illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 19 Frühjahr 2002

Worte zum Quartal

 
Liebe Leserin und lieber Leser,

nach dem 11. September 2001 ist zwar keineswegs alles anders geworden - aber es ist auch nicht alles, wie es war. Natürlich, die Mächtigen sind nicht plötzlich ohnmächtig und die Kriegstreiber keine Friedensfreunde geworden. Weder konnten alle afghanischen Frauen den Schleier ablegen, noch die Flüchtlinge zu Millionen aus ihren Zufluchtsländern heimkehren. Die deutsche Rüstungsindustrie hat sich nicht auf die Produktion von Windeln umgestellt, und die MilitaristInnen im Bundestag haben nicht einmal pro forma die alten Aufnäher mit "Schwerter zu Pflugscharen" herausgeholt.

Grundsätzliches ist unverändert, aber die Details haben es in sich, und denen wenden wir uns im Schwerpunkt dieses Heftes zu. "Wer mit wem?" bedeutet in der ganz neuen Weltordnung meist "Wer, wann, wie mit den USA?" Beispiel Südasien: Hier haben die USA zwischen Indien und Pakistan langfristig eine Politik des Teile und Herrsche betrieben, mit dem Ziel, die beiden Nuklearmächte gegeneinander auszuspielen und ihren Einfluß in Südasien in Grenzen zu halten. Beispiel Somalia - ein "Land ohne Staat", in dem sich bewaffnete Organisationen seit einem Jahrzehnt bekämpfen. Mehreren von ihnen ist gemeinsam, daß sie eine Intervention der USA wünschen. Daß dieser Wunsch in Erfüllung geht, ist zu befürchten; Verbesserungen für die Zivilbevölkerung stehen hingegen nicht in Aussicht. Andere Staaten stellen ihre Militärpolitik um, so wandelt sich Japan ähnlich wie Deutschland vom Mitläufer des US-Interventionismus zum Akteur. Auch innenpolitisch hat der "Anti-Terror-Kampf" Auswirkungen. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist Indonesien, das, wie Regierungskritiker bemerken, in der Zwickmühle zwischen Teilnahme am "Anti-Terror-Kampf" und Demokratisierung steckt. Schließlich interpretiert Stefan Gose die neue Nato-Politik der USA und meint, daß die Nato mehr und mehr zur Hilfstruppe degradiert wird. Zu gern hätten wir hier "Putztruppe" geschrieben. Doch zur Hierarchie der aktuellen Weltordnung gehört es, daß die schmutzigsten Arbeiten des Kriegs den Underdogs zugedacht werden, im Fall des Afghanistan-Kriegs den Milizen der Nordallianz. Für diese Soldaten bedeutet der Tod freilich etwas anderes als ein Betriebsunfall, nach dessen Eintreten eine Untersuchungskommission erforscht, wer den Bestimmungen nicht ordnungsgemäß gehorcht hat.

Unser Versprechen, in Heft 18 einen Beitrag über den Bundeswehr-Einsatz in Mazedonien zu bringen, mußten wir wegen des "Anti-Terror-Kampfs" brechen. Ab diesem Heft können wir wieder guten Gewissens in den Spiegel schauen - und wer schon immer wissen wollte, was die Bundeswehr in Mazedonien will, sollte unbedingt den Beitrag von Matthias Küntzel lesen. Außerdem beleuchten wir Gewissensfragen: Jochen Fuchs besuchte israelische Kriegsdienstverweigerer, Antje Hildebrandt berichtet, wie sie kriegssteuermäßig abrüstet, und Peter Steudtner und Arndt Massenbach vom INKOTA-netzwerk zeigen, daß auch Konsum etwas mit Gewissen zu tun hat.

Ihnen wünschen wir offene Augen und Ohren und daß Sie sich auch in diesem Frühling kein Schwert für eine Pflugschar vormachen lassen

Ihre Redaktion illoyal

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