Militär will, sollte das Buch von Nadire Mater lesen. Ulrike Gramann
Nadire Mater, Mehmets Buch. Türkische Soldaten berichten über ihren Kampf gegen kurdische Guerillas. Aus dem Türkischen von Johannes Cassar. Frankfurt am Main: edition suhrkamp 2001, 435 S., Euro 15,29 |