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Die Koalitionen und die Fronten der verschiedenen somalischen Parteien, Institutionen und Personen wechseln so schnell, daß die Geschwindigkeit dieser Veränderungen nur noch von der Geschwindigkeit des Wechsels der Einschätzungen und der Unterstützung durch ausländische Staaten übertroffen wird.
Koloniale Geschichte "Somalia" ist eines der wenigen Länder Afrikas, das eine einheitliche Religion, eine einheitliche Sprache und eine einheitliche Kultur hat. Seit etwa 1.300 Jahren gehören über 95 % der Bevölkerung dem orthodoxen sunnitischen Islam der Hanbalschen Rechtsschule an. Die Sprache ist Somalisch, wenn auch mit Mundarten und Dialekten. Die Kultur wird von Fachleuten wie I.M. Lewis als acephale, egalitäre und basisdemokratische Nomadenkultur beschrieben. Somalia umfaßt eine Fläche von 650.000 Quadratkilometern, hat rund 10 Mio. Einwohner und zählt zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt (LLDC) mit einem Pro-Kopf-Einkommen unterhalb der absoluten Armutsgrenze von unter 1 US-Dollar am Tag. Eigentlich hat es mit seinem hohen Lebendviehbestand (Kamele, Rinder, Ziegen und Schafe) seinem Fischreichtum vor der 3.000 km langen Küste, seinen tropischen Pflanzen und Früchten genügend Nahrungsmittel, um seine Bevölkerung zu ernähren. Bis heute wird Lebendvieh, vor allem nach Saudi-Arabien, exportiert. Während des Kolonialismus wurde Somalia in fünf Teile geteilt: Dschibuti, ehemals Französisch-Somalia, Ogaden, ehemals zum italienisch besetzten Äthiopien gehörig, Somaliland - ehemals Britisch-Somaliland, Somalia - ehemals Italienisch-Somalia und Nordfrontier in Kenia - ehemals zum britisch besetzten Kenia gehörig. Machtkämpfe Heute geht es im innersomalischen Machtkampf um die Aussicht, die Macht in Mogadischu zu übernehmen, um damit die Zentralgewalt über das ganze Land zu erhalten und so von den Geldern und anderen Vorteilen der internationalen Gebergemeinschaft profitieren zu können. Um dieses Ziel zu erreichen, werden politische Koalitionen - je nach aktueller Einschätzung der Erfolgsaussicht - mit dieser oder jener Gruppierung häufig neu gebildet oder beendet. Kämpfe werden auf der gleichen Grundlage ausgetragen. Entgegen früheren westlichen Vermutungen werden diese Koalitionen nicht entlang von "Clans" gebildet, sondern entlang von Machtinteressen. Kämpfe und Koalitionsbildungen finden zwischen "Clans" und innerhalb dieser statt. Wer morgen mit wem, wie und warum koaliert oder sich bekämpft, ist kaum vorhersehbar. Im Machtkampf der ausländischen Staaten um Somalia geht es noch wie im letzten Jahrhundert um die geostrategische Lage Somalias und um Bodenschätze. Somalias Lage am Ausgang des Roten Meeres ermöglicht es, den gesamten Schiffsverkehr von und nach Asien und Arabien zu kontrollieren, also den Öltransport von Saudi-Arabien, Iran, Irak in die USA, und wenn die neue Pipeline aus den Kaukasus-Republiken über Afghanistan geht, dann auch den Transport dieses Öls. Außerdem soll es auch in Somalia selbst riesige Ölfelder geben sowie Uran und eventuell auch andere Edelmetalle. Interventionen Unter seinen ersten Regierungen nach der Unabhängigkeit wurde Somalia vom Westen unterstützt. Unter der Regierung von Mohamed Siad Barre (Regierungschef von 1969 bis 1991) erhielt Somalia anfänglich Unterstützung durch die Sowjetunion, ab 1978 vor allem durch die USA. Während der Zeit der Unterstützung durch die USA führte Barre Krieg gegen sein eigenes Volk und ließ u.a. Hargeisa, eine Stadt, im Norden aus der Luft bombardieren, wobei ca. 5.000 Menschen getötet wurden. Von Mord oder Menschenrechtsverletzungen sprachen die USA damals nicht. Nach 1991 - nach dem Sturz von Barre durch die politische Gruppe "United Somali Congress" paßte die politische Richtung ihres damaligen Präsidenten Mohamed Farah Aideed den USA nicht, da er einen deutlich anti-westlichen Kurs beschreiten wollte. So holte er sich Unterstützung von Nachbarländern (Eritrea, Äthiopien), von anderen afrikanischen Ländern (Sudan, Libyen), von arabischen Ländern (z.B. Yemen) und asiatischen Ländern (Malaysia). In Somalia hat eine vorgebliche Friedensmission - wie während des aktuellen Krieges in Afghanistan - Wohnviertel und Krankenhäuser bombardiert. Auch dort bestand der Vorwand darin, einen angeblichen "Terroristen" zu suchen, nur daß man 1993 noch nicht "Terrorist" sprach, sondern von "Warlord". M. F. Aideed wurde schon damals "dead or alive" gesucht, und das Kopfgeld auf M. F. Aideed betrug nur 25.000 US-Dollar, während es für Bin Laden immerhin 25 Mio. US-Dollar beträgt. Nachdem die US-Amerikaner im Rahmen ihrer sogenannten Friedensmission somalische Wohnviertel und Krankenhäuser bombardiert hatten, kam eine anti-westliche, anti-amerikanische Stimmung in der Bevölkerung auf und führte zu den von CNN über die ganze Welt ausgestrahlten Szenen, in denen wütende Somalis einen nackten Amerikaner tot durch die Straßen schleifen. Die USA haben sich bis zu den jüngsten Einsätzen in Afghanistan nicht wieder mit Bodentruppen in ein anderes Land getraut, sondern lassen vor allem Soldaten aus Ländern des Trikont die eigentliche Drecksarbeit erledigen. Die UN-Friedenstruppe in Somalia (UNOSOM I und II) 1992 - 1993 war alles andere als eine Friedenstruppe, sondern führte sich wie eine rassistische Besatzungsmacht auf. Die Bilder von mit verbundenen Augen gefesselten, geknebelten, an Füßen aufgehängten Somalis waren in der italienischen EPOCA und im Stern 1) zu sehen. Viele Jahre später führten diese Ereignisse zu vereinzelten Verurteilungen in Kanada, Italien und anderen Ländern. Die deutschen Truppen in Belet Huen erschossen einen Somali, als er sich ihrer mit Stacheldraht eingezäunten Festung näherte. Der deutsche Staat hat dafür "Blutgeld" bezahlt: etwa 1.000 US-Dollar für ein Menschenleben. Land ohne Staat Somalia als Staat im eigentlichen Sinn ist seit 1991 nicht mehr existent. Obwohl seit Ende 2000 wieder in der UN vertreten, hat es keine vom Volk respektierte oder anerkannte Regierung. Innerhalb der Grenzen von 1960 ist es heute dreigeteilt, wobei keine der "Regierungen" internationale Anerkennung hat. Es gibt in Somalia keine ausländischen Botschaften, und somalische Pässe werden nicht anerkannt. Die drei Teilrepubliken des ehemaligen Staates Somalia sind: Somaliland, Puntland und Somalia. Jeder dieser neuen Staaten verfügt über eine "Regierung" mit dazugehörigem Militär. Aber nicht nur die Regierungen verfügen über Waffen und Armee, sondern jede politische Gruppierung besitzt Waffen, verteidigt sich gegen andere Gruppen und gegen Banditen und setzt auch gegen interne Gegner Waffen ein. Somaliland im Nordwesten hat sich 1991 für unabhängig erklärt, wird geführt von Mohamed Ibrahim Egal und unterstützt vom Somali National Movement. Es wird international nur vom Yemen und von Eritrea anerkannt, galt bis vor kurzem als relativ sicher und erhielt Unterstützung aus dem westlichen Ausland, u.a. auch von der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und der deutschen Welthungerhilfe. Für Ende 2002 sind dort Wahlen vorgesehen. Oppositionen und Einladungen Die Übergangsregierung (TNG) wurde anfänglich von westlichen Nationen, so auch von den USA immer noch als Gegenpart zur Aideed-Gruppe unterstützt. Die Hoffnung, daß das TNG ein wirklicher Machtfaktor werden wird und den Amerikanern strategischen Zugang zur Region und zu den Bodenschätzen ermöglichen würde, hat sich nicht erfüllt. Dem TNG wird heute von den USA unterstellt, daß es "islamistische" Strömungen in der Regierung und im Land zulassen und unterstützen würde, was es seinerseits bestreitet. Es bat nun vielmehr die USA, doch in Somalia nach Terroristen zu suchen, hat also die USA eingeladen, ihre Suchtrupps nach Somalia zu schicken. Aber nicht nur die Übergangsregierung in Somalia, sondern auch Puntland und Somaliland haben den Amerikanern angeboten, von ihrem Gebiet aus den Terrorismus und al-Qaida zu bekämpfen bzw. bei ihnen nach Terroristen zu suchen. Somaliland hat die längste Flughafenpiste Ostafrikas, erhofft sich den Ausbau dieser Piste und hohe Einnahmen durch Landegebühren. Außerdem erhofft es sich die verstärkte Nutzung des modernen Hochseehafens in Berbera, der als Ausgangspunkt für die Terroristenjagd im Irak und Iran strategisch gut gelegen ist. Bisher bevorzugen die Amerikaner (und die Deutschen) jedoch den Hafen von Dschibuti, der ihnen sicherer zu sein scheint. Die aktuelle Opposition gegen die TNG besteht vor allem aus fünf Hauptgruppen, die ihrerseits Untergruppen haben. Die verschiedenen Untergruppen sind sich manchmal näher als ihre eigentlichen Parteien. Die Hauptgruppen sind: 1. Somali Reconstruction and Restauration Council (SRRC), 2. United Somali Congress (USC) mit seinen beiden Zweigen Somali National Alliance (SNA) und Somali Salvation Army (SSA), 3. Rahanwein Resistance Army (RRA), 4. Somali Patriotic Movement (SPM) und 5. Somali National Front. Diese Gruppen fordern zur Zeit allen Ernstes eine internationale Intervention, um eine "wahre" nationale Übergangsregierung zu etablieren. Jede der genannten politischen Gruppierungen ist in sich fraktioniert, und Clans sind nicht mit den einzelnen Gruppen identisch. Interne Kämpfe werden teilweise auch mit Waffengewalt ausgetragen. Oft bekämpfen sich die Gruppierungen, die auch über schlagkräftige Armeen verfügen, gegenseitig, nur um kurze Zeit später gemeinsam gegen eine dritte vorzugehen. Diese Gruppen, die sich in Opposition zur Übergangsregierung befinden, sind im Vergleich zur Übergangsregierung wichtigere Machtfaktoren, auch wenn dies paradox erscheint. Mehrere der Oppositionsgruppen, z.B der USC/SNA, fordern eine internationale Intervention. Gibt es nun Terroristen... ... gibt es al-Qaida in Somalia? Wie bereits erwähnt, ist Somalia seit Jahrhunderten islamisch und hat immer verschiedene islamische Strömungen beherbergt, orthodoxe (hanbal), mystische (Quadriya-Orden) und mehr religiös-politische (Mahdi-Bewegung in den 20er Jahren) ). In den letzten 20 Jahren haben vor allem die Wahhabis (eine islamische Richtung in Saudi-Arabien) Somalia viel soziale Unterstützung, z.B. Schulen, medizinische Einrichtungen, gewährt und so an Ansehen und Einfluß gewonnen. Eine enge Verbindung zwischen Wahhabis und al-Quaida wird von US-Amerikanern offiziell nicht behauptet, da sie ja dann ihren Öl-Verbündeten Saudi-Arabien ins Kreuzverhör nehmen, als "Terroristen" identifizieren oder gar zur "Achse des Bösen" rechnen müßten. Mit Unterstützung der Wahhabis haben sich in Somalia in den letzten 20 Jahren auch neue religiöse Strömungen gebildet, z.B. die Islamische Union, die Al Itihaad al Islamyia, die Verbindungen zu al-Qaida haben soll und so auf der Liste der Terrororganisationen der USA steht. Ihr Einfluß in der somalischen Gesellschaft ist nicht sehr groß. Trotzdem werden Somalis mit Al Itihaad zusammengearbeitet haben, einzelne auch mit al-Qaida. Denn auch al-Quaida hat soziale Einrichtungen wie Waisenheime und medizinische Einrichtungen in Somalia mitaufgebaut und unterstützt. Die größte Bank Somalias war zuletzt die Bank Al Barakaat. Über sie wurden Gelder von Somalis aus der ganzen Welt an bedürftige Verwandte und Freunde in Somalia überwiesen. Dieser Bank werden von den USA Verbindungen zu al-Qaida unterstellt, für die es aber nach Randolph Kent, dem UN Humanitarian Coordinator, kaum Beweise gibt. Die Gelder dieser Bank, rund 40 Mio. US-Dollar) wurden ohne Gerichtsbeschluß - also illegal - im Dezember 2001 von den USA eingefroren und bis heute nicht wieder freigegeben. Inzwischen konnte mit Unterstützung der Skandinavier eine neue Bank gegründet werden. Auch ohne Bank ist Geldtransfer immer über Vertrauensleute und Telefon möglich (Hawala Bank System). Als allerdings die USA in Zusammenarbeit mit den Briten die internationalen Telefonleitungen der Somali Internet Company inklusive Internetzugang kappten und so den ihnen so geheiligten freien Zugang zu Informationen und Meinungen unmöglich machten, schien Somalia für längere Zeit von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. Bald war jedoch dank der Hilfe von skandinavischen Unternehmen ein neues Telefonnetz aufgebaut, und inzwischen ist die Kommunikation wieder möglich. Welche Lösungen sind für ein friedliches Zusammenleben von Somalis in absehbarer Zukunft realistisch? Ende April 2001 ist mit Unterstützung der Intergovernmental Authority on Developement (IGAD), einer Gruppe von sieben Regierungen am Horn von Afrika, eine neue Friedenskonferenz in Nairobi vorgesehen. Die üblichen Fragen tauchen auf: Wer wird einladen dürfen, wer wird eingeladen, wer kommt, und was steht auf der Agenda? Das einzige Ergebnis, das bereits jetzt schon sicher ist: Das Karussell der wechselnden Koalitionen wird sich weiterdrehen. Heli Gerlach |
1) Stern Nr. 42 vom 14.10.93. Heli Gerlach verfolgt die somalische Politik seit 1974 und arbeitet in der Deutsch-Somalischen Gesellschaft mit. Kontakt Deutsch-Somalische Gesellschaft |