illoyal - Journal für Antimilitarismus

Nr. 19 Frühjahr 2002

Für eine gerechtere Welt

INKOTA... Inkatha... Dakota... Nein: INformation KOordination und TAgungen. INKOTA ist ein ökumenisches Netzwerk von entwicklungspolitischen Basisgruppen, Arbeitskreisen, Kirchgemeinden, Weltläden und Einzelengagierten und existiert bereits seit über 30 Jahren im Osten Deutschlands. Abseits des staatlich vereinnahmenden Solidaritätsanspruchs lagen die Wurzeln von INKOTA im Engagement, für die Zweidrittelwelt, das heißt für die Menschen, die weltweit unter Ungerechtigkeit, Armut und Ausgrenzung leiden, einzutreten. Dies beinhaltet die Bereiche ökumenische Zusammenarbeit mit gleichberechtigten Partnern und Partnerinnen im Süden, wie auch den Konziliaren Prozeß zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, den INKOTA seit den 80er Jahren mit trägt und gestaltet.

Unsere Arbeit widmet sich aktuell so unterschiedlichen Ländern wie El Salvador, Guatemala, Nikaragua, Mosambik und Vietnam, aber auch thematischen Kampagnen, wie den Kampagnen "Saubere Kleidung" und "Erlassjahr.de", und der Durchführung von Anti-Diskriminierungs-Seminaren und -Workshops. INKOTA verbindet so die Unterstützung von Projekten im Süden mit der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit im eigenen Land. Mit Kampagnen, Aktionen, Tagungen und Seminaren sowie durch die unmittelbare Begegnung mit Menschen aus dem Süden wollen wir Menschen hier dafür sensibilisieren, daß die globalen Probleme vor der eigenen Haustür beginnen.

Eine der Stärken von INKOTA ist das Zusammenspiel von hauptamtlichem und ehrenamtlichem Engagement. So nutzt das INKOTA-netzwerk seine mehr als 30-jährige Erfahrung bei der Unterstützung ähnlicher Gruppen vor allem im Osten der Republik. Initiativen und Läden der Aktion "Eine Welt Handel" werden durch die INKOTA-GruppenberaterInnen fachlich und pädagogisch begleitet. Kirchgemeinden und Kommunen, Weltläden und andere Engagierte können sich über INKOTA konkret an Projekten im In- und Ausland beteiligen oder sich beraten lassen.

Zwei Beispiele erzählen aus der Praxis der Arbeit des INKOTA-netzwerkes:

Die Zukunft träumen - Alphabetisierung für Landfrauen in Nikaragua

"Mit 14 habe ich geheiratet und Kinder bekommen. Ich dachte, mein Platz wäre im Haus. Mit 19 begann ich in Kursen des Zentrums Lesen und Schreiben zu lernen, danach holte ich die Unterstufe nach, und inzwischen belege ich Jahrgänge der Oberstufe. Ich bin mir sicher, daß ich eines Tages studieren werde", sagte Inés Rojas aus dem Frauenzentrum Xochilt Acalt in Nikaragua bei ihrem diesjährigen Besuch in Deutschland. Seit über sechs Jahren arbeiten wir mit der Frauenorganisation Xochilt Acalt zusammen. Nachdem wir einige Jahre die hauptsächlich landwirtschaftlichen Komponenten des Projektes förderten, gelang es uns vor zwei Jahren auch, die Alphabetisierung und nachholende Schulausbildung zu unterstützen. Mit Hilfe einer EU-Kofinanzierung, die neben den Spenden für die Durchführung größerer Projekte unentbehrlich ist, können wir zusammen mit Xochilt Acalt und dem Landfrauenkomitee León über 500 Frauen aus den Landgemeinden der Regionen León und Chinandega ermöglichen, Lesen und Schreiben zu lernen oder eine Schulausbildung nachzuholen. Neben den Kursen werden der Kauf von Arbeitsmaterialien, Lehrmitteln und Schulmöbeln finanziert.
Inés Rojas, die selbst durch das Frauenzentrum Xochilt Acalt in Malpaisillo lesen und schreiben lernte, ist heute als Gemeindekoordinatorin eine der engagiertesten Aktivistinnen des Projekts.

Neben einem weiteren Projekt zu ökologischem Landbau in der Region Matagalpa, Nikaragua, unterstützen wir in ihrem Basisbezug ganz ähnliche, aber inhaltlich sehr verschiedene Projekte in El Salvador (Wiederaufbau nach dem Wirbelsturm Mitch und den Erdbeben vom letzten Jahr, Mikrokreditprogramme für Frauen, Gender-Arbeit mit Jugendlichen auf dem Land), Guatemala (Selbstorganisation von indigenen Gemeinschaften), Mosambik (Aids-Prävention, Unterstützung einer ländlichen Frauenkooperative) und Vietnam (Bau eines Behindertenzentrums).

"Todschicke Kleidung - zu welchem Preis?"
Die INKOTA-Straßentheatergruppe piquete

Unsere Projektarbeit sehen wir immer im Zusammenhang mit der Inlandsarbeit. Die Bereiche sind nicht zu trennen, wie das Beispiel der Aktion zur Kampagne "Saubere Kleidung" zeigt:
... Es ist Montagmorgen, 30. Juli, Eröffnung des Sommerschlußverkaufs. Um Punkt 9.00 öffnen sich die Pforten des Konsumtempels, die Menschen stürmen in Richtung Grabbeltisch. Der Kampf um das Schnäppchen beginnt. Eine ältere Dame verteidigt ihre Eroberung - eine blaßrote Rüschenbluse für 19,99 - durch resoluten Einsatz ihrer Handtasche. Der Wühltisch bricht zusammen; die Jagd geht weiter. Im Hintergrund läuft Walzermusik ...

Ein beliebige Szene, die sich an diesem Montagmorgen so oder ähnlich in vielen Kaufhäusern der Republik abspielt? Nicht ganz: Es ist der Beginn einer Theaterperformance der INKOTA-Straßentheatergruppe piquete über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in der internationalen Textilindustrie. Als Aufführungsort haben wir uns diesmal den Platz vor dem KaDeWe, dem Warenhaus-Flaggschiff der KarstadtQuelle AG, ausgesucht. Der Konzern wird von der Kampagne für saubere Kleidung wegen zahlreicher Arbeitsrechtsverletzungen in asiatischen Zulieferbetrieben kritisiert.
Szenenwechsel: Maquila-Arbeiterinnen nähen im Akkord rote Blusen, angetrieben von einer menschlichen Uhr, kontrolliert vom Aufseher, immer schneller, bis zum Umfallen. Wer nicht mehr kann, fliegt raus, wird ausgetauscht. Die freundliche Stimme der Conférencière erklärt dem Publikum, "die Modefarbe des Sommers ist Rot". Inzwischen hat sich eine neugierige Menschentraube um die improvisierte Bühne versammelt. Am Info-Tisch wird über die Forderungen der Kampagne diskutiert. Einige suchen spontan nach einem Hinweis auf das Herkunftsland an ihrer Kleidung, meist ohne Erfolg. Ein Fernsehteam filmt die Aktion, mehrere Radiosender berichten live.

Das KaDeWe schickt lediglich den Wachschutz, der die Aktion kritisch beäugt, um Bericht zu erstatten. Auf Nachfrage bei der Geschäftsführung heißt es nur: "Kein Kommentar". Man solle sich an die Konzernleitung in Essen wenden. Aber ein erster Erfolg zeichnet sich dennoch ab. Aktionen wie diese und die Medienberichterstattung darüber tragen zur Aufklärung der Verbraucher bei und erhöhen den Druck auf den Einzelhandel. So kann KarstadtQuelle die Forderungen der Kampagne für "saubere" Kleidung nicht mehr ignorieren und hat sich zu Gesprächen bereit erklärt.

Der INKOTA-Brief, ...

...die zum INKOTA-netzwerk gehörige Zeitschrift, berichtet sowohl über diese Aktivitäten als auch vor allem in Schwerpunktheften über Themen, die aus den sozialen und entwicklungspolitischen Bewegungen im Nord-Süd-Dialog kommen. Ein Beispiel hierfür ist das letzte Heft "Um jeden Preis? Globalisierte Märkte, Entwicklung und ATTAC", welches in Zusammenarbeit mit ATTAC entstand. Des weiteren bietet er ein Forum für Diskussionen zum Nord-Süd-Konflikt. In ihm finden sich auch der Weltladen-Rundbrief und der Rundbrief ECOVISION, der über ökologische Aktionen und Kooperationen vor Ort in der Bundesrepublik und Lateinamerika berichtet.

Das INKOTA-netzwerk e.V. finanziert sich über Spenden, Mitgliedsbeiträge und über Kofinanzierungen im Projektbereich durch die Europäische Union und das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklungshilfe.
Für die In- und Auslandsarbeit sind wir offen für neue Vereinsmitglieder und mitstreitende Gruppen im Kampf für die EINE Welt und einen gerechten Dialog zwischen Süd und Nord.

Peter Steudtner und Arndt Massenbach

Kontakt

INKOTA-netzwerk e.V.
Greifswalder Str. 33a
10405 Berlin
Tel: 030-4289111
Fax: 030-4289112
E-Mail: inkota@inkota.de
Internet: www.inkota.de

Der INKOTA-Brief erscheint vierteljährlich in einem Umfang von jeweils 40-48 Seiten und ist über die gleiche Adresse erhältlich.

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